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Von Luft und Liebe

#Luft

Wie die Soziokultur in Chemnitz unter Druck gerät

Es wirkte wie ein billiger Taschenspielertrick, den die Chemnitzer Stadtverwaltung und namentlich sein Jugendamt im Herbst vergangenen Jahres versuchte: Von der jährlich zu erstellenden Vorschlagsliste für die Verteilung von Fördermitteln schloss man einfach all die Anträge aus, bei denen auf neuen Formularen mit neuen Qualitätskriterien formelle Fehler unterlaufen waren. Auf diese Weise, so dachte man wohl im Amt, ließe sich der tatsächlich in der Szene vorhandene Fördermittelbedarf künstlich nach unten rechnen – und die Antragstellenden wären ja schließlich selbst schuld, wenn sie ihre Anträge nicht ordnungsgemäß stellten.

Fehler mit Folgen

Ein Verein, dem solch ein Fehler bei der Antragstellung unterlief, war der Arthur e. V., der auf dem Kaßberg das Kulturhaus Arthur betreibt: „Betroffen sind hiervon die Personalstellen und Angebote der Kinder- und Jugendarbeit und darüber hinaus auch die interdisziplinären Angebote und Veranstaltungen des Vereins, in denen Kultur und Kinder- und Jugendarbeit kooperieren“, hieß es am 13. November 2025 in einem Brief an die Vereinsmitglieder. Gefährdet waren unter anderem Ferienprogramme für Schulkinder und ein Graffiti-Projekt für Mädchen, Jugendtheatergruppe und Projekte zur Menschenrechtsbildung wie das Jugendfilmfestival „Perspektiven“ – Angebote, die teils seit Jahrzehnten im Verein existierten. Seit 1994 ist der Arthur e. V. nach eigenen Angaben „als Träger der Freien Jugendhilfe anerkannt“, seit 30 Jahren Partner des Jugendamtes. Und plötzlich drohte das Aus – nicht nur für die Kinder- und Jugendarbeit, auch für das gesamte Haus.

Der Arthur e. V. ist ein soziokultureller Verein, wie es so viele in der Stadt gibt. Er kombiniert die genannten Angebote der Kinder- und Jugendarbeit mit kulturellen Veranstaltungen. So wird im Haus Arthur an der Hohen Straße eine Galerie betrieben, es finden Kabarettveranstaltungen und Poetry Slams statt, Konzerte und kleine Festivals. Regelmäßig nutzten die Theater Chemnitz in den vergangenen Jahren Garten und Hof des Arthur für Vorstellungen des Figurentheaters. Die jährliche Walpurgisnacht am 30. April ist Anziehungspunkt für Familien nicht nur aus den Nachbarschaften auf dem Kaßberg und im Zentrum. Wie eine eingemietete Keramikwerkstatt, die Untervermietung von Räumen an kleinere Kulturvereine oder die Verpachtung einer Gastrofläche an die Kultkneipe Aaltra trägt die Walpurgisnacht zur Außenwirkung, zur Diversifizierung des Publikums und nicht zuletzt zur Finanzierung des Gesamtkonstrukts Arthur e. V. bei. Denn auch in der Soziokultur lebt man nicht von Luft und Liebe. Ausgeglichene Haushalte zu erwirtschaften, bedeutet für den Arthur e. V., Jahr für Jahr ein Puzzlespiel aus unterschiedlich großen Teilen zu bewältigen: aus institutioneller Förderung und Förderprojekten, aus Eigeneinnahmen bei Veranstaltungen und aus der Vermietung. Fehlt auch nur eines der Puzzleteile, wird nicht einfach nur das Gesamtbild gestört, sondern im Prinzip das Puzzle unbrauchbar.

Wie andere soziokulturelle Vereine wie etwa das Kraftwerk oder die Chemnitzer Kunstfabrik ist der Arthur e. V. beim Zusammensetzen des Puzzles nicht nur auf die städtische Kulturförderung angewiesen, die zwar regelmäßig als zu klein erscheint, bei der sich aber immerhin der Stadtrat einst entschieden hat, feste Prozentzahlen des städtischen Gesamthaushalts zu finanzieren. Mit ihren sozialen und pädagogischen Angeboten erhalten soziokulturelle Vereine häufig auch Mittel für die pädagogische Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen aus Töpfen des Jugendamts, des Schulamts oder des Sozialamts. Und hier gibt es keine entsprechenden Vorgaben des Stadtrats an sich selbst – im Gegenteil. 15,5 Millionen Euro gab Chemnitz bis 2024 für die offene Kinder- und Jugendarbeit aus. Zwischen 2025 und 2029 soll dieser Wert auf 13,5 Millionen Euro sinken, so hat es sich die Stadtverwaltung vorgenommen. Berücksichtigt man Inflation und zu erwartende Personalkostensteigerungen in den kommenden Jahren, darf man davon ausgehen, dass sich diese beabsichtigte Kürzung deutlich stärker auswirken wird als es der nach Zahlen überschaubare Rückgang um gut 13 Prozent innerhalb von fünf Jahren auszudrücken scheint. Das Jugendamt erwartet selbst, dass dies harte Einschnitte bedeuten würde: „Bei steigenden Kosten ist jährlich von einem Abbau von mehreren bestehenden Projekten auszugehen“, schreibt es in einer Einschätzung Ende 2024 – neu entstehende Projekte seien quasi auszuschließen. Nun mag die Idee, in einer alternden Stadt freiwillige Zahlungen an die Jugendarbeit zu kürzen, nicht vollkommen absurd erscheinen. Zumal die kommunalen Kosten für von Bundesgesetzen auferlegte Aufgaben im Gegenzug drastisch steigen, ohne dass Bund oder Land dies ausreichend ausgleichen. Doch noch ist knapp jede*r sechste Chemnitzer* in unter 18 Jahre alt – und noch kommen jedes Jahr zwischen 2.000 und 3.000 Neugeborene hinzu. Vor allem aber: Der Wegfall einer Förderung kann gleich ein ganzes Soziokultur-Gebäude ins Wanken bringen. Da ist es egal, ob es eine Kulturförderung ist, Einbußen bei der Miete oder eben die Kürzung einer institutionellen Förderung im Jugendbereich. Kommen unerwartete Kostensteigerungen – etwa durch Tarifabschlüsse beim Personal oder durch steigende Heizkosten – hinzu, droht der Einsturz.

Eine Laune der Geschichte

Besonders gut ist das auf dem vorderen Kaßberg zu sehen, wo sich aus einer Laune der Geschichte heraus neben dem Haus Arthur gleich mehrere soziokulturell orientierte Häuser sammeln. Die Laune der Geschichte: die Friedliche Revolution in der DDR. Das ehemalige Pionierhaus „Juri Gagarin“ Karl- Marx-Stadt am Fuße des Kaßbergs wurde erst, die Villa Richard Hartmanns einschließend, zum städtisch betriebenen Kulturhaus Spektrum und ab 2003 zum Soziokulturellen Zentrum Kraftwerk, betrieben von einem Verein. Gleich mehrere Initiativen eroberten zudem in den Wendemonaten ein paar recht schicke Immobilien, die von den Staatsorganen der DDR aufgegeben wurden: Der Arthur e. V. übernahm sein Haus an der Hohen Straße von der Staatssicherheit, ein paar Dutzend Meter entfernt entstand in einem ebenfalls von der Stasi verlassenen Gründerzeithaus das Chemnitzer Umweltzentrum, an der Kaßbergstraße 22 in einem weiteren Bürgerhaus das Frauenzentrum Lila Villa. Auch andere Chemnitzer Kulturinstitutionen erlebten ihre Geburtsstunde in diesem nachrevolutionären Umfeld auf dem vorderen Kaßberg, etwa die Neue Sächsische Galerie oder die Chemnitzer Filmwerkstatt: „Es war eine Zeit der Selbstermächtigung der Chemnitzer Einwohner“, weiß Holm Krieger, langjähriger Programmkoordinator im Arthur e. V. und zuletzt Geschäftsführer im Kraftwerk. Der zusammenbrechende Staat verließ die Gebäude, die Bürgerschaft schaffte neue Strukturen. „Es war eine Geschichte, die es wert gewesen wäre, ein Narrativ im Kulturhauptstadt- Jahr zu sein, in dem es ja ganz viel um Bürgerbeteiligung und Befähigung gehen sollte“, so Krieger weiter. „Aber so viel Selbstermächtigung ist wohl in keinem gesellschaftlichen System gern gesehen“, mutmaßt der Kulturmanager.

Oder man ahnte in der Stadtverwaltung schon vor dem Kulturhauptstadt-Jahr, wie sehr man die 35 Jahre zuvor entstandenen Institutionen 2025 würde belasten müssen: Dem Kraftwerk drohten nicht nur Mittelkürzungen, sondern auch deutlich erhöhte Nebenkosten – Geschäftsführer Krieger überlegte, das Haus für zwei Monate zu schließen, bevor er den Job noch 2025 aufgab. Das Umweltzentrum, jahrelang einerseits Teil der Stadtverwaltung, andererseits Heimat und Anlaufpunkt unterschiedlicher Vereine im Umwelt- und Naturschutzbereich, musste unter anderem seine städtischen Mitarbeiter ans Technische Rathaus abgeben, was die Mieteinnahmen minderte, und die 6.000 Medien umfassende Umweltbibliothek aufgeben – weniger als ein Zehntel des Bestandes ging in die Stadtbibliothek über, der Rest verstreute sich in alle Winde. Dem akCente e. V. als Betreiberin des Frauenzentrums Lila Villa drohte gar ein kompletter Entzug Städtischer Förderungen – in einer Kompromisslösung darf der Verein überleben, musste sich aber neue Räumlichkeiten suchen. Man darf gespannt sein, wann das Gebäude auf einschlägigen Portalen zum Kauf oder zur Vermietung angeboten wird. Das Frauenzentrum wird zum Jahresanfang 2027 in die Stadtwirtschaft umziehen – unter Aufgabe einiger bisheriger Angebote und „unfreiwillig“, wie Vereinsmitglieder gegenüber der Freien Presse betonten.

Rettungsanker Stadtwirtschaft

Das ist ein Schicksal, dass man mit der Chemnitzer Kunstfabrik teilt. Das Angebot, 1991 von den Künstler*innen Ute Schmieder und Wolf Oskar Seese initiiert, will Kunst in alle Lebensbereiche bringen und stellt dafür Werkstatt- und Atelierflächen sowie kunstpädagogischen Rat zur Verfügung. Das Angebot wird nach Angaben von Schmieder monatlich von 400 bis 500 Kindern und Jugendlichen, darunter auch vielen Menschen mit Beeinträchtigungen, genutzt. Zunächst als städtisches Angebot in Glösa angesiedelt, befand sich die Kunstfabrik zwischen 2005 und 2026 unter Obhut der Solaris gGmbH und hatte ihren Sitz in Räumlichkeiten der Unternehmensgruppe in der Neefestraße. Mit dem Auslaufen des Mietvertrags im Sommer dieses Jahres stand die Kunstfabrik vorübergehend vor dem Aus – weil ein Umzug innerhalb des Areals an zu hohen Umbaukosten scheiterte und der Träger Solaris auch potenzielle Umzugskosten nicht stemmen konnte. Auch eine Crowdfunding-Aktion brachte keine Lösung.

"Wir lernen gerade Schritt für Schritt die anderen Akteure in der Stadtwirtschaft kennen.“

Ute Schmieder, Gründerin der Kunstfabrik Chemnitz

Kunstfabrik

Schließlich einigte sich Solaris mit dem Stadtverband der Arbeiterwohlfahrt Chemnitz über einen Wechsel der Trägerschaft – der Jugendhilfeausschuss der Stadt, der die Fördermittel für die Kunstfabrik stellt, stimmte zu. In den Sommerferien erfolgte schließlich der Umzug in barrierefreie Räume in der Stadtwirtschaft am Fuße des Sonnenbergs. Ute Schmieder will über die Umstände des Umzugs eigentlich nicht mehr sprechen – und stattdessen optimistisch in die Zukunft schauen: Die bisher begleiteten jungen Menschen seien den Schritt an den neuen Standort überwiegend mitgegangen und füllten Atelier und Keramikwerkstatt. Und auch sonst käme man so langsam an: „Wir lernen gerade Schritt für Schritt die anderen Akteure in der Stadtwirtschaft kennen – und wir glauben, dass es hier viele Ansätze für die Zusammenarbeit gibt.“ Mit dem ERIKA e. V. mit Kreativangeboten für Kinder, den Stadtfabrikanten mit ihrem FabLab, der Materialinitiative Zeux oder der Gründungsgarage Chemnitz findet sich tatsächlich eine ganze Reihe artverwandter Angebote.

Vielleicht wird also ja die Stadtwirtschaft zu einem neuen Hort der Soziokultur in Chemnitz. In den kommenden Jahren werden die Kaltmieten hier günstig bleiben – dafür bürgen die für die Wiederbelebung des Areals eingesetzten Fördermittel. Ein Rettungsanker für viele weitere größere Vereine ist die Stadtwirtschaft aber mitnichten: Zieht die Lila Villa wie angekündigt um, sind hier vor allem noch kleinere Einzelflächen frei. vtz