Sonne im Gesicht, Wind in den Haaren, Erde an den Händen: Gärtnern hat etwas Ursprüngliches. Ob Balkon oder Hinterhof, ob Kleingarten oder Baumscheibe: Platz ist in der kleinsten Lücke. Wenn die Flächen größer werden, wird gemeinsam angebaut: Urban Gardening ist ein Trend, der auch in Chemnitz längst Fuß gefasst hat. Chemnitz Inside hat drei Projekte besucht.
von Steffi Hoffmann
Ein "Ideengarten" auf dem Sonnenberg
Vor etwa vier Jahren wurde ein verwildertes Grundstück an der Chemnitzer Reinhardstraße 24 aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Das Areal befindet sich im sogenannten Karree 72 des Sonnenbergs. Für das hatte der Chemnitzer Stadtrat eine grundlegende Weiterentwicklung beschlossen. Die Fläche ist im privaten Besitz und wurde für mindestens 15 Jahre an die Stadt zur Gemeinwesennutzung verpachtet. Zur Entwicklung von Projekten und Ideen ist das Grundstück im Mai 2022 dem Verein Nachhall überlassen worden, der das Ganze kurzerhand „Ideengarten“ taufte.
Der Ideengarten ist ein echtes Gemeinschaftsprojekt. Nicht Parzelle an Parzelle wie im Kleingartenverein, sondern auf einer Fläche von etwa 2000 Quadratmetern kann hier zusammen gegärtnert werden. Was „zusammen“ genau bedeutet, erklärt Nicole Rüsing. Sie ist ehrenamtlich für die Umweltbildung im Ideengarten zuständig. „Wir besprechen Ideen in Gemeinschaft und setzen sie auch gemeinsam um. Wir vernetzen uns und es ist ein schönes ständiges Kommen und Gehen bei uns“, sagt die Biologin.
Das Karree 72 bildet eine Fläche zum Urban Gardening in der Großstadt. Für Nicole Rüsing ist diese Art des Gärtnerns ein Segen. „Urban Gardening kann so viele Sachen vermitteln: Es stärkt den sozialen Zusammenhalt, den Austausch in der Nachbarschaft, es bringt Lebensqualität und Nahrung“, erklärt sie. Der Chemnitzerin ist dabei vor allem der ökologische Aspekt wichtig. „Es kann sehr viel aus einer Fläche entstehen – eine Oase für Tiere, Kinder und Erwachsene“, findet sie.
Wer den Ideengarten betritt, der schlendert als erstes an 19 alten Apfelbäumen vorbei, die unter anderem die früher weit verbreitete Sorte Aurelia tragen. Sie ist heutzutage kaum noch in Läden zu finden. Aus den Äpfeln wird im Herbst Saft gemacht. „Dafür haben wir eine eigene kleine handbetriebene Presse“, erzählt Nicole Rüsing. Der Saft kann wiederum bei einem Herbstfest gekostet werden.
Hinter den Apfelbäumen stehen, umrahmt von Holzleisten, kleine Beete. Sie sind in einer niedrigen Höhe angelegt, sodass Kinderhände sie gut bewirtschaften können. Denn das ist ein weiteres großes Anliegen des Ideengartens: Kinder an das Thema Garten heranzuführen. Zwei Mal in der Woche kommen Mädchen und Jungen aus Kitas und Grundschulen der Umgebung und buddeln, säen, ernten, essen, spielen und lernen. „Sie bekommen vor allem vermittelt: Ich kann mein eigenes Essen anbauen“, sagt Nicole Rüsing. Dabei sind sie an der frischen Luft, in Gemeinschaft und lernen dabei. In den Kinderbeeten wachsen unter anderem Kopfsalat, Erdbeeren, Möhren, Kartoffeln, Pastinaken oder Zuckerschoten.
Wenn alles reif ist, wird es geerntet und verwendet werden. „Es gibt viel Essbares hier im Garten. Sogar die Blumen können gegessen werden“, so Nicole Rüsing. Neben den Kinderbeeten hat das Archäologiemuseum smac Einkorn, Gerste, Weichund Hartweizen in Beeten gesät. Aus den alten Getreidesorten wird Mehl gewonnen, das dann zum Brotbacken genutzt wird. Im Rahmen der Museumspädagogik war das smac auf der Suche nach einer Fläche für die Errichtung eines Lehmbackofens und wurde im „Ideengarten“ fündig. Ein paar Meter von den Beeten entfernt steht der Backofen nach historischem Vorbild, der regelmäßig für Brot oder Pizza beheizt wird. Links vom Backofen, ein Stück weiter in den Garten hinein, summt und brummt es in den warmen Monaten auch. Ein Geflüchteter aus der Ukraine hatte sich in Chemnitz Bienen angeschafft, ist nun wieder zurück in seine Heimat gereist und hat die Honigproduzenten der Gartengemeinschaft überlassen. „Somit gibt es jetzt auch Ideengarten-Honig“, freut sich Nicole Rüsing.
Zu ihr gesellt sich ein harter Kern aus einer Handvoll Engagierter, die regelmäßig im Garten aktiv werden. Eine weitere Mitstreiterin im Ideengarten ist Maren Troschke. Die Kräuterpädagogin sagt, dass Urban Gardening in der Lage sei, Landwirtschaft auf kleinem Raum in die Stadt zu bringen. „Zum Herumexperimentieren. Denn Hände in die Erde stecken und Grün um sich herum brauchen und wollen auch die Stadtmenschen. Wir wollen eine schöne Zeit im Garten haben und den Kontakt zur Natur vor- und erleben“, so Maren Troschkes Antrieb. Auch Ina Goetz vom Textilatelier „Undoyarn“ auf dem Sonnenberg gehört zur Crew des Ideengarten. Sie betreibt auf der Fläche einen kleinen Färbergarten. In dem wachsen Pflanzen, mit denen Kleidung gefärbt werden kann.
Wer neugierig auf den Ideengarten an der Reinhardstraße 24 ist, kann immer den ersten Freitag im Monat von 15 bis 18 Uhr zum Kennenlernen nutzen – an diesem Tag ist das Tor zur grünen Oase auf dem Sonnenberg für jedermann geöffnet.
Der "Interkulturelle Garten" auf dem Kaßberg
Als Anja Hüttner und José Daniel vor mehr als 15 Jahren über den Kaßberg schlenderten und ein Gelände hinter der Häuserzeile an der Franz-Mehring- Straße 39 entdeckten, dachten sie sich schnell: Das ist es! „Wir wollten zusammen mit anderen gärtnern, das war unser Ziel“, erinnert sich Anja Hüttner. Nun war das ins Auge gefasste Gelände zu dem Zeitpunkt aber alles andere als eine einladende, grüne Oase – es war eine versiegelte Fläche, ein Bauplatz, auf dem Fahrzeuge standen. Doch das Areal war windstill, sonnig und hatte eine gute Lage. Schnell konnte das Duo für sein Vorhaben eines Gemeinschaftsgartens zehn Mitstreiter ins Boot holen. Im Januar 2010 wurde der Verein Interkultureller Garten Bunte Erde gegründet. Er ermöglicht Urban Gardening, bringt dabei Völker zusammen und leistet kulturelle Bildung.
Heute werkeln um die 40 Mitglieder auf der 2000 Quadratmeter großen Fläche, die in den warmen Monaten in allen Farben leuchtet. Jedes Mitglied besitzt ein eigenes kleines Beet, auf dem es anbauen kann, was es möchte – von Obst und Gemüse bis hin zu Blumen. Dazu gibt es Gemeinschaftsbeete, die zusammen bewirtschaftet werden, wie zum Beispiel ein Kräuterrondell, auf dem Lavendel, Rosmarin, Petersilie und Basilikum wachsen. „Die Gemeinschaft soll im Vordergrund stehen“, sagt Anja Hüttner. Mit den Jahren sei auch ein toller und aktiver Vorstand zusammengewachsen, ergänzt sie.
So bunt wie die Beete des Interkulturellen Gartens sind, so bunt sind auch die Lebensgeschichten der Mitglieder. Zum einen betrifft das die Herkunft. Mitbegründer José Daniel stammt aus Portugal und hat sich von Anfang an gewünscht, dass der Garten auch ein Ort wird, an dem sich Herkunftsdeutsche und Zugewanderte begegnen können. Ein Ort der Integration und Völkerverständigung.
Heute buddeln, säen, fachsimpeln, organisieren, plaudern, lachen und feiern Menschen aus Chemnitz im Interkulturellen Garten mit Frauen, Männern und Kindern aus der ganzen Welt, unter anderem aus Israel, Kasachstan, Syrien, Georgien, Vietnam, Ungarn und Brasilien. „Über das Gärtnern können sich Kulturen gut annähern und die Menschen andere Perspektiven erleben“, erzählt Anja Hüttner. Während die Hände in der Erde stecken, komme es zu Gesprächen, die Gemeinsamkeiten offenbaren, die man nicht vermutet hätte. Oder es zeigten sich Gegensätze, die spannend und bereichernd sein können. Neben der unterschiedlichen Herkunft bringt das Urban Gardening auf dem Kaßberg ein Potpourri an Lebenssituationen zusammen – von der jungen Familie über den Alleinstehenden bis hin zu Senioren. „Unser Garten ist somit auch wichtig, wenn es um das Thema Einsamkeit geht“, so Anja Hüttner. Der Garten sei ein Treffpunkt, ein Ort, an dem man mitmachen und dazugehören kann. „Sowas macht ja auch glücklich“, sagt die 52-Jährige. Gemeinsame Arbeitseinsätze verbinden da genauso wie spontane Begegnungen, Feste, interkulturelle Lesungen oder Versammlungen. Für viele sei die grüne Oase an der Franz-Mehring-Straße aber auch einfach ein willkommener Ort der Ruhe und zum Entspannen.
Von Beginn an war es dem Verein für sein Gartenprojekt auch ein Ansinnen, bildungspolitische Arbeit im Stadtteil zu leisten. In Kooperation mit dem Deutschen Volkshochschulverband, Grundschulen und Kitas, Einrichtungen wie dem Don Bosco Bildungswerk und dem Bürgerzentrum auf der Leipziger Straße werden nicht nur Beete gepflegt und Veranstaltungen auf die Beine gestellt, sondern auch verschiedene Aktionen für Kinder und Jugendliche organisiert. So gibt es unter anderem seit etlichen Jahren das Format Talentcampus. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Volkshochschulverband werden Kindern im Alter von acht bis 14 Jahren in den Sommer- und Herbstferien Werkstätten angeboten, die sie einladen, kreativ zu sein, sich mit anderen Kindern zu verbinden und eine schöne Zeit mit gemeinsamen Erlebnissen zu schaffen.
In diesem Jahr lautet das Motto des Talentcampus' „Misch dich ein“. „Wir wollen mit den Kindern erkunden, was von der Kulturhauptstadt für sie übrig geblieben ist“, kündigt Anja Hüttner an. Bei einer gemeinsamen Stadttour könnten die Kids Plätze, Vereine oder Interventionsflächen entdecken und anschließend eine Stadtkarte für andere Kinder entwickeln. Im Interkulturellen Garten sollen mit Keramik außerdem Stadtlandschaften wachsen. Der Talentcampus ist für Kids kostenfrei, unter info@bunteerde.de kann man sich informieren und anmelden. Ebenfalls im Sommer verwandelt sich der Interkulturelle Garten in einen Kulturgarten: An den drei Freitagen im Juni, jeweils ab 19 Uhr, wird ein vielfältiges Programm organisiert – von Poesie und Lyrik über Kunst bis hin zu wissenschaftlichen Perspektiven auf Themen wie Arbeitsmigration in der DDR.
"Zietenaugust" auf dem Sonnenberg
Gleich am Anfang der Zietenstraße, nahe der Augustusburger Straße, am Fuße des Sonnenbergs, befindet sich hinter einem unscheinbaren Tor an der Hausnummer 4 der „Zietenaugust“. Urban Gardening ist hier Programm – zwischen viel befahrenen Verkehrsachsen der Stadt liegt ein verwunschenes, ruhiges Kleinod. Im Jahr 2015 wurde die Idee solch eines Gartens in einer Wohngemeinschaft gleich um die Ecke geboren. Ein Jahr später wurde sie in die Tat umgesetzt. Auch beim Zietenaugust steht der Gemeinschaftsgedanke an erster Stelle. „Das Projekt unterliegt dabei einem ständigen Wandel an Leuten, die mitmachen“, erzählt Karola Köpferl. Sie gehört zum harten Kern des Gartens, der sieben bis zehn Personen umfasst. Dabei hatte Köpferl 2018, als sie dazu kam, eigentlich nur einen Platz für ihre Bienen gesucht, wie sie sagt. Doch sie blieb, weil sie sich wohlfühlte.
Die Fläche des Zietenaugust liegt hinter unbewohnten Häusern der Zietenstraße. Am Anfang wurde lediglich ein schmaler Streifen des Hinterhofs gärtnerisch bewirtschaftet. „Wir haben uns immer weiter ausgebreitet“, berichtet Karola Köpferl. Alte Betonplatten wurden aufgerissen und zu Umrandungen von Beeten gemacht. Der frühere Parkplatz konnte damit sukzessive zur Grünfläche werden. Auf der wachsen in den warmen Monaten Mangold, Tomaten, Schwarzwurzel, Zucchini und Erdbeeren. Sogar die Mieze-Schindler-Erdbeere, die vor 100 Jahren von einem Dresdner Professor gezüchtet wurde, findet man im Garten am Fuße des Sonnenbergs. Derzeit werden Hochbeete angelegt. „Vieles hier ist Trial und Error“, so Köpferl. Es gab aber auch schon Jahre, in denen die Ernte so ertragreich war, dass die Hobbygärtner gar nicht mehr wussten, wohin damit.
Im Zietenaugust wird aber nicht nur Obst und Gemüse angebaut. Der Garten ist auch ein Raum für Tüftler, Bastler und Kreative. Haus- und Garagenwände des Hinterhofs werden gern bemalt oder besprayt, verschiedene Bauprojekte, wie Baumhäuser, verwirklicht. „Das hier ist wie ein großer Holzspielplatz zum Ausprobieren“, sagt Karola Köpferl und zeigt auf eine selbstgebaute Bar aus Holzplatten, die in den warmen Monaten zum Getränkeausschank genutzt wird. In Eigenleistung sind auch eine Art Kiosk und eine finnische Sauna gebaut worden. Die Sauna entstand in Zusammenarbeit mit dem Klub Solitaer, dem Finnland Institut und der Helsinki Urban Art NGO, wodurch der Garten zum ersten Mal Schauplatz eines internationalen Projektes wurde. Jeden Donnerstagabend kann geschwitzt werden.
Der Zietenaugust verfolge die Vision eines grüneren und nachhaltigeren Stadtlebens. Es gehe um Begegnungen, über Generationen hinweg. „Die Leute sind gern hier, weil es ein Ort ist, an dem es keinen Konsumzwang gibt und wo sie sich ausprobieren können“, erklärt Karola Köpferl. Es gebe keinen Bewerbungsprozess wie in manch einem Kleingartenverein, keine vorgeschriebenen Heckenhöhen und keine Vereinsklauseln. Ohnehin ist der Zietenaugust kein Verein, sondern eine Gemeinschaft Gleichgesinnter. Und zu der könnten gern weitere Mitgärtner dazukommen: „Wir wollen als Gartengemeinschaft unseren Beitrag für eine lebenswerte, solidarische Gesellschaft leisten – Interessierte daran sind herzlich willkommen“, so die 35-Jährige. Bei schönem Wetter ist der Garten in der Regel am Wochenende ab Mittag geöffnet.