Eine gewisse Symbolik soll James Turrells Ganzfeld-Lichtinstallation „Beyond Horizons 2025“ bestimmt vermitteln: Inmitten des imposanten neu entwickelten Bergbaumuseums „Kohlewelt Oelsnitz“ strahlt das Kunstwerk in einem eigens geschaffenen Baukörper aus alter Gießereihalle und neuem Stahlbeton in unterschiedlichsten Farben, es leuchtet aus sich heraus, kein Schatten fällt in seinem Inneren.
So in etwa stellen sich die Macher*innen der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 auch die Bilanz des Titel-Jahres vor. Begeisterte Zitate aus Stadtverwaltungen, Ministerien und nicht zuletzt der verantwortlichen gGmbH lassen sich deshalb jetzt zuhauf einsammeln. Erzählungen von Gänsehaut machen die Runde und Kritikpunkte wie die schlechte Akustik und die vermasselte Drohnenschau bei der Eröffnungsveranstaltung im Januar sind schon jetzt nette Anekdötchen, die man sich auch in zehn, 15 Jahren noch gern erzählen wird.
Und hier soll auch gar nicht so viel Wasser in den Wein gegossen werden. Die Zahlen, die vermeldet werden (siehe nächste Seiten) sind beachtlich und verdeutlichen, was Chemnitz zu leisten imstande ist, wenn man es mal machen lässt – und ein wenig Geld in die Hand nimmt…
Wachsende Übernachtungszahlen
Noch stehen die finalen Gästezahlen aus, die Statistik fürs Gesamtjahr 2025 ist frühestens im Frühjahr 26 zu erwarten. Entsprechend vage heißt es in der Bilanz-Pressemitteilung der Kulturhauptstadt: „Schätzungsweise weit mehr als 2 Millionen Menschen waren Teil des Titeljahres der Stadt Chemnitz und der 38 Kommunen der Kulturhauptstadtregion.“ Das ist vermutlich keine falsche Zahl – auch wenn nicht jede*r Beteiligte auch Hotel- oder Pensionsgast war. Ein paar touristische Kennzahlen lassen aber auf ein gutes Gesamtjahr schließen.
- Bis einschließlich September 2025 verzeichneten die Chemnitzer Beherbergungsstätten mit über zehn Betten 219.883 Gästeankünfte und 448.810 Übernachtungen – fast 24 Prozent mehr Übernachtungen als 2024. Das Chemnitzer Rekordjahr bisher war 2014 mit etwa 580.000 Übernachtungen.
- Laut Chemnitzer Beherbergungssteuer, die alle Gästebetten (also auch in kleineren Betrieben) einbezieht, gab es zwischen Januar und Oktober 2025 insgesamt 609.000 Übernachtungen, 19,5 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2024.
- Der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) zählte bisher 1,2 Millionen zusätzliche Fahrgäste im Jahr 2025. Auf insgesamt zwölf Linien waren 1.700 zusätzliche Busse und 950 zusätzliche Züge gefahren. Mit den Bussen und Bahnen der CVAG sind von Januar bis September 2,0 Millionen zusätzliche Menschen gefahren – sieben Prozent mehr als 2024.
- Ausgewertete Mastercard-Daten zeigen: Die Gesamtausgaben in Chemnitz sind zwischen Januar und Juli 2025 um 21 Prozent gestiegen – deutlich stärker als in der Vergleichsgruppe mit Städten wie Dresden, Leipzig, Halle, Erfurt und Weimar (+12 Prozent)
Chemnitz als Kongressstandort
Die C³ Chemnitzer Veranstaltungszentren melden für dieses Jahr 65.000 Kongress- und Tagungsgäste – zwei Drittel mehr als 2024 (39.000). Allein die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes zählte rund 1.000 Teilnehmende. Zur I²MTC 2025, die größte Fachkonferenz für Messtechnik, kamen 400 Fachleute aus 40 Ländern.
Die Stadt Chemnitz zählte 180 protokollarische Veranstaltungen, fast doppelt so viele wie in einem „regulären Jahr“. 17 neue Einträge ins Goldene Buch der Stadt bedeuten ebenfalls einen Rekord, seitdem es 1899 eingeführt wurde.
55 weitere Delegationen mit rund 2.000 internationalen Fachgästen zählte die Kulturhauptstadt gGmbH, allein 250 Gäste aus 60 Kulturhauptstädten kamen zur Konferenz „40 Jahre Kulturhauptstadt Europas“
Die Preise
Noch ist das Jahr 2025 nicht Geschichte – und doch gab es schon die ersten Preise und Auszeichnungen.
- Der „Maker-Advent“, Vermarktungsinstrument für über 220 Mitmach-Veranstaltungen in Chemnitz und der Region und organisiert im Programm „Makers, Business & Arts“, gewann den Deutschen Tourismuspreis 2025.
- Die freiwilligen Unterstützer*innen der Kulturhauptstadt wurden mit dem regionalen Preis „Tourismus-Helden“ ausgezeichnet.
- Ein Guniess-Rekord gescheitert, einer erfolgreich: Über 1.000 Teilnehmende, die sich zur Ballett-Stunde in der Innenstadt versammelten, reichten zwar nicht ganz zur offiziell größten Ballettklasse der Welt – doch mit 47 Minuten ausweislich der Guinness-Rekord-Jury zumindest zur zeitlich längsten.
Events mit Anziehungskraft
Knapp 2.000 Veranstaltungen gehörten zum offiziellen Programm von Chemnitz 2025. Die großen Festivals erzielten Rekordbesucherzahlen.
Die Top7
1. KOSMOS: 115.000 Gäste
2. Hutfestival: 105.000 Gäste
3. Light our Vision: 86.000 Gäste
4. Eröffnungsfeier: 80.000 Gäste
5. Begehungen: 56.000 Gäste
6. ibug: 38.000 Gäste
7. Abschlussfeier: 22.000 Gäste
„Es sind Zehntausende Menschen, die die Kulturhauptstadt zu ihrer Sache gemacht haben“
Stefan Schmidte, Geschäftsführer Programm der Kuturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 gGmbH
Ausstellungen mit Ausstrahlung
Die Chemnitzer Museen konnten jahrelang und mit zusätzlichen Budgets Sonderausstellungen für 2025 vorbereiten. Enttäuscht hat dabei keine der Extra-Schauen – und die Besucher*innen belohnten den Aufwand.
1. Industriemuseum „Tales of Transformation“: 93.000 Besucher*innen
2. Kunstsammlungen „Edvard Munch. Angst“: 84.000 Besucher*innen
3. Smac „Silberglanz und Kumpeltod“: 43.000 Besucher*innen
4. Gunzenhauser „European Realities“: 40.000 Besucher*innen
5. Markthalle „Hallenkunst“: 30.000 Besucher*innen
6. Zwickau „Sonnensucher! Kunst und Bergbau der Wismut“: 15.000 Besucher*innen
Macher und Menschen
- 1.300 Volunteers brachten sich in 10.000 Einsätzen mit 45.000 ehrenamtlichen Stunden ein.
- 731 beteiligte Institutionen, Vereine und Unternehmen gestalteten das Kulturhauptstadtprogramm, davon 233 internationale Partner*innen aus 40 Ländern. Hinzu kamen Hunderte Einzelpersonen, zum Beispiel in Mikroprojekten
- 1.000 Menschen wirkten am Hauptprojekt #3000Garagen mit.
- In drei Jahren wurden 1.450 Apfelbäume im öffentlichen Raum gepflanzt
Die Kosten
Dass die Kosten – wie für Großevents häufig der Fall – explodiert wären, kann man nicht behaupten. Zwar hat sich das Gesamtbudget für die Jahre 2021 bis 2027 seit den ersten Planungen von 90 Millionen auf rund 115 Millionen Euro erhöht – das meiste zusätzliche Geld kam aber auch Fördertöpfen, die erfolgreich angezapft wurden.
- Der Eigenanteil der Stadt stieg von 22 auf 33 Millionen Euro.
- Knapp 70 Prozent der Gesamtsumme kommen von außerhalb der Stadt Chemnitz.
- In 30 Investitionsflächen flossen 57 Millionen Euro.
- Die operativen Ausgaben der Kulturhauptstadt für Verwaltung und Programm betrugen 58 Millionen Euro.
Was jetzt folgen soll
Das Jahr 2026 hat’s erstmal schwer: Zwar sind in den Doppelhaushalten der Stadt Chemnitz und des Freistaats Sachsen finanzielle Mittel für das Erbe der Kulturhauptstadt – die sogenannte Legacy – vorgesehen; doch erreichen diese naturgemäß nicht die Summen der vergangenen Jahre und sind weitestgehend verplant – etwa für den Weiterbetrieb der Stadtwirtschaft und der Hartmann-Fabrik, für das Festival „Theater der Welt“ und die eine oder andere weitere Großveranstaltung. Deshalb wird 2026 von Stadtverwaltung und Kulturhauptstadt-Gesellschaft als „Brückenjahr“ bezeichnet, in dem sich Finanzen und auch Strukturen neu finden müssen.
Dennoch sollen 2026 vor allem wohlbekannte Veranstaltungen erneut ausgetragen werden. Das betrifft insbesondere das Hutfestival vom 29. bis 31. Mai, den Parksommer vom 2. Juli bis 2. August (der 2025 gar nicht zum offiziellen Programm von 2025 zählte), Sports United am 5. September – allesamt von der C³ Veranstaltungsgesellschaft organisiert – sowie das Festival „Tanz | Moderne | Tanz“ (noch ohne Termin). das KOSMOS-Festival am 29. August (wieder auf einen Tag geschrumpft) sowie den Maker-Advent im Dezember. Hinzu kommen besagtes Großfestival „Theater der Welt“ vom 18. Juni bis 5. Juli – internationales Flair ist da garantiert – sowie Veranstaltungen am Kunst- und Skulpturenweg Purple Path.
Geplant ist darüber hinaus, dass das erfolgreiche Volunteer-Programm erhalten bleibt – wer sich die Freiwilligen künftig ausleihen kann, ist noch ungeklärt. Zudem will die Stadt noch einmal vier thematische Ausschreibungen für Mikro-Projekte durchführen. Dies alles soll dazu dienen, das „Kulturhauptstadt-Gefühl“ ins Jahr 2026 mitzunehmen.
Für 2027 sind die Haushaltsgespräche in vollem Gange – spannend dürfte insbesondere werden, in welche Betreiberstrukturen die großen Interventionsflächen Hartmann-Fabrik, Stadtwirtschaft und Garagencampus eingehen werden und ob der Freistaat sein Versprechen hält, Kunst und Kultur in Chemnitz und der Region besonders zu unterstützen, um den Geist der Kulturhauptstadt lebendig zu halten.
Weitere Seiten, die Sie interessieren könnten.