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Dezember 2025

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Kolumne

Warum sind Menschen aus Chemnitz so schweigsam?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Der Versuch einer historischen Deutung von Holm Krieger

Chemnitz ist eine Arbeiterstadt. Im Selbstverständnis und auch in der Außenansicht. So weit, so gut. Was das eigentlich bedeutet, verstehen Menschen, die nicht in der Chemnitzer Gesellschaft sozialisiert sind, nur schwer.

Hier der Versuch einer Erklärung. Das Selbstverständnis als Arbeiterstadt bedeutet nicht nur „Machen statt reden“, es bedeutet vor allem einen selbstverständlichen Umgang mit der Rolle des Ausgebeuteten. Chemnitz hat sich im Rahmen der Industrialisierung selbst erfunden und in rasanter Weise eine Entwicklung durchlaufen, die eben nicht nur eine Entscheidung zwischen Landwirtschaft und Industrie war, sondern auch die Rolle der Ausgebeuteten annahm: Irgendjemand kommt von irgendwoher, schwurbelt irgendetwas – und am Schluss muss irgendjemand die Arbeit machen. Und das waren eben die Chemnitzerinnen und Chemnitzer.

Dabei gilt ein ungeschriebener Vertrag, und der ist denkbar einfach:

Chemnitz macht den Schnulli mit und dafür gibt es zwei Regeln. Die erste könnte man „Teilzeitschnulliregel“ nennen. Das heißt: Egal, welcher Idee die Chemnitzer gerade scheinbar hinterherlaufen, es ist nur Teilzeit. Die meiste Zeit will der Chemnitzer friemeln – an der Wohnung, im Garten, in der Garage. Vor allem will er in dieser Zeit in Ruhe gelassen werden.

Die zweite Regel, die zum Vertrag gehört, ist die „Relativitätsregel“: All die Dinge, die Chemnitzer für wortgewaltige Anführer so mitmachen, sind relativ. Deshalb ist es eben so, dass Menschen in Chemnitz bockig werden, wenn jemand so tut, als würden die Chemnitzer das jeweilige Thema so gut finden, dass sie freiwillig der Sache dienen. Denn das ist nicht so. Die Arbeit muss gemacht werden und das können die Menschen in Chemnitz richtig gut. Also wird die Arbeit gemacht. Aber wegen des Vertrags – und nicht wegen der tollen Idee.

Dass jemand wie Richard Hartmann in die Stadt kam und hier ein Imperium aufbauen konnte, ist klar. Und wenn wir ehrlich sind, geht es vielen anderen Menschen von außerhalb auch so. Sie kommen nach Chemnitz und sehen dieses Selbstverständnis als Arbeiterstadt als ein Potenzial, durch die Ausbeutung der Arbeitsmoral hier etwas richtig Großes aufzuziehen. Industrialisierung, das rote Sachsen und die Nazizeit zehn Jahre später, die sozialistische Karl-Marx-Stadt, Fahnen schwenken Erich-Erich!, dann Helmut-Helmut!, AFD und Kulturhauptstadt.

Chemnitz macht überall recht „erfolgreich“ mit – und sich dabei nichts zu eigen.

Die Stadt wird eben ausgebeutet. Und das ist in Ordnung. Solange der Vertrag gilt. Da muss man nicht viel reden. Im Gegenteil. Reden heißt immer überzeugen, es doch vielleicht für umsonst zu machen, die Sache, die die Arbeit kostet, als so wunderbar darzustellen, dass letztlich doch für Nichts gearbeitet wird.

Aber da ist der geübte Umgang der Chemnitzer mit dem Ausgebeutetsein ein guter Schutz. Im Zweifelsfall lieber nicht reden, kommt nur noch mehr Ausbeutung raus. Und wer positive Statements erzwingen will, bekommt Gemecker.

Chemnitz ist eben eine Arbeiterstadt ohne rosa Brille. Machen ohne maken.

Über unsern Autor

Holm Krieger, Jahrgang 1975, studierte Germanistik und Informatik an der TU Chemnitz und ist seit vielen Jahren in der Chemnitzer Kulturszene aktiv. Er arbeitete als Musiker, Putzkraft, Geschäftsführer, Kulturbeirat, Werbetexter, Umzugshelfer, Lehrer und Kulturorganisator.

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