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Sommer 2026

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Kolumne

Braucht Chemnitz eine zweite Barriere?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Lasst uns nochmal drüber nachdenken,
wünscht sich Arndt Hecker

Hatten wir das nicht schon einmal in Deutschland: eine geteilte Stadt? Mit Todesstreifen, Stacheldraht und was es sonst noch braucht, um den einen Teil vom anderen konsequent zu trennen. Im Gegensatz zur Berliner Mauer, die sich ungleich brutaler durch die Stadt, die Stadtgesellschaft und die Stadtseele zog, geht es in Chemnitz natürlich ein ganzes Stück harmloser zu. Im Gegensatz zu Berlin aber, wo die Mauer nur exakt 28 Jahre, 2 Monate und 27 Tage stand, hält die Barriere in Chemnitz bis heute. Durchlässig zwar an einer kleinen Stelle und bei weitem nicht lebensgefährlich, ist das im Volksmund „Parteisäge“ oder etwas harmloser „Parteifalte“ genannte Gebäude hinter dem „größten Sohn der Stadt“ durchaus in der Lage, diese zu spalten.

Und das nicht nur städtebaulich, sondern auch im übertragenen Sinne: Seit Jahren gibt es kontroverse Debatten darum, wie man mit diesem denkmalgeschützten architektonischen Kraftakt umgehen könnte, der das Stadtzentrum säuberlich in zwei Teile zergliedert. Auf der einen Seite Stadthalle, Roter Turm, Rathaus. Theaterplatz, Opernhaus, Brühl, Uni-Bibliothek hingegen finden sich hinter der Säge, als wolle man sie verstecken. Hat man, kann man? Dass die frühere DDR-Staatspartei und mit ihr auch deren Karl-Marx-Städter Ableger ein Faible für Mauern hatten, ist ja hinlänglich bekannt. Aber gleich in einer Mauer wohnen? Da waren die Karl-Marx-Städter Genossen doch ein bisschen pfiffiger als ihre Berliner Führer und brachten lieber ihren ganzen Führungsstab, genannt Bezirksleitung, darin unter.

„H-O-L-D M-Y B-E-E-R“, dachte sich da der Verkehrsverbund Mittelsachen (VMS): „Wir haben da eine Idee.“ Zwar gibt es schon seit langer Zeit Pläne, das frühere Aufmarschgebiet Karl-Marx-Allee, heute ganz schnöde Brückenstraße (wie passend eigentlich), mit einer Straßenbahnlinie zu krönen, die Chemnitz mit seinem Umland verbindet. Was aber die VMSPlaner dazu im Sinn haben, ähnelt nicht ganz entfernt an einen lebensfeindlichen Streifen im Vorfeld der kaum zu überbrückenden Mauer – und das mitten in der Stadt und sehr deutlich als eine weitere Barriere, die die Stadt trennen wird.

Dagegen laufen nun die Chemnitzer Architekten Sturm. Ein bisschen spät freilich, aber vielleicht nicht zu spät? Zwar sind Planfeststellungsverfahren und Stadtratsbeschlüsse längst durch. Doch wie ist das mit der Veröffentlichungspflicht im Planfeststellungsverfahren? Findet statt, aber keiner kriegt es mit. Und wer es merkt, bildet sich nicht so schnell eine Meinung. Der Volkszorn bleibt dann aus, zumal in Autofahrer-Chemnitz.

Deshalb hier nun höchst öffentlich noch einmal die Frage: Wollen wir mit dem von Pollern geschützten Straßenbahngleis, begrenzt durch zwei Fahrzeugspuren, wirklich eine zweite Barriere mitten in der Stadt? Eine, die für weitere Jahrzehnte die Stadt trennt von ihren Kulturgütern in den Kunstsammlungen, von Wohnquartieren wie dem Brühl, von der schicken Unibibliothek oder dem geplanten Sportund Kulturcampus auf dem „Marienplatz“ hinter der „Säge“? Alternativvorschläge kommen von den Architekten, die eine Straßenbahnlinie auf der Brückenstraße nun wirklich nicht ablehnen. Aber ginge das nicht als Shared- Space für Trams, Fußgänger, Radfahrer und gelegentlich das eine oder andere Auto mit Sondergenehmigung? Und könnte man nicht einen solchen Shared-Space auch wieder gefahrloser als Veranstaltungsort nutzen wie weiland für die „Rock am Kopp“-Konzerte?

Wollten wir unsere Stadt nicht lebendiger machen, statt ihre Zustände zu zementieren? Und wer braucht schon die Brücken-STRASSE?

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