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Sommer 2026

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Chemnitz, deine Schneisen

#Luft

Wie Frischluftkorridore das Klima in der Stadt regulieren (von Arndt Hecker)

Chemnitz ist eine Autostadt. Trotzdem ist das einstige „Rußchamtz“ heute in Sachen Luftqualität vergleichsweise gut aufgestellt. Zu danken ist dies einer Vielzahl von Korridoren, die frische Luft in die Stadt bringen. Doch genügt das, um auch auf die Veränderungen des Klimawandels vorbereitet zu sein?

Chemnitz ist eine Autostadt. Das ist längst eine Binsenweisheit und nicht nur auf die historische Bedeutung in der Autoindustrie zurückzuführen. Wer wollte, konnte noch bis in die 2010er Jahre hinein direkt von der Haustür im Heckertgebiet oder aus der Innenstadt auf mindestens vierspurigen Verkehrsschneisen bis auf den Berliner Alexanderplatz oder in den Rostocker Überseehafen reisen. Bis heute prägen vielerorts für den motorisierten Individualverkehr freigehaltene Räume das Stadtbild von Chemnitz. Hinzu kommen Straßenbahn-Linien, die sich, anders als in anderen gleich großen oder größeren Städten, auf breiten, zweispurigen Strecken ihren Weg durch die sächsische Metropole fräsen. Ob die imposanten Skoda-Bahnen auf umweltfreundlichen Rasengleisen dahingleiten, ist für die Einstufung als Autostadt unerheblich: Denn nach Angaben der Stadt Chemnitz werden 47 Prozent der Wege in Chemnitz immer noch mit dem PKW zurückgelegt, während nur rund zwölf Prozent auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) entfallen. Der Radverkehr hat mit acht Prozent der Wege einen noch geringeren Anteil am innerstädtischen Verkehrsvolumen.

Eine der größten Einfallstraßen ist die Zwickauer Straße. Je nach Straßenabschnitt wird aktuell für sie in der Spitze eine tägliche Verkehrsbelastung von fast 15.000 Einzelfahrzeugen verzeichnet. Noch deutlich größer ist die Zahl der Autos und Lastkraftwägen auf dem Chemnitzer Südring. Die „Stadtautobahn“, die auch an drei großen Wohngebieten vorbeiführt und als Transitverbindung für den Schwerlastverkehr in Richtung Tschechien stark frequentiert wird, passieren täglich circa 42.000 Fahrzeuge in ihren Brückenbereichen und auf der Haupttrasse zwischen dem Beginn an der Neefestraße und dem Abzweig zur Zschopauer Straße. Der Anteil des Schwerlastverkehrs daran liegt bei rund sieben Prozent. Konzipiert wurde diese wichtige innerstädtische Verbindungsstrecke historisch allerdings nur für eine erwartete Verkehrsbelastung von 30.000 bis 35.000 Fahrzeugen täglich.

Gute Luftqualität auch im Sommer

Angesichts dieser Zahlen könnte man meinen, dass Chemnitz in Verkehrslärm und Abgasen ersticken und ein von miserabler Luftqualität belasteter Ort sein müsste. Die Realität zeigt aber etwas anderes. Laut der Erfassung verschiedener Luftmessstellen, die öffentlich einsehbar sind, wird Chemnitz über das gesamte Jahr hinweg eine überwiegend gute bis sehr gute Luftqualität bescheinigt. So zeigt der Luftqualitätsindex des Schweizer Luftdatenportals IQAir für die Stadt an einem mittelwarmen Tag im August einen Air Quality Index (AQI) von 29. Zum Vergleich: Königswinter in Nordrhein-Westfalen, Neu-Ulm in Bayern und sogar die bayrische Landeshauptstadt München lagen am gleichen Tag darüber mit Werten zwischen 34 und 39 AQI. Doch selbst diese Zahlen zeugen noch von sauberer Luft, wenn man bedenkt, dass die AQI-Skala bis zum Wert 500 reicht. Auf den Karten des Bundesumweltamtes werden der Luftqualität in Chemnitz ebenfalls deutlich positive Werte bescheinigt. Auch das chinesische Portal World Air Quality Index (aqicn.org) weist für Chemnitz bei jahreszeitlichen Schwankungen überwiegend gute Werte aus.

Alle Portale greifen auf Daten von Messtationen zu, die über das ganze Stadtgebiet verteilt sind. Vor allem die markante Station an der Leipziger Straße, ebenfalls eine der meistfrequentierten Verkehrsachsen, liefert hier zuverlässige Angaben zur Luftqualität. Weitere Stationen, meist klein und unscheinbar, oft auch von privaten Initiativen betrieben, befinden sich unter anderem in der Hans-Link- Straße, der Nevoigtstraße, der Horststraße, der Straße Usti nad Labem oder der Stelzendorfer Straße. Insgesamt 24 solcher Stationen sind in Chemnitz zu finden.

Natürliche Klimaanlagen

Nur wie begründen sich die im Vergleich zur Verkehrssituation guten Ergebnisse für die Luftqualität in Chemnitz? Blickt man von oben auf Sachsens drittgrößte Stadt, erkennt man viel Stadtgrün und mehrere grüne Oasen in Chemnitz. Dazu gehören der Stadtpark, der Küchwald, der Zeisigwald oder das Gebiet rund um den Schlossteich.

Aber noch eine Besonderheit fällt auf: Sogenannte Luft- oder Frischluftschneisen bzw. auch Kaltluftkorridore durchziehen das Stadtgebiet. Die Büro für Städtebau GmbH Chemnitz erklärt diese historisch gewachsenen und über 100 Jahre alten Grünsysteme „als gezielt in der Stadtplanung von Chemnitz freigehaltene, unbebaute Streifen und Grünzüge, die eine entscheidende Rolle für das Stadtklima spielen. Sie dienen dazu, kühlere und unverbrauchte Luft aus dem Umland – wie dem Erzgebirgsvorland – direkt in die dicht bebaute und überhitzte Innenstadt zu transportieren.“ Schon unsere Vorväter wussten also, wie man eine erhitzte Innenstadt mit frischer Luft versorgen kann.

Volkmar Zschocke, Stadtrat von Bündnis 90/Die Grünen in Chemnitz und früherer Landtagsabgeordneter, beschreibt diese städtebaulichen Besonderheiten so: „Diese Kaltluftschneisen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie unverbaut und grün sind. Oft handelt es sich dabei um Bach- und Flussläufe – ein schönes Beispiel, wie das auch in der Gegenwart umgesetzt wird, ist der neu entwickelte Uferpark am Pleißenbach, der ebenfalls als Kaltluftschneise wirkt.“ Diese Schneisen seien für die Stadt extrem wichtig und lebensnotwendig, um regelmäßig für frische Luft und Abkühlung zu sorgen. Das Pleißenbachtal bildet laut Stadt „mit seinem angrenzenden Freiland-Klimatop (wie die Freiflächen in Rabenstein) ein starkes Kaltluftentstehungsgebiet, von dem aus die Luft-Ströme flächenhaft in Richtung Innenstadt abfließen.“ Entsprechend wird der Pleißenbach auch nach dem Kulturhauptstadt-Jahr 2025 weiter renaturiert. Das Vorhaben wurde durch den Rückzug der Bahn vom Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs möglich, so ließ sich ein neues Stück Stadt mit renaturiertem Fluss, öffentlich nutzbaren Freiräumen sowie weiteren Flächen für Wohnen, Gemeinbedarf und Gewerbe schaffen.

Auch der Lauf des Kappelbachs und natürlich auch der der Chemnitz durch den Stadtpark und der schon erwähnte Zeisigwald sind laut Zschocke sehr markante und vor allem wichtige Beispiele für solche Schneisen. Die Stadt Chemnitz weist auf ihren Seiten zudem das Chemnitztal und das Gablenzbachtal als Frischluftschneisen aus, die insbesondere an heißen Tagen wie in den vergangenen Monaten für ein einigermaßen erträgliches Klima in der Stadt sorgen.

Von Bebauung ist abzuraten

Dennoch sind diese natürlichen Klimaanlagen bedroht. Volkmar Zschocke: „Es kommt immer darauf an, wie die Stadtrandbebauung gestaltet ist, denn eine Kaltluftschneise kann unterbrochen werden – etwa durch Industrie- oder Gewerbegebiete, die mitten in eine solche Schneise gebaut werden. Das muss man bei der Planung berücksichtigen. Dort, wo diese Luftmassenbewegungen stattfinden, sollte man versuchen, den Raum bei der Bebauung freizuhalten.“

Insgesamt bescheinigt der frühere Bürgerrechtler Zschocke seiner Stadt ebenfalls eine sehr gute Luftqualität, die sich vor allem in den vergangenen 30 Jahren immens gebessert habe. So hätte man noch vor der politischen Wende in der DDR und der anschließenden Wiedervereinigung auf dem Kaßberg und anderen Wohngebieten regelmäßig riechen können, welche Produkte zum Beispiel im VEB Fettchemie an der Neefestraße gekocht wurden. Auf diese und ähnliche Luftverschmutzungen wie die massenhaften ungefilterten Abgase der Zweitaktmotoren hätten die Chemnitzer, so Zschocke, auch gesundheitlich stark reagiert.

Neue Belastungen

Heute sei man erwiesenermaßen deutlich weiter. Nach der Wende, so der Umweltpolitiker sei zum einen viel von sogenannter „schmutziger“ Industrie weggefallen beziehungsweise zusammengebrochen. Zum anderen seien die Reinigungstechnologien, insbesondere im Bereich Emissionsschutz und Anlagengenehmigungen, inzwischen so ausgefeilt, dass Chemnitz im Bereich der europäischen Gesetzgebung sicherstellen kann, dass die Luftqualität hoch bleibt.

Doch nur „gute Luft“ genügt auf Dauer eben nicht mehr – wenn diese immer heißer wird. Um die Auswirkungen des Klimawandels abzufedern, braucht es Maßnahmen wie innerstädtische Entsiegelungen des Bodens, noch mehr Wasserflächen in der Stadt und zusätzliche Begrünungen an Straßenrändern und Hausfassaden. Doch solche Maßnahmen sind vergleichsweise kostenintensiv – und ohne Unterstützung des Bundes von einer Kommune wie Chemnitz kaum zu leisten, wie Zschokke sagt (siehe Interview).

Und auch gegen andere heutige Belastungen sind Frischluftschneisen allein machtlos, etwa Feinstaubpartikel. Diese Schadstoffe, die zum Beispiel durch Reifenabrieb von Autos entstehen und sich auf die Atemorgane legen können, sind wegen ihrer geringen Größe und der chemischen Zusammensetzung schädlich für den Organismus. Hier können die Chemnitzer Kaltluftschneisen nur wenig helfen. Aber vielleicht gelingt es den Stadtsplanern mit Blick auf die Chemnitzer Verkehrsschneisen, ein anderes Verhältnis zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern zu entwickeln. Vielleicht wird es ja irgendwann heißen: „Chemnitz WAR eine Autostadt.“

Bäume und Brunnen

Stadtrat Volkmar Zschocke (Bündnis 90/Die Grünen) im Interview

In den vergangenen Monaten haben die Hitzerekorde auch Chemnitz nicht geschont. Dass sich Städte vor diesen Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels schützen können, ist bekannt. Über die Herausforderungen und die Möglichkeiten konnte Arndt Hecker für Chemnitz Inside an einem warmen Sommerabend mit Volkmar Zschocke (Bündnis 90/Die Grünen), Stadtrat in Chemnitz, sprechen.

ZUR PERSON

Volkmar Zschocke wurde 1969 in Karl-Marx-Stadt geboren. Von 1986 bis 1988 absolvierte er hier eine Lehre zum Werkzeugmacher. Zschocke engagierte sich schon vor 1989 in der Bürgerrechtsbewegung seiner Heimatstadt. Ab 1990 war er zunächst in verschiedenen Positionen in der Chemnitzer Sozialarbeit tätig, bevor er ab 1993 bis 1996 ein berufsbegleitendes Diplomstudium zum Sozialarbeiter absolvierte. Seit 1990 ist er auch politisch für Bündnis 90/Die Grünen aktiv. Unter anderem war er Kreisrat im Landkreis Chemnitz, Landessprecher seiner Partei in Sachsen und Fraktionsvorsitzender seiner Partei im sächsischen Landtag. Zweimal trat Volkmar Zschocke bei der Oberbürgermeisterwahl in Chemnitz an. Heute ist er Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/ Die Grünen im Stadtrat seiner Heimatstadt und wieder in der Sozialarbeit tätig.

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Herr Zschocke, braucht Chemnitz mehr Brunnen für bessere Luft?

  • Wasserflächen in der Stadt spielen für die Luftqualität durchaus eine Rolle – natürliche wie künstliche. Damit sind wir bei einem großen Thema, nämlich einer wassersensiblen Stadtentwicklung: Wie gelingt es, durch bauliche, technische und natürliche Maßnahmen, das Wasser im Stadtraum zu halten, sodass es nicht einfach in die Kanalisation abfließt? Denn je mehr Wasser im Stadtraum gehalten wird, desto besser ist das für das Stadtgrün und auch für die Luftqualität. Eine Wasseroberfläche sorgt für Verdunstung und damit für eine gewisse Luftfeuchtigkeit, die gerade an heißen Tagen wie in diesem Sommer hilfreich sein kann. Das sind allerdings Themen, die extrem kostenintensiv sind. Eine Stadt wie Chemnitz bekommt es allein kaum noch hin, ohne Fördermittel versiegelte Flächen zu entsiegeln. Auch ausreichend Brunnen oder Wasserflächen zu betreiben, ob natürlich oder künstlich, ist enorm kostenintensiv. Hinzu kommt, dass wir in der Stadt eine Vielzahl an Teichen haben, die zum weit überwiegenden Teil in einem schlechten ökologischen Zustand sind – kommunale Teiche, keine privaten. Nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie erreichen sie die Zielwerte eines guten ökologischen Zustands nicht, möglicherweise auch nicht in den dafür vorgeschriebenen Zeiträumen, weil das mit einem enormen Investitionsaufwand verbunden ist. Wünschenswert wäre es dennoch, und es gibt viele mögliche Maßnahmen. Man kann sehr viel machen, es kostet nur alles ordentlich Geld.

Es gibt den Vorwurf, dass Chemnitz zwar viele Bäume fällt, aber nicht im gleichen Maß nachpflanzt. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

  • Ja, der Schwund ist hoch, und das hat verschiedene Ursachen. Eine zentrale Ursache liegt in der Personalausstattung – wir haben in vielen Ämtern der Stadtverwaltung schlicht zu wenig Personal, um Aufgaben sachgerecht umzusetzen. Hinzu kommt eine große Herausforderung, die aus meiner Sicht aber bewältigt werden kann: Im Zuge des Klimawandels muss man sich fragen, ob es Sinn ergibt, einen Platz wie den Schillerplatz modern zu gestalten und dann Rhododendren zu pflanzen, die solche Hitzetage einfach nicht überleben. Auf dem Schillerplatz sterben aktuell in größerer Zahl junge Rhododendronpflanzen – und so ist es in vielen Stadträumen auch in den vergangenen Hitzeperioden gewesen: Die Bäume haben das schlicht nicht überstanden. Deshalb braucht es resiliente, hitzebeständige Baumarten und Heckensträucher, und es braucht ausreichend Ressourcen, um die durch die Hitze entstandenen Lücken im Straßenbegleitgrün zu füllen. An der Barbarossastraße etwa fehlen seit Jahrzehnten in größerer Zahl Bäume, aber es ist ein Kraftakt, diese nachzupflanzen. Es gibt auch Möglichkeiten, das zu unterstützen – etwa die großartige Aktion „Ein Baum für Chemnitz", bei der sich Menschen über eine Baumspende mit einem neuen Baum verbinden können. Aber auch das muss organisiert und gemanagt werden, und selbst mit einer Baumspende von 500 bis 600 Euro ist ein Baum noch nicht vollständig finanziert.

Über welche Bäume sprechen wir da zum Beispiel?

  • Das kommt auf den Standort an. Die kleine Linde auf dem Markt, die wir nach vielem Widerstand als kleinsten gemeinsamen Nenner nach fast zehn Jahren zäher Diskussion endlich durchsetzen konnten, ist zum Beispiel sehr teuer, weil sie in einem Stadtraum steht, der alles andere als baumfreundlich ist. Sie braucht ein Bewässerungssystem und entsprechende Rahmenbedingungen und das ist teuer. Straßenbäume sind generell sehr pflegeaufwendig und teuer: Es braucht ausreichend Raum für die Wurzeln, der im Straßenraum oft fehlt, und in der Anfangszeit brauchen die Bäume regelmäßig Wasser. Das lässt sich nicht genau beziffern, aber man ist schnell bei einer Summe von 3.000 bis 4.000 Euro.

Bezogen auf die Pflanzung oder insgesamt?

  • Pflanzung und Pflege zusammen. Die Pflege ist der große Posten – meist braucht es Bewässerungssysteme, die man an diesem spiralförmigen Einlauf am Stamm erkennt. Die Firmen, die pflanzen und die entsprechenden Verträge haben, bleiben für einen bestimmten Zeitraum unter Vertrag und müssen dafür sorgen, dass die Bäume anwachsen und sich etablieren.

Vielen Dank für das Gespräch!