Ein polemischer kw-Vermerk von Volker Tzschucke
Und? Haben sie die neue Freiheit schon genossen? Die Baufreiheit auf der Neefestraße, die sie nun fast ungehindert – wenn da die anderen Autos nicht wären, die Ampeln, die Bushaltestellen – zum Neefepark düsen lässt? Mit dem Abschluss der Arbeiten hatte die Stadt recht stolz verkündet: „Damit wird die äußerst anspruchsvolle Baumaßnahme pünktlich fertiggestellt und die Nutzbarkeit vollumfänglich gegeben.“ Vorbei die endlosen Staus stadtaus- wie stadteinwärts, die nicht selten auch den Verkehr auf der angrenzenden A72 oder dem Südring beeinträchtigten.
Also: Waren sie schon da? Shoppen bei Woolworth oder Jeans Fritz, Haare schneiden bei dietz oder Klier, schmökern bei Thalia, schlemmen im Eiscafè Venezia? Oder wenigstens auf eine letzte Leberkäs-Semmel beim Globus-Fleischer?
Ich nicht. Lohnt sich irgendwie nicht mehr. Auch für die Händler*innen in der Mall übrigens kaum noch. Sonst stünden von 35 ausgewiesenen Flächen im Erdgeschoss nicht 14 ohne Konsum-Angebot da (wobei diese 14 auf der Webseite wahlweise als „frei“, als „Lagerfläche“ und als „Im Umbau“ markiert sind). Im Obergeschoss schaut’s noch schlimmer aus – geschätzt 50 Prozent der Flächen suchen neue Angebote.
5.000 Quadratmeter Leerstand meldete der Eigentümer im Sommer und versprach Besserung.
Stattdessen sind die nächsten Schließungen zum Jahresende schon angekündigt. Allein die Tatsache, dass der abwandernde Globus-Markt behände durch Kaufland ersetzt werden darf, gibt dem Shopping-Center etwas Hoffnung. Wobei sich Globus sicher nicht von einem florierenden Standort verabschiedet hätte.
Den mangelnden Zuspruch kann man auf die monatelangen verkehrlichen Beschränkungen schieben, die ganz sicher die meisten Händler*innen belasteten, weil sie so manche Kunden vom Ausflug in die Mall abhielten. Oder man sieht ihn als weiteren Wegpunkt einer Entwicklung, die kaum aufzuhalten ist. Auch 2024 wird der bundesweite Umsatz im Online-Handel auf einen neuen Rekordwert steigen – mit 87,1 Milliarden Euro rechnet der Handelsverband Deutschland. Das ist zwar immer noch deutlich weniger als die 657,4 Milliarden des Einzelhandels insgesamt. Aber es ist mehr als doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Und der Trend ist kein Freund austauschbarer stationärer Geschäfte. Sachsenweit verschwand zwischen 2010 und 2022 mehr als jede vierte (!) stationäre Verkaufsstelle – statt 31.000 gab es nur mehr 22.875 Einrichtungen. Dass eine zunehmend älter werdende Bevölkerung längere Strecken mit dem Auto zurücklegt, um einkaufen zu gehen, ist auch nicht übermäßig wahrscheinlich.
All das spürt man auch im Neefepark.
Und hier kommt erschwerend hinzu: Ist eine Abwärtsspirale erst einmal in Gang gesetzt, lässt sie sich nur unter großen Kraftanstrengungen aufhalten. Und da reden wir noch nicht von Trendumkehr. Deshalb wäre es an der Zeit, genau dieses Einkaufscenter mit einem virtuellen kw-Vermerk zu stempeln: kann wegfallen.
Meinetwegen sollen IKEA bleiben und McDonalds und auch der Gartenmarkt. Und wenn Kaufland unbedingt will: auch die. Doch der Rest der Einkaufsfläche darf ruhig vom Markt verschwinden. Ohnehin hat Chemnitz viel zu viel davon: pro Kopf 1,78 Quadratmeter (2022), mehr als Leipzig oder Dresden und erst recht mehr als vergleichbar große Städte in Westdeutschland – und das bei deutlich geringerer Kaufkraft. Der Verlust der Handelsfläche im Neefe-Park könnte gar nichts anderes bewirken – er würde die verbleibenden Center und womöglich sogar den Innenstadthandel stärken.
Und stattdessen? Das Areal ist bestens erschlossen: Näher an der Autobahn geht kaum. Vor Ort gibt es eine Tankstelle. Und Unmengen ebener Flächen, die immerhin für 2.000 kostenlose Parkplätze reichen – geschätzt 20.000 Quadratmeter oder zwei Hektar Raum, der die meiste Zeit des Tages leer steht. Zum Vergleich: Das Siemens-Areal vor Hartmannsdorf ist nur vier Mal größer. Zwei bis drei kleine und mittelständische Unternehmen könnten allein auf den Parkflächen des Neefe-Parks Raum finden.
Doch noch steht solchen Ideen ein Shopping-Center im Weg. Aber es ist an der Zeit, den Neefe-Park neu zu denken. Als Stadtverwaltung dem Eigentümer ein Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann. Das Shopping-Center zu planieren. Und Platz für den Chemnitzer Mittelstand zu schaffen.
Über unseren Autor
Volker Tzschucke, Jahrgang 1974, kam 1997 zum Studium nach Chemnitz und ging nicht wieder weg. Er verantwortet die Inhalte von Chemnitz Inside als Chefredakteur.
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