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Dezember 2025

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Kolumne

Altes Schauspielhaus? Neues Schauspielhaus?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Geht's auch ganz ohne?

Sieht ketzerisch aus. Doch der Traum von Volker Tzschucke lebt

Vorausgeschickt. Erstens: Ich liebe die Theater Chemnitz. Das mag von Saison zu Saison schwanken. Mal holt mich die eine Sparte mehr ab, mal die andere. Mal gefällt mir der Stil der einen Führungspersönlichkeit, mal nicht. Nicht alles begeistert mich. Doch an der grundsätzlichen Liebe zu dieser wunderbaren Institution, zu ihren fünf Sparten, zu all den Menschen, die mir vermittels ihrer Kunst regelmäßig wunderbare Momente schenken, wird sich in diesem meinen Leben wohl nichts mehr ändern. Mögen sie so viel Geld bekommen wie möglich – und angesichts der übersichtlichen Entgelte, mit denen vor allem das Personal auf der Bühne zuweilen auskommen muss, gern noch ein bisschen mehr.

Zweitens: In der Frage altes oder neues Schauspielhaus bin ich nicht (mehr) wirklich neutral. Das alte im Park der Opfer des Faschismus konnte mich architektonisch trotz stetigen Dranherumschraubens nie so recht begeistern und für Schauspiel-Karl-Marx-Stadt-Nostalgie bin ich zu spät in Chemnitz gelandet. Eine neue Bühne auf dem Areal des Spinnbaus in Altchemnitz hat zumindest die Chance, ein toller Bau zu werden, der industrielle Tradition und moderne Kunst und gesellschaftliche Offenheit in einem „Third Place“ verbindet. Zudem scheint mir die Idee, Altchemnitz einen nachhaltigen Impuls für die Stadtteilentwicklung zu geben, durchaus sinnvoll. Und die Vorteile für die Theater liegen ohnehin auf der Hand: Zentralisierung, verbesserte Arbeitsbedingungen für alle Gewerke, eine Interimslösung fürs Opernhaus, wenn das mal wieder umfassender saniert werden muss.

Trotzdem muss es erlaubt sein, nach einer dritten Option zu fragen: Geht’s nicht auch, ohne dass man jetzt Minimum 30 bis 35 Millionen Euro investiert? Da gibt mir gar nicht so sehr die aktuelle städtische Kassenlage zu denken. Stattdessen nervt mich der Stadtrat, der erst jahrelang nach Entscheidungsgrundlagen verlangt. Und nun, da er sie hat, die Entscheidung vor sich herschiebt. Informationsveranstaltungen fürs Wahlvolk zur allgemeinen Willensbildung in allen Ehren. Aber: Ihr seid die gewählten Entscheider*innen! Ist es zu viel verlangt, dass Ihr tut, wofür wir Euch gewählt haben?

Die Aufschieberitis führt zu neuen Erlebnissen und Gedanken.

Das Erlebnis: Die fulminant-verstörende Aufführung von „Der Schneesturm“ des Schauspiels Düsseldorf als Gastspiel im Opernhaus. Ein Schauspiel! Im Opernhaus! Technisch ein Knaller mit vielfachem Videoeinsatz, Schneesturm und Bombenakustik für all die Stimmen und Instrumente, die die Gäste aus der Partnerstadt mitgebracht hatten. Und zudem ein großer Publikumserfolg: Ausverkauft an einem Mittwochabend.

Die Gedanken: Das Opernhaus also kann Schauspiel. Und ziemlich sicher wird es diese Tatsache im kommenden Sommer beim Festival „Theater der Welt“ erneut beweisen dürfen. Denn eine perfekte Schauspielbühne in einem perfekten Schauspielhaus haben wir ja derzeit nicht. Im Opernhaus ist sie da. Mit Bühnenturm und Unterbühne und neuester Lichttechnik.

Verwegene Idee: Warum nicht auch Chemnitzer Schauspiel in der Oper?

Raum dafür ließe sich doch sicher finden. Betrachtet man den Opernhaus-Spielplan für die ersten drei Monate 2026, wird das komplette Haus an 50 von 90 Tagen nicht bespielt. Für den Saal zählt man im entsprechenden Zeitraum an 90 Tagen gar nur 33 Vorstellungen (davon vier Gastspiele) plus einen Opernball, eine Nutzung von 37 Prozent.

Fakt ist: Im Regelspielplan wird die große Opernbühne überwiegend am Wochenende vor Publikum bespielt. Allenfalls Blockbuster wie „Rummelplatz“, „Cabaret“ oder „Schwanensee“, die auch bei gelegentlichen Wochentags-Einsätzen sehr gut gefüllt sind, bilden Ausnahmen. Ansonsten herrscht von Montag bis Donnerstagabend im Saal meist Stille.

Natürlich ist mir vollkommen bewusst, dass an diesen Abenden auf der großen Bühne geprobt wird – oder umgebaut für den Opernball. Aber immer? Ließe sich da nicht noch die eine oder andere Lücke für eine Schauspielproduktion aus eigenem Hause finden? Für einen prall gefüllten Bob Dylan- oder Johnny Cash-Abend? Für den „Kleinen Horrorladen“ oder „Die Katze auf dem heißen Blechdach“?

Keine Sorge, wir reden nicht von einem kompletten Umzug des Schauspiels ins Opernhaus. Aber vielleicht von zwei oder drei Großproduktionen im Jahr, die richtig knallen sollen? Die Stücke, die Schauspieldirektor Carsten Knödler und seinen Regisseuren ganz besonders "besonders am Herzen liegen"? Der Rest, der intimeres Ambiente und weniger Technik verlangt, verbleibt dann im Interims-Spinnbau, den man mit 35 Millionen gesparten Euro gut und gern noch ein wenig aufhübschen darf.

Oder: Wir sparen uns das Geld einfach auf für die ganz große städtebauliche Lösung – für das oft diskutierte Kulturquartier im Stadtzentrum. Mit Schauspielhaus am Schillerpark, Anbau für die Kunstsammlungen und Sport-Arena hinter der geöffneten Parteifalte.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen…

Über unseren Autor

Volker Tzschucke kam 1997 zum Studium nach Chemnitz und fand keinen ausreichenden Grund, wieder zu gehen. Für den Chemnitz Inside Verlag verantwortet er die Publikationen als Chefredakteur.

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