Am 24. Februar 1926 wurde Erich Loest in Mittweida geboren. Sein runder, 100. Geburtstag vor wenigen Wochen blieb nicht unbeachtet.
Man male sich das mal aus: Günter Grass hätte den großen Wenderoman über die letzten Tage der DDR geschrieben, genannt „Nikolaikirche“. Schwer vorstellbar? Der Leipziger Pfarrer Christian Führer sprach den späteren Nobelpreisträger wohl in den frühen 1990ern an, ob er nicht Interesse an dem Stoff hätte. „Das soll mal lieber der Erich machen“, soll Grass geantwortet haben. Erich Loest. Erich Loest setzte sich tatsächlich dran und schuf ein Drehbuch zunächst, aus dem der Wenderoman schlechthin wurde, eben „Nikolaikirche“. 1993 las er die ersten Kapitel am historischen Titelort, 1995 erschienen Buch und Film von Frank Beyer. Legendär die Sätze zur Friedlichen Revolution aus dem Mund des von Peter Sodann verkörperten Stasi-Generals: „Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“
Nein, Grass konnte diesen Roman nicht, Loest musste ihn schreiben. „Nikolaikirche“ ist bis heute – und immerhin sprechen wir von 35 Jahren deutscher Einheit mit unzähligen literarischen Versuchen – das wohl eindrücklichste, authentischste Erzählstück über das Ende der DDR und die Tage der Friedlichen Revolution in Leipzig. Erzählt, wie es nur ein Herzens-Leipziger kann. Als er – nicht nur, aber auch – für den Roman die Ehrenbürgerschaft der Stadt Leipzig angetragen bekam, bedankte er sich: „Sie wird mir verliehen von einer Stadt, deren Bevölkerung wie keine andere durch ihren Zorn und ihren Mut, durch Phantasie, Kraft und Besonnenheit der morschen DDR den endgültigen Stoß versetzte.“
Feiern mit gebremstem Eifer
Am 24. Februar 1926 wurde Erich Loest in Mittweida geboren. Sein runder, 100. Geburtstag vor wenigen Wochen blieb nicht unbeachtet. In ganz Deutschland erschienen Zeitungsartikel in ehrendem Gedenken, in wichtigen Leitmedien zum Ersten. Geografisch breit verteilt an den Orten, an denen Loest gelebt hatte, zum Zweiten. Breit verteilt übers politische Spektrum – von der linken junge Welt bis in die rechtskonservative Junge Freiheit – zum Dritten. In seiner Geburtsstadt Mittweida, die Loest 1992 zum Ehrenbürger gemacht hatte, legte der Beigeordnete Holger Müller einen Kranz an Loests Grabstein nieder, im Museum zeigte man den preisgekrönten biografischen Film „Durch das Leben ein Riss“. In Hohenstein- Ernstthal erinnerte man mit einem Vortrag über die Beziehung Loests zu Karl May. Chemnitz, ein Ort, wo der Autor doch immer wieder weilte, zur Kinder- und Jugendzeit und auch später, ein Ort, deren Technische Universität ihn 2008, fünf Jahre vor seinem Tod, zum Ehrendoktor ernannt hatte, ließ den runden Geburtstag hingegen ungestört vorüberziehen.
Am stärksten legte sich Leipzig ins Zeug: Hier verlieh die Medienstiftung der Sparkasse ihren Erich-Loest-Preis an den Schriftsteller Durs Grünbein und fügte damit der Reihe würdiger Preisträger mit mitteldeutschen Biografien – Guntram Vesper, Hans Joachim Schädlich oder Ines Geipel sind zu nennen – einen Lyriker und Essayisten hinzu. Bereits seit 2017 hält man mit dem Preis das Andenken an den auch Leipziger Ehrenbürger aufrecht. Loest hatte einigen Anteil an der Gründung der Sparkassenstiftungen in Leipzig und Leipzig Land, gehörte deren Gremien an, hinterließ schließlich sein literarisches Erbe, Manuskripte, Briefe, Gesammeltes noch vor seinem Tod der Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land zur Aufbewahrung und Pflege. Mit diesem Pfund ausgestattet, fiel es der Stiftung auch leicht, die Erstellung und Herausgabe einer Briefedition zu unterstützen: Erich Loest im schriftlichen Zwiegespräch mit Günter Grass (aus dem hier eingangs auch zitiert wird), mit Christa Wolf, Sarah Kirsch, Walter Kempowski und anderen Geistesgrößen, recherchiert vom Leipziger Journalisten Thomas und dessen Frau Dr. Gudrun Mayer.
Leipzig fuhr auch Schriftsteller Clemens Meyer, Kabarettist Bernd-Lutz Lange und Maler Johannes Heisig auf für einen launigen Erinnerungsabend im „Haus des Buches“, spürte dem Literaten Loest in einem wissenschaftlichen Kolloquium nach und zeigte für die breite Öffentlichkeit im Zeitgeschichtlichen Forum die Verfilmung von „Nikolaikirche“. Selbst im Vorort Rötha, von Loest mit der Geschichte „Sechs Eichen in Rötha“ literarisch verewigt, wollte man den 100 Jahre alten Schriftsteller ehren – mit der Einweihung eines „Erich-Loest-Hains“. Der wurde zwar, Dinge passieren, nicht rechtzeitig fertig. Doch das Bemühen zählt.
Durch die Erde ein Riss
"Jaja, es war eben nicht alles schlecht in der DDR. Wie ich diesen Satz hasse.“
Erich Loest, 1997
Aber trotz alledem bleibt das Gefühl, dass das deutsche Verhältnis zu Loest ein Gespaltenes bleibt. Wie groß war das Bohei mit Fernsehserien, neuen Biografien, Festveranstaltungen, als im vergangenen Jahr Thomas Manns 250. Geburtstag gefeiert wurde? Wie groß wird Deutschland in einigen Monaten – rund um den 16. Oktober – den 100. von Günter Grass feiern. Zugegeben, beides Nobelpreisträger. Längst gehören die beiden zu Deutschlands literarischen Heiligtümern. Das hat Loest noch nicht geschafft. Vielleicht schafft er es nie.
Denn irgendwie war er einer, der erst überall dazu gehören wollte – und dann nirgendwo so richtig dazugehörte: Zuerst ein – wie er selbst in seiner ersten großen autobiografischen Erzählung „Durch die Erde ein Riss“ berichtet – durchaus begeisterter junger Mitläufer im Hitler-Regime, zumindest theoretisch bereit, sich als Werwolf den alliierten Truppen mit seinem Leben entgegenzuwerfen, zur Not auch hinter feindlichen Linien. Das bisschen Macht als Hitlerjugendführer – es korrumpierte ihn. Dann, nach kurzer Kriegsgefangenschaft, schnell ein Reporter für die neue gute Sache im Osten des geteilten Deutschlands, bald auch als Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei. Ein angenehmes Leben führte er in den frühen 1950er Jahren in der jungen DDR, mit den Mächtigen auf Du und Du, nachdem erste literarische Schriften ihm Erfolg brachten.
Die ersten Risse bekommt die Liaison mit Stalins Tod, die nächsten mit dem 17. Juni 1953, den Loest in Berlin miterlebt. Die mangelnde Bereitschaft der herrschenden Partei, die Ursachen für den Aufstand der Massen nicht nur zu erkunden, sondern auch zu bekämpfen, beunruhigt ihn so sehr, dass er schreiberisch in den Widerstand geht. Nach dem Ungarn-Aufstand und der sowjetischen Abkehr vom Stalinismus fordert er mit anderen eine Demokratisierung der DDR. 1957 wird er verhaftet, am 23. Dezember 1958 zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Damit ist das Tischtuch – oder die Erde – beinahe endgültig zerrissen.
Es ist wohl Loests besonders feinem Sinn für Ironie zu verdanken, dass er seine 1981 nur im Westen Deutschlands erscheinende Biografie, die diese Zeit bilanziert, ausgerechnet „Durch die Erde ein Riss“ benannte. Dem Verleger jubelt er damit als Titel eine Zeile von Johannes R. Becher unter. Und nicht irgendeine: Es ist einer der unrühmlicheren Texte des früheren Expressionisten, späteren Kulturfunktionärs und Texters der DDR-Nationalhymne, entstammt sie doch dem Gedicht „Stalin, du Welt im Licht“:
„Und wieder ein Schrei, ein schriller,
Und Sonnenfinsternis,
Er war unsrer Träume Erfüller.
Und wieder Stille, noch stiller
Und durch die Erde ein Riß.“
Was Becher der Tod Stalins ist, ist Loest der Umgang der DDR-Fuktionärsschar damit. Den Riss wird er nicht wieder überbrücken können. Zwar darf er wieder schreiben, als er nach fast sieben langen Jahren aus dem Stasi- Gefängnis Bautzen II entlassen wird. Darf unter Pseudonymen Krimis und Geschichten verfassen und irgendwann auch wieder unter eigenem Namen den Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (noch so ein untergejubeltes Titel-Zitat, diesmal nach Brecht). Doch bei Letzterem ist es ein arger Kampf mit den Zensoren, ein Kampf um Papierkontingente und Nachauflagen: Schon wieder ist das Loest-Geschriebene zu realistisch und damit: zu kritisch.
So geht er schließlich 1981 in den Westen. Als Dauerausreise ist es nicht geplant, ein 3-Jahres-Visum wird beantragt und genehmigt, doch wird sich das Exil länger ziehen. Leipzig-Sehnsucht entsteht, doch Loest weiß „Man kann nicht alles haben, und ich hab doch eine Menge gewonnen, für meinen Beruf beinahe das Optimale“, wie er an zurückgelassene Freunde schreibt. In der BRD, zunächst in Osnabrück, später in Bad Godesberg, kann er endlich schreiben, wie er mag, veröffentlicht 1984 „Völkerschlachtdenkmal“. Das Buch gilt als sein bester, wichtigster Roman.
Er bleibt ein Störfaktor
Die Friedliche Revolution fällt ihm vor die Füße wie der übergroßen Mehrheit der im Westen Deutschlands lebenden Menschen. Doch schnell begreift er die Gunst der Stunde, ist früh im Wendewinter zu Gast in der Nikolaikirche, siedelt seinen mit Sohn Thomas gegründeten Linden-Verlag nach Leipzig über. Als seine Frau Annelies stirbt, geht er vollkommen nach Leipzig zurück. Doch glücklich wird er nicht immer.
Ihm stößt so einiges bitter auf: Die Funktionäre der SED/PDS, die in der Demokratie in neue Ämter streben. Die Geschichtsvergessenheit der Leipziger Marx-Universität, die an die in der DDR zerstörte Pauliner- Kirche nicht erinnern, auf die Zurschaustellung des monumentalen Tübke-Wandbildes „Arbeiterklasse und Intelligenz“ aber nicht verzichten will. Und nicht zuletzt die sich breitmachende DDR-Nostalgie: „Bratet Ihr noch ganze Wildschweine? Jaja, es war eben nicht alles schlecht in der DDR. Wie ich diesen Satz hasse“, schreibt er 1997 noch aus Bonn an Gustav Just, den er in der Bautzener Haft als Leidensgenossen kennengelernt hatte. So geht er nach der Wiedervereinigung so manchem auf die Nerven – mal persönlich, mal in Leserbriefen oder Kommentaren für Zeitungen. Fünfe gerade sein lassen, einen Frieden machen – das war Loests Sache nicht.
„Viel Feind, viel Ehr“, könnte man sagen. Die gebremsten Feierlichkeiten zu seinem 100. zeigen: Noch hat man ihm nicht alles nachgesehen. In Zeiten, in denen in vielen neuen Schriften nach Gründen gesucht wird für das eigentümliche (Wahl-) Verhalten der Ostdeutschen, wo Geschichten aus der „kommoden Diktatur“ erzählt, Verständnis gewünscht und Aufarbeitung der Nachwendejahre gefordert werden, ist Loestsche Unnachgiebigkeit schon wieder nur ein Störfaktor.