Ich wurde schon immer in Schubladen geschoben. Als Theaterkind, als Schauspielerin, als blonde junge Frau. Noch heute glauben Menschen, an meinem Äußeren ablesen zu können, wer ich bin. Und dann folgt die große Überraschung, wenn ich sage, dass ich Formel 1, Eishockey und Gaming liebe und ein totaler League-of-Legends-Nerd bin. „Was? Wirklich? Das hätte ich gar nicht gedacht." Schubladen sind ein Thema, das mich auch im Job immer wieder verfolgt. In der Schauspielbranche heißt es oft, man solle niemals zu lange in derselben Rolle bleiben, sonst gelte man schnell als festgelegt. Und ich mag es, mich immer wieder neu zu erfinden. Sei es äußerlich oder im Beruf.
Meine Pionierrolle im E-Sport
So kam ich 2023 auch zum E-Sport und arbeite seitdem als Kommentatorin für „League of Legends". Es ist eine ganz andere Welt: Andere Herausforderungen. Andere Bedingungen und Regeln. Als Frau in der Gaming-Branche, die stark männerdominiert ist, muss ich mich immer wieder beweisen und durchsetzen. Aber gleichzeitig spüre ich auch, dass meine Stimme etwas wert ist und dass ich etwas verändern kann, wenn ich mich traue, mutig zu sein. Plattformen wie Twitch haben mir dabei eine völlig neue Form von Öffentlichkeit eröffnet. Dort entstehen Communities, in denen nicht zählt, in welche Schublade man passt, sondern was man teilt, wie man denkt und wofür man steht.
Mein Start im E-Sport war nicht leicht, ich musste mich von Null hocharbeiten, Broadcast für Broadcast, Job für Job – und wieder auf andere Art lernen, mit Sexismus und Sexualisierung umzugehen, die in der Gaming- Branche leider noch allgegenwärtig sind. Ich habe aber auch erfahren, welche Kraft es hat, als Frau in dieser Branche etwas zu bewegen. Dass ich damit eine Pionierrolle einnehmen darf, hätte ich zuvor nie gedacht.
Wofür ich meine Stimme nutze
Es ist wichtig, Frauen vor der Kamera zu sehen und ihrer Expertise eine Stimme und Bühne zu geben. Ich selbst hatte bis zu meinem Einstieg nur eine einzige Frau im ESports- Bereich kommentieren hören. Und auch wenn anfangs viele offenbar frustriert darüber waren, dass ich als New Talent schon eine große Expertise mitbrachte, konnte ich mir einen Namen machen. Heute gehöre ich zu den besten Kommentator*innen im DACH-Raum und begleite renommierte Events. Auch international erarbeite ich mir Stück für Stück mehr. Ich setze mich aktiv für die Repräsentation weiblicher und nichtbinärer Spieler*innen ein und darf meine Stimme nutzen, um Menschen eine Bühne zu geben, die diese viel zu selten bekommen. Ich bin Sprachrohr und Schutzschild zugleich. Und es fühlt sich gut an, für einen größeren Zweck einzustehen. Vielfalt ist für mich kein Plan B – sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil. Wir dürfen mehrere Identitäten und Leidenschaften verfolgen und mehr als nur eine Geschichte erzählen. Natürlich schlägt mein Herz weiterhin für meine Schauspielkarriere, doch ich habe mir ein zweites Standbein geschaffen, das mich ebenfalls fordert und fördert. Ich bin unglaublich dankbar, frei entscheiden zu können, wer ich sein und was ich tun will. Gerade in der Öffentlichkeit bedeutet das auch, sichtbar zu machen, dass Identität nichts Starres ist, sondern etwas, das wachsen, sich verändern und neu zusammensetzen darf. Dieses Glück hat nicht jeder und ich habe als Person des öffentlichen Lebens die Möglichkeit, andere auf ihrem Weg zu dieser Freiheit zu unterstützen – selbst wenn es nur bedeutet, immer wieder zu sagen: „Gib nicht auf!"
Unsere Autorin
Luise Emilie Tschersich wuchs in Chemnitz auf und zählt heute zu den bekanntesten Gesichtern ihrer Generation. Sie spielt die Hauptrolle in „Blutige Anfänger“, ist zweifach Grimme-nominiert und wurde 2024 als beste Nachwuchsdarstellerin geehrt. Zudem ist sie eine der Rising Stars der eSports-Szene.
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