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Kultur

Digitale Heym-Ausgabe

29. Januar 2021

Eine historisch-kritische Ausgabe (HKA) des Erzähltexts "Ahasver" von Stefan Heym will die Professur Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft der Technischen Universität Chemnitz in den kommenden drei Jahren erarbeiten. Die Besonderheit: die HKA soll - als Pilotprojekt - digital erscheinen. Historisch-kritische Ausgaben gelten als besonders aufwendig: Neben dem eigentlichen literarischen Text enthalten sie zahlreiche wissenschaftliche Kommentare, darunter beispielsweise zu verschiedenen veröffentlichten oder nicht veröffentlichten Textversionen, zum entstehungsgeschichtlichen Hintergrund, zur Zeitgeschichte, zu Quellen oder (literarischen) Vorbildern oder ähnliches. Deswegen dienen HKA üblicherweise als Ausgangs- und Referenzpunkt für wissenschaftliche Arbeiten zu einem literarischen Text. Die Erstellung der HKA zu "Ahasver" wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell gefördert und erfolgt durch Prof. Bernadette Malinowski, ihren Mitarbeiter PD Dr. Christoph Grube in Zusammenarbeit mit dem Trier Center for Digital Humanities.

Der Roman "Ahasver" von Stefan Heym interpretiert die legendenhafte Überlieferung vom "Ewigen Juden Ahasver". Bei Heym erscheine Ahasver nicht als religiös motivierter Verräter an Christus, sondern als Engel mit der historisch diesseitigen Botschaft einer Weltverbesserung durch menschliches Handeln, erläutert Malinowski. Ziel der HKA sei es, den auf drei Zeit-Ebenen angelegten Roman, der 1981 erstmals veröffentlicht wurde, für heutige Leser verständlich zu machen - insbesondere Anspielungen auf Persönlichkeiten und Vorgänge in der DDR seien erklärungsbedürftig. Die Ahasver-HKA soll offen zugänglich sein und gegebenenfalls den Ausgangspunkt einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Heyms sein.

Stefan Heym wurde 1913 als Helmut Flieg in Chemnitz geboren, jedoch in der Zeit des aufkommenden Nationalozialismus 1931 aus der Stadt vertrieben. 1933 floh ernach Prag, später in die USA, wo er seine Schriftsteller-Laufbahn begann und 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. 1953 siedelte er sich in der DDR an, wo er einerseits geehrt wurde und andererseits regelmäßig in Konflikte mit der Staatsführung geriet. 1994 gewann Heym ein Direktmandat für den Deutschen Bundestag und wurde dessen Alterspräsident. 2001 wurde er Ehrenbürger von Chemnitz, im gleichen Jahr verstarb er. Die Stadt Chemnitz vergibt seit 2008 den Internationalen Stefan-Heym-Preis, darüber hinaus hat die Internationale Stefan-Heym-Gesellschaft ihren Sitz in der Stadt. 2020 wurde die Stefan-und-Inge-Heym-Arbeitsbibliothek in Chemnitz eröffnet.