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Aktuelle Ausgabe

Dezember 2025

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Kolumne

Wer soll eigentlich wieder nach Chemnitz kommen?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Und warum?

Ein Gedankenspiel von Boris Kaiser

Zwei Millionen Menschen mehr als sonst sollen 2025 nach Chemnitz kommen. Das ist der Plan. Aktuell fühle ich es noch nicht, aber wir werden den Unterschied spüren. Auch wenn aus meiner Sicht zu viele Menschen in dieser Stadt ein Problem mit ausländischen Gästen haben und zu wenige Menschen eine Fremdsprache sprechen. Auch weil Tourismusexperten selbstkritisch davon ausgehen, dass wir wenig geübt darin sind, zuvorkommende und freundliche Gastgeber zu sein. Ich glaube dennoch, wir haben die große Chance, etwas daran zu ändern.

Und danach? Was wird ab 2026? Wer wird wiederkommen? Und vor allem: Warum?

Bitte denken Sie Tourismus kurz aus Ihrer eigenen Perspektive. Wie nah zoomen Sie an Ihren Urlaubsort, um sich zu entscheiden? Wahrscheinlich bleiben Sie in der Vogelperspektive. Natur, Kultur, Party? Berge, Strand oder Shopping? Etwas anderes oder alles zusammen? Dann sind Sie, mit allem Respekt, der ideale Durchschnittstourist. Ein kurzer Vogelflug über Sachsen zeigt Schlösser, Burgen, Flüsse, Hügel und Wald. Bergbau, Auto, Motorrad. Ski, Fahrrad oder zu Fuß.

Von oben betrachtet, werben viele Orte in Sachsen um ein ähnliches Publikum.

Was hat Chemnitz davon? Noch nicht viel. Wie macht man einen Unterschied? Die bisherigen Übernachtungen in Chemnitz erfolgten zu mehr als drei Vierteln aus geschäftlichen Gründen. Dass wir uns über Nacht in einen Urlaubsort verwandeln, ist also nicht zu erwarten. Die Chance liegt darin, dass sich das Urlaubsverhalten in den letzten Jahren deutlich verändert hat. Die Menschen haben mehr Urlaub und teilen ihn stärker auf. Der große Jahresurlaub wird seltener. Immer mehr Menschen nehmen sich zum Beispiel im Schnitt eine Urlaubswoche für sich und ihre persönliche Entwicklung. Das meint manchmal Spiritualität, Sinnsuche oder Entspannung. Interessanter für uns ist die Suche nach beruflicher Weiterentwicklung, nach neuem Wissen und Orten der Innovation. Ich behaupte, das hat so noch niemand touristisch gedacht und Angebote dafür entwickelt. Damit kann man einen Unterschied machen.

Wie soll das konkret aussehen? Ich möchte eine Simulation wagen: Naomi aus Manchester arbeitet in einem Industrieunternehmen als Ingenieurin. Sie hat Interesse an Nanotechnologie und möchte sich darin weiterbilden. Das Fraunhofer ENAS hat bereits Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit kreativen Akteuren gesammelt. Das Institut war daher in der Lage, ein speziell auf touristische Gäste ausgerichtetes Angebot zu entwickeln, das entsprechend vermarktet wird. Naomi gefällt das. Für das Institut ist nicht nur ein Ertragsbaustein hinzugekommen. Es hat darüber hinaus auch die Chance, Naomi so zu begeistern, dass sie wiederkommt. Vielleicht mit Freunden, vielleicht mit dem ganzen Team. Vielleicht eines Tages sogar für immer. Als Fachkraft, Mensch und Chemnitzerin.

Uns allen gefällt das. Also vielleicht fast allen. Diejenigen, die Menschen mit Fremdsprachen oder anderem Aussehen ablehnen, haben auch hier noch viel zu lernen. Sehen Sie die Chancen? Sehen Sie aber auch die Risiken? Willkommen in meinem Kopf!

Wir brauchen jetzt Mut, Klarheit und Vertrauen.

Vielleicht kommen andere Menschen auch für wichtige Demokratieprojekte wieder. Vielleicht fürs Machen. Vielleicht für die Kultur. Es wird dauern, das zu entwickeln. Die Pläne dafür sollten aber jetzt spätestens fertig sein. Denn das Vermächtnis dieser Kulturhauptstadt, das muss jetzt klar werden.

Erkennbar. Unverwechselbar. Und ja: Auch touristisch vermarktbar.

Über unseren Autor

Boris Kaiser arbeitet noch bis zu ihrer Liquidation für die Chemnitzer Tourismus und Marketing GmbH. Er ist einer der Hosts des Podcasts „Chemnitz be like“.

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