Wirtschaft, Lebensart & Kultur für Netzwerker
Cover: Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe

Frühjahr 2026

Jetzt lesen
Kultur

Faszination Untergang

#Wasser

"Titanic" kommt auf die Bühne des Chemnitzer Opernhauses

In der DDR kursierte ein Witz: „Warum war das Jahr 1912 ein doppeltes Katastrophenjahr? Einerseits ging die Titanic unter – und andererseits wurde Erich Honecker geboren.“ Während letzteres zunehmend in den Fußnoten der Geschichtsbücher zu verwinden droht, übt der Untergang der Titanic bis heute eine große Faszination auf Menschen in aller Herren Länder aus: In untauglichen U-Booten begeben sich Millionäre zum Wrack des zunächst ruhmreichsten, dann schnell tragischsten Schiffes der Welt. Wer weniger Geld hat, geht in eine der immersiven Titanic-Ausstellungen. Schaut noch einmal Leonardo di Caprio und Kate Winslet beim Techtelmechtel über Passagierklassen hinweg zu, stellt sich ikonisch breitarmig an die Spitze von irgendetwas und ruft „Ich bin der König der Welt“. Oder er freut sich auf die regional angekündigten Titanic-Musicals in Chemnitz und Plauen.

Das blaue Band

Beim Rennen um das Blaue Band der Ankündigungen war das Theater Plauen-Zwickau schneller. Mitte April heißt es bei der Spielzeitvorstellung für 2026/27, dass man zum Ende hin, im Sommer 2027, „Titanic“ als Musical auf die Freilichtbühne in Plauen bringen werde. Das Stück mit Musik von Maury Yeston und Texten von Peter Stone, brauchte einen langen Anlauf, um in der Region anzukommen. Es kam 1997 am Broadway auf die Bühne, fast zeitgleich mit dem später oscarüberhäuften Film. Bis auf die historische Basis haben beide Werke wenig miteinander zu tun – für die deutsche Erstaufführung 2002 in Hamburg ergänzt man sicherheitshalber eine Celine-Dionhafte Ballade, auf dass das Publikum nicht allzu enttäuscht über die Unähnlichkeit nach Hause gehe. In den Folgejahren robbt sich das Titanic-Musical dann langsam an Südwestsachsen heran.

Es gibt Aufführungen in Magdeburg (2008), Ingolstadt (2018) und Schwerin (2021). 2024/25 wird es in Hof gespielt, nun soll es nach Südwestsachsen kommen. Und das dann sogar noch mal schneller als gedacht. Bereits am 1. August wird es ein „Titanic“- Gastspiel beim Chursächsischen Sommer auf der Freilichtbühne Bad Elster geben – hier aufgeführt vom Freien Landestheater Bayern. In Plauen hätte man das wohl als Appetithäppchen vor der eigenen Inszenierung hingenommen. Doch dann kündigen wenige Tage nach der eigenen Spielzeitvorstellung auch die Theater Chemnitz das „Titanic"-Musical an – schon für September 2026. Von Journalisten befragt, ob man sich nicht mit den Nachbartheatern abspreche, verneint der Chemnitzer Generalintendant Christoph Dittrich. Man gehe davon aus, dass man überwiegend für die Menschen aus der eigenen Stadt und deren näherer Umgebung spiele – deshalb seien solche Überschneidungen der Spielpläne verkraftbar. Für die Theaterleitung Plauen-Zwickau ist die Dopplung dennoch mindestens ein Ärgernis. Auf eine erste Anfrage von Chemnitz Inside, ob das Inszenierungsteam für eine gemeinsame Geschichte zur Verfügung stehen würde, bittet die Pressestelle um Aufschub. Ein paar Wochen später dann ist „Titanic“ aus dem Spielzeitheft 2026/27 der Theater Plauen-Zwickau verschwunden. Als große Premiere fürs Sommertheater auf der Plauener Parkbühne steht nun „West Side Story“ im Programm. Man habe sich lang um die Aufführungsrechte für dieses Bernstein- Stück beworben – nun hätte sich endlich ein Zeitfenster ergeben, begründet die Pressestelle: Man wolle sich diese Chance auf den Klassiker nicht entgehen lassen.

Ein Jahr Vorarbeit

Also gehört der Rest der Geschichte nun vor allem der Chemnitzer Inszenierung. Ihr Werden konnte man schon um die Jahreswende erahnen, wenn man die Stellenausschreibungen der Theater Chemnitz regelmäßig verfolgt: Da wurden Darsteller*innen für „Titanic“ gesucht. Die Probenzeit für die Inszenierung fällt ans Ende der Sommerpause – nicht ganz einfach, wie Till Nau erklärt: „Aufgrund zahlreicher Open-Air-Inszenierungen ist der Markt für Darsteller im Sommer sehr groß. Im Gegenzug heißt es: Viele von ihnen sind zum Ende der Sommerpause noch in Inszenierungen gebunden, fallen also für Premierentermine Mitte September aus.“ Dennoch hat Nau eine illustre Truppe zusammenbekommen: Jannik Harneit wird dabei sein, den das Chemnitzer Publikum schon aus einigen Musical-Inszenierungen kennt, Lisa-Marie Rettenbacher, auch aus dem Fernsehen bekannt, Bernhard Hansky, schon auf der Semperopern-Bühne zuhause. Dazu Ensemble-Mitglieder wie Sylvia Schramm-Heilforth, Felix Rohleder, David Sitka. Anfang August wird mit dem Proben begonnen, die Inszenierung wird verantwortet vom eben schon zitierten Till Nau. Nau ist ein Kind des Ruhrgebiets, 1981 geboren, in Recklinghausen aufgewachsen. Mit 13 steht er erstmals auf einer professionellen Theaterbühne, spätestens da reift der Entschluss, das später auch mal beruflich machen zu wollen. Er absolviert eine Musical-Ausbildung in Hamburg, bekommt erste kleinere Rollen, wirkt unter anderem im ABBA-Musical „Mamma Mia!“ mit. Doch bald lässt die Lust nach, selbst auf der Bühne zu stehen: „Ich habe gemerkt, dass mir das nichts mehr gibt“, sagt er: „Ich hatte den Drang nicht mehr, beklatscht zu werden.“ Stattdessen wächst das Interesse an der Gestaltung von Choreographien, der Durchführung szenischer Proben. Er bekommt erste Aufträge, spezialisiert sich auf Musical. Chemnitz Inside trifft ihn zum Gespräch, während er in Dresden noch für „Der kleine Horrorladen“ auf der Felsenbühne Rathen probt, hier ist er Choreograph.

Stolz, Hoffnung und Übermut

In Chemnitz trägt Nau die Gesamtverantwortung fürs Gelingen des „Titanic“-Musicals im Opernhaus. Seit einem Jahr bereitet er das Stück vor, man müsse zu Beginn der Proben wissen, wo man hinwolle. Auf waghalsige Interpretationen des Stoffes muss man sich dabei nicht einstellen: „Die Geschichte der Titanic in einen neuen Kontext zu setzen, würde schwierig“, schmunzelt er. Und auch das Musical will er nicht neu erfinden: „Wir wollen einfach nur versuchen, die Menschen mit den Geschichten zu packen, die das Stück erzählt.“ Die handeln im ersten Akt zunächst von der Hoffnung und dem Stolz der Figuren, Teil einer historischen Begebenheit, der Rekordfahrt über den Atlantik, zu werden. Mit der Sichtung des Eisbergs wendet sich das Stück dann der Dramatik des Untergangs und den Schicksalen der Schiffsinsassen zu. Davon gibt es viele, das Libretto zählt an die 50 Rollen. Manche der Figuren sind historisch verbrieft, andere hinzuerfunden. Auch die Partitur sei „ein Riesenschiff“. Mit der musikalischen Erarbeitung geht es bei den Proben Anfang August los. Dann gelte es, die Tanzchoreografien abzustimmen. Schließlich muss alles ins Bühnenbild gebracht werden. Das werde gigantisch, ein sehr haptisches Erlebnis, verspricht Lau, der hierfür auf die Zusammenarbeit mit Momme Hinrichs setzt: Drei Hubpodeste werden eingesetzt, die Drehbühne genutzt, um filmische Übergänge zwischen den Szenen zu schaffen.

„Ich denke, es ist die Mischung aus Aufbruchstimmung und menschlichem Größenwahn, die uns fasziniert.“

Till Nau,
Regisseur der Chemnitzer „Titanic“-Inszenierung.

PXL_20260515_120753531

Echtes Wasser werde es hingegen nicht geben, stattdessen Projektionen (ebenfalls von Momme Hinrichs), Nebel. „Das ist das Spannende: mit einfachen Theatermitteln Effekte und Illusionen zu schaffen“, so Nau. Seine wichtigste Aufgabe dabei: den Rhythmus des Stückes zu bestimmen.

Doch was fasziniert nun so sehr an der Titanic, dass man ihre Geschichte immer wieder erzählt? „Ich denke es ist die Mischung aus Aufbruchstimmung und menschlichem Größenwahn, die uns fasziniert“, sagt Nau: „Und die Tatsache, dass der Mensch am Ende doch ganz klein ist, die Natur nicht wirklich beherrschen kann. Wir müssen realisieren: Das Meer ist nicht wirklich der Raum für den Menschen.“

Es ist eine Erfahrung, die Nau auch selbst schon gemacht hat. In seiner Zeit als Musical- Darsteller war er auch mehrfach auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs, erarbeitete als Dance-Captain die Shows mit, die die Reisegäste an Bord erfreuen sollten. Er fuhr nach Skandinavien, er überquerte den Atlantik, kreuzte in der Karibik. „Bei einer Fahrt gab es starken Seegang und Riesenwellen“, erinnert er sich. „Das war beängstigend, weil man sich der Natur einfach ausgeliefert fühlt. Man spürt eine gewisse Machtlosigkeit.“ Doch zugleich sei so ein großes Schiff eben auch eine eigene kleine Welt mit vielen Kulturen und Religionen, die auf kleinem Raum miteinander zurechtkommen müssen – und meistens funktioniert es.

Da ist ein Traumschiff beinahe wie ein Probenraum. Und meistens funktioniert es auch hier. Das wünscht sich Nau auch für die Chemnitzer „Titanic“-Inszenierung und speziell für den Premierenabend am 19. September: „Ich hoffe, dass wir das Publikum berühren können, einen emotionalen Abend erleben und am Ende das Ensemble gefeiert wird.“ Zum Schlussapplaus wird auch er nochmal auf der Bühne stehen und sich hoffentlich Applaus abholen, so ist es üblich. „Für mich ist es wichtiger, wie die Menschen den Abend vorher wahrnehmen. Selbst auf die Bühne zu gehen, bleibt für mich ein komisches Gefühl.“

DREI FAKTEN FÜR DEN "TITANIC"-PAUSEN-SMALLTALK

FAKT NR. 1

Violet Jessop muss als Überlebenswunder gelten. Die in Argentinien geborene Britin war ab 1910 Stewardess bei der White Star Line, die die Schwesterschiffe Olympic, Titanic und Britannic betrieb. Als Jessop 1911 an Bord der Olympic war, kollidierte das Schiff mit einem britischen Kreuzer – beide Schiffe wurden schwer beschädigt. Als Jessop 1912 an Bord der Titanic war, sank das Schiff – sie überlebte in einem Rettungsboot. Und auch an Bord der Britannic hatte Jessop kein Glück: Das Schiff geriet im Ersten Weltkrieg auf eine deutsche Seemine und sank daraufhin. Auch dieses Unglück überlebte Jessop.

FAKT NR. 2

Mindestens zwölf Hunde nahmen an der Jungfernfahrt der Titanic teil – mitgebracht von ihren Herrchen und Frauchen. Die meisten waren in einem schiffseigenen Zwinger untergebracht, wo sich ein Pfleger um sie kümmerte und sie täglich an Deck spazieren führte. Das Schiffsunglück überlebten wohl nur drei der Hunde.

FAKT NR. 3

Es dauerte 73 Jahre, bis das Wrack der Titanic entdeckt wurde. Dies gelang im September 1985 dem Unterwasserarchäologen Robert Ballard. Er ortete die Reste des Schiffs im Nordatlantik und fotografierte sie zum ersten Mal. Übrigens ein typischer Fall von Dual Use: Zunächst hatte Ballard im Auftrag der US-Navy nach versunkenen U-Booten gesucht. Als diese gefunden waren, durfte er noch zwölf Tage lang nach der Titanic weitersuchen.