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Dezember 2025

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Kolumne

Warum ich weggehen musste.

Aus dem Off in die Stadt

Und warum ich wiederkomme.

In Chemnitz aufzuwachsen, hat sich für mich lange Zeit so angefühlt, als wäre ich ein angekettetes Zirkustier. Viele finden es spannend, aber freilassen will man es nicht. Ich wusste immer, dass ich Schauspielerin werden will, von klein auf. Aber ich hatte in Chemnitz oft das Gefühl, dass dieser Traum „zu groß“ für mich sei. In der Schule war ich das „Theaterkind“, die „Arrogante“, die alle Rollen im Kindermusical bekommt, die „Komische“, die „zu viel redet“. Selbst Lehrer sagten mir bei etwas längeren Redeanteilen im Unterricht „Wir sind hier nicht im Theater“. Das hat sich alles desillusionierend angefühlt.

Doch dann habe ich mein zweites Zuhause im Schauspielhaus gefunden und der Theaterjugendclub hat mir nicht nur wortwörtlich eine Bühne geschenkt. Plötzlich fühlte sich Chemnitz wie eine ganz andere Stadt an: bunt, voller Hoffnungen und Träume. Und so wuchs auch mein Traum wieder ein Stück und ich bewarb mich an der Schauspielschule in Berlin.

Erwachsenwerden in Berlin – Heimweh und Dankbarkeit

An der Ernst Busch zu studieren, war ein Kindheitstraum, der wahr wurde. Und ja, das war in erster Linie der Grund, weshalb ich Chemnitz verlassen musste. Aber rückblickend hat das Schicksal mich aus meiner Komfortzone geholt, damit ich weiter wachsen konnte. Plötzlich waren da keine Glücksgefühle mehr, sondern Heimweh, Angst und Hilflosigkeit.

Der Fakt, dass ich mit 18 in einer anderen Stadt alleine meinen Weg gehen musste, hat mich fertiggemacht. Berlin war zu laut, zu groß, zu bunt, einfach zu viel. Ich saß oft in meiner Wohnung, die ich nie als Zuhause bezeichnen konnte, und habe geweint und darüber nachgedacht, einfach wieder zurückzugehen. Das erste Studienjahr hat mich wirklich emotional an meine Grenzen gebracht.

Aber jetzt, acht Jahre später, kann ich sehen, wie sehr mich diese Zeit vorangebracht hat und wie viel Biss ich entwickelt habe, weil ich mein Kindheits-Ich nicht enttäuschen wollte. Es war der Sprung ins kalte Wasser, der mir das Schwimmen beibrachte.

Was Chemnitz mir bedeutet

Ich lebe jetzt zwar in Berlin, weil diese Stadt mich kreativ herausfordert, inspiriert und sich gerade einfach richtig anfühlt. Aber die 2 Stunden und 45 Minuten nach Chemnitz fahre ich regelmäßig. Denn ohne Chemnitz geht nichts. Meine Familie ist hier. Meine Freunde, die mich kannten, bevor mein Gesicht im Fernsehen zu sehen war. Die Musikschule, in der alles angefangen hat. Das Schauspielhaus.

Ich will diese Erdung nicht verlieren. Ich will immer wieder vor Augen haben, wo alles angefangen hat. So schaue ich mir beispielsweise jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein Kindermusical in der Stadthalle an, weil ich genau weiß: Ohne diese ersten Schritte auf einer Bühne wäre ich heute nicht, wer ich bin und wo ich bin. Und jedes Jahr verdrücke ich dabei ein paar Tränchen. Es fällt mir oft schwer, selbst zu erkennen, was ich bereits erreicht habe. Aber Momente wie diese helfen dabei und setzen so vieles in Perspektive.

Mein Blick auf Chemnitz hat sich verändert. Statt Hoffnungslosigkeit sehe ich Potenzial und Vielfalt. Ich musste weggehen, um schätzen zu lernen, was Chemnitz mir bieten konnte. Die Stadt hat mich geprägt, als Mensch, aber auch als Schauspielerin. Mit ihrer Kultur, mit ihrer Politik und ehrlicherweise auch mit ihrer etwas griesgrämigen Ausstrahlung. Ich möchte hier mehr als anderswo ein Vorbild sein, dafür, dass es sich lohnt, seinen Träumen zu folgen. Und dass man durch Passion und die eigene Stimme so viel bewegen kann.

Über unsere Autorin

Luise Emilie Tschersich wuchs in Chemnitz auf und zählt heute zu den bekanntesten Gesichtern ihrer Generation. Sie spielt die Hauptrolle in „Blutige Anfänger“, ist zweifach Grimme-nominiert und wurde 2024 als beste Nachwuchsdarstellerin geehrt. Zudem ist sie eine der Rising Stars der eSports-Szene.

Luise Emilie Tschersich

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