Mit seinen wichtigen Gebäuden hat es Chemnitz ja derzeit ein bisschen. Zunächst ist da der nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernte frühere Konsum-Glastempel, der 2027 ein Behördenzentrum werden soll. Das gläserne Jugendamt? Es gibt Freie Träger in dieser Stadt, die würden bei dieser Vorstellung gleichzeitig über Lach- und Weinkrämpfe klagen müssen.
Und während die bisweilen kriegerischen Debatten darum hin und wieder neu entfacht werden, erwischt es unmittelbar nach dem Kulturhauptstadt-Jahr den Steilen Zahn der Stadt. Mit dem Kongress- Hotel verliert Chemnitz sein wichtigstes touristisches Symbol. Von einem windigen Hotelbetreiber noch schnell schamlos ausgenutzt, müssen Touristen- Schwärme sich jetzt neue Schlafgelegenheiten in Chemnitz suchen oder - na ja - sie bleiben einfach wieder weg. Kulturhauptstadt geht, Chemnitz geht weiter?
Ja, das Kulturhauptstadtjahr 2025 ist vorbei und nur wenige Wochen danach hat Chemnitz schon diverse Phantom- Schmerzen. Wie eben nach einer guten Party. Es wurde gefeiert, investiert, eröffnet – und mit der Hartmannfabrik rückt nun sozusagen die Party-Location in das Zentrum einer weiteren Debatte. Offiziell als Nukleus des Kulturhauptstadtjahres vorgesehen, vorgestellt und erhofft, stand der Sitz der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 gGmbH bereits kurz nach seiner Eröffnung in der Kritik. Es ging um Öffnungszeiten im Kulturhauptstadt-Jahr. Entzündet hatte sich das daran, dass jemand unter den Verantwortlichen auf die Idee kam, am ersten besucherstarken Wochenende des Jahres das Besucherzentrum nicht zu öffnen. Und schnell stellte sich auch die nie letztlich beantwortete Frage: „Was will die Hartmannfabrik bis 2029 eigentlich sein?“
Nun im sogenannten Legacy Prozesses verortet, ist die Hartmannfabrik weiterhin sichtbar. Und das ist auch schon das Beste, was man nach wie vor über ihre Rolle ab 2026 sagen kann. Wieder geht es um ihre Nutzung im Verhältnis zu den Kosten. Ein historisch wertvolles und wichtiges Gebäude, aufwendig und hochwertig saniert, zeigt sich in der Praxis eher wie ein Trabant (lat: Begleiter): nostalgisch aufgeladen, leidlich charmant, aber mit begrenztem Tempo und überschaubarer Reichweite. Die Hartmannfabrik ist langfristig gebunden, die Kosten laufen weiter. Mietverträge, Unterhaltskosten, Energie – alles vertraglich fixiert, unabhängig von Nutzung und Besucherfrequenz. Das ließe sich erklären, um öffentlich Druck aus der Debatte zu nehmen und mit Transparenz das Nutzungskonzept darzustellen. Man wird damit nie jeden erreichen, aber immerhin ein gewisses Verständnis erzeugen.
Aber der Trabant bleibt auch diesmal in der Garage: „Die KuHa-gGmbH äußerte sich gar nicht auf tag24-Anfrage“, lesen wir bei den Kollegen. In der Kommunikations- Branche gilt das als GAU. Vielleicht gibt es (noch) kein dynamisches Nutzungskonzept und auch das könnte man sagen. Stattdessen Schweigen. Als eigentlicher Nukleus des kulturhauptstädtisch initiierten touristischen Aufschwungs erwartet, wirkt die Hartmannfabrik nun wie ein stilles Monument auf dem Weg in die KuHa-Zukunft und reiht sich damit ein in die oben genannten Beispiele mit Provisoriums-Potenzial. An Wochenenden geöffnet, mit punktuellen Programmen ist die Institution „Hartmannfabrik“ aber kaum treibende Kraft. Die Investition und Inszenierung von 2025 erzeugten einen gewissen Glanz, doch den Puls der Stadt berührt das aktuell kaum noch.
Und genau darin liegt die lakonische Pointe: Die Hartmannfabrik, nun als Kulturhauptstadt- Zentrale, wirkt einmal mehr, diesmal in kürzester Zeit, charmant aus ihrer Zeit gefallen, nach wie vor sichtbar, aber selten auf der Überholspur und damit ein Symbol für den Legacy-Prozess im Übergangsjahr. Wer auf Tempo und sichtbare Dynamik gehofft hat, muss sich gedulden. Oder hat einen BYD in der Garage. Und am Ende bleibt eben tatsächlich die Frage: Nukleus oder Trabant – Was willst Du sein, Hartmannfabrik?
Über unseren Autor
Germanistik, Angewandte Sprachwissenschaft sowie Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft an der TU Dresden und der TU Chemnitz. Studienbegleitend gründete er die PR-Agentur Text-in-Form, die er bis heute leitet.
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