Wirtschaft, Lebensart & Kultur für Netzwerker
Lebensart

#SONDERZEITEN Gemüse in die Stadt

Wie wir uns künftig ernähren

21. Mai 2020

Man muss kein Vegan-Koch mit eigenem Youtube-Kanal, C-Promi-Status und Hang zu Verschwörungstheorien sein, um zu wissen: Obst und Gemüse sind gesund.

„Weil Speis und Trank in dieser Welt
Doch Leib und Seel‘ zusammenhält“

wie Librettist Hinrich Hinsch bereits im späten 17. Jahrhundert für Johann Philipp Förtschs Singspiel „Der irrende Ritter D(on) Quixotte De la Mancia“ dichtete, sind gesunde Nahrungsmittel in Krisenzeiten besonders gefragt. Das galt schon in Zeiten von Rinderwahnsinn und Schweinepest, das gilt nun erneut in der Corona-Krise: Eine erhöhte Nachfrage nach Bio-Milch etwa verzeichnete der Deutsche Bauernverband in den vergangenen Wochen.

Doch die letzte Zeit zeigt noch mehr: Milchpulver kann nicht mehr aus Europa nach China – den größten Abnehmer – geliefert werden. In den USA bricht teilweise die Nahrungsmittel-Logistik zusammen. In Europa wird das Gemüse teurer, weil in Südeuropa die Saisonarbeiter fehlen. In Nordrhein-Westfalen gibt es hingegen so viele Arbeiter auf engem Raum, dass sich die Sammelunterkünfte der Fleischbetriebe zu Infektionsherden entwickeln. Im Gegensatz dazu ist die Spargel-Ernte gefährdet, das Edelgemüse verkauft sich im April im Durchschnitt 38 Prozent teurer als im Vorjahresmonat. Fleischbetriebe – insbesondere Geflügelverarbeiter – leiden unter einem Nachfrageeinbruch, weil Gastronomen, aber auch viele Großküchen für Schulessen oder Betriebskantinen den Betrieb eingestellt haben. Und die Verbraucher, die nun selbst kochen sollen, hamstern Dosensuppe und Nudeln, Hefe und Reis. Der Lebensmittelmarkt – längst ebenso globalisiert wie der ganze Welthandel – ist durcheinander geraten.

Die Alternative? Auch hier ein Umdenken. Hin zu regionaleren, damit oft auch frischeren und gesünderen Nahrungsmitteln. Möglichkeiten dazu finden sich auch in der Region.

Urban Gardening: Schnell und individuell

Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts wurden vielerorts in Europa von gutmeinenden Landesherren, Fabrikbesitzern oder Stadtverwaltungen sogenannte „Armengärten“ errichtet: Die im Zuge der Industrialisierung schnell wachsende Bevölkerung sollte sich selbst ernähren – indem sie eigenes Gemüse anbaute. Als der Arzt Moritz Schreber in Leipzig den ersten „Schreberplatz“ anlegte, ging es hingegen eher um „körperliche Ertüchtigung“ an Spiel- und Sportgeräten. Doch als dann am Leipziger Johannapark auch Beete angelegt wurden, die man später umzäunte, hatte der Schrebergarten seine Geburtsstunde erlebt. Immer wieder in Krisenzeiten wurde das Kleingartenwesen europaweit gesamtgesellschaftlich wichtig: um Versorgungslücken der Bevölkerung zu schließen.

Das ist heute eher selten noch das Ansinnen, wenn in Deutschland der Kleingarten-Betrieb gefördert wird. Das zeigt schon das Kleingartengesetz, das festlegt: Etwa ein Drittel der Fläche darf für den Obst- und Gemüseanbau genutzt werden, der Rest soll Dekoration und Erholung zur Verfügung stehen. 180 Vereine mit circa 14.900 Kleingärten gibt es in Chemnitz, insgesamt werden hier knapp 560 Hektar Land bewirtschaftet. Nicht wenige der Gärten stehen leer, wie unter anderem das Kunst- und Kulturfestival „Begehungen“ vor zwei Jahren zeigte: Da bespielten die eingeladenen Künstler um die 20 freie Flächen in der Chemnitzer Kleingartensparte „Vereinte Kraft“. Ist die Laubenpieperei ohnehin ein Saisongeschäft mit verstärkter Nachfrage im Frühjahr, hat sich dieser Trend in den vergangenen Wochen verstärkt: „Wir können ein zunehmendes Interesse an Kleingärten in ganz Sachsen verzeichnen“, vermeldete Tommy Brunn, Geschäftsführer und Präsident des Landesverband Sachsen der Kleingärtner. Und auch Chemnitzer Gartenvereine ebenso wie der Stadtverband erklärten jüngst, dass die Nachfrage größer sei als üblich. Rein in den Verein, Garten übernehmen, anbauen, ernten: Das ist ein Weg. Für viele Stadtwohner mag aber auch der Erholungswert des eigenen Gartens von Bedeutung sein: Schließlich durfte man den auch besuchen, als Corona viele andere Freizeitmöglichkeiten verbot.

Doch ist ein Kleingarten nicht jedermanns Sache, allein schon wegen der Vereinsmeierei. Alternativ dazu haben sich in Chemnitz mehrere Initiativen gebildet, die das Gärtnern in der Stadt auch ohne Laube und Rasenpflege ermöglichen wollen: Auf Brachflächen sind Gemeinschaftsgärten entstanden – die „Gartenutopie“ und der Nachbarschaftsgarten „Zietenaugust“ auf dem Sonnenberg zum Beispiel, der interkulturelle Garten „Bunte Erde“ auf dem Kassberg oder der Gemeinschaftsgarten „Kompost“ zu Füßen des Schlossviertels. Die Konzepte und Zielgruppen sind durchaus unterschiedlich: „Der Fokus liegt nicht allein darauf, einen schönen Garten anzulegen, sondern vielmehr die Verantwortung zur Pflege und individuellen Gestaltung hässlicher Brachflächen, ungenutzter Freiflächen, Baumscheiben etc. in die Hände der Bürger zu geben“, heißt es beispielsweise beim Verein Stadthalten Chemnitz, der eine Reihe dieser Gemeinschaftsgärten versammelt hat. Doch zumeist geht es eben auch darum, dass Beete von einzelnen Menschen oder gemeinsam bewirtschaftet werden – und am Ende das eigene Obst und Gemüse mit nach Hause zu nehmen, eine der Formen des Urban Gardenings.

Noch individueller wird dieses Gärtnern in der Stadt, wenn Menschen den eigenen Balkon zum Anbauen von Obst und Gemüse nutzen: Da werden Fensterbänke zur Keim-Station und Blumenkästen zur Gemüsezucht, es entstehen Hoch- und Hängebeete, um den vorhandenen Platz möglichst sinnvoll zu nutzen. Der Fachhandel reagiert mit jeder Menge platzsparenden Sorten auf den Trend – oder gleich mit Abos, die zu jeder Pflanzzeit die passenden Samen versenden. Doch die Kleinst-Gärtner tauschen auch untereinander Pflanzen und Samen: Keine vier Wochen dauerte es, bis die im März neu gegründete Facebook-Gruppe „PLANT SWAP Chemnitz“ an die 200 Mitglieder zählte. Die Idee dazu hatte die 23-jährige Ulrike Schell: „Ich war überrascht, wie schnell die Gruppe über meinen eigenen Freundeskreis hinausgewachsen ist“, berichtet sie. Sie kannte ähnliche Facebook-Gruppen aus anderen Großstädten. Schell erfreut sich eher an Zimmerpflanzen und deren Ablegern: „Ich hole mir die Natur ins Haus.“ Doch unbedingt soll „PLANT SWAP Chemnitz“ auch von Klein- oder Balkongärtnern genutzt werden: „Je größer die Gruppe, desto mehr Vielfalt im Samen- und Pflanzenangebot gibt es“, hofft sie. Geld soll dabei außen vor bleiben: „Mir geht es ums Tauschen, ums Verschenken, ums Wissen teilen und Probleme lösen.“

Urban Farming: Vor Ort erzeugen, was vor Ort gebraucht wird

Doch wenn man ehrlich ist: Die professionelle Landwirtschaft können all diese mehr oder minder privaten Initiativen wohl allenfalls ergänzen – nicht ersetzen. Um ganze Städte und Länder (und auf lange Sicht auch die wachsende Weltbevölkerung) zu ernähren, braucht es andere Ansätze als die individuelle Gärtnerei. Dass Obst und Gemüse auch in der Stadt wachsen können, wollen weltweit zahlreiche Innovatoren belegen: Urban Farming ist dann das Stichwort – (be)wirtschaften, nicht nur gärtnern. Dafür werden viele Flächen genutzt: Alte Fabrikhallen, deren Dächer oder – beim vertikalen Anbau – ganze Hauswände. Die Idee klingt bestechend logisch wie bei Blockheizkraftwerken: Die Erzeugung des Lebensnotwendigen erfolgt dezentral – und möglichst dort, wo es dann auch verbraucht wird. Das spart Zeit und Transportkosten.

Viele der neuen innerstädtischen „Bauernhöfe“ kommen dabei fast ohne Muttererde aus. Stattdessen werden Kreisläufe gebildet, die zum Beispiel Pflanzenzucht und Fischzucht verbinden: Die Fische müssen noch – quasi konventionell – gefüttert werden. Doch die Ausscheidungen der Tiere dienen Pflanzen als Nahrung, deren Wurzeln über einen Wasserkreislauf erreicht werden. Salat oder Tomaten nehmen die Nährstoffe aus dem Wasser – und reinigen es damit zugleich. Der Wasserverbrauch solcher Anlagen ist verblüffend gering, die Ausbeute gut: Sowohl Fische als auch Gemüse können verwertet werden. Aquaponik nennt sich das Prinzip und überall in den Großstädten dieser Welt werden Anlagen errichtet. Die meisten davon haben Experimentalcharakter und sind ein Fall für mutige Investoren: Ob sich die Anlagen auf Dauer rechnen, hat noch niemand erprobt.

Wir wollen unsere Anlage – Aquaponik49 – nicht nur fürs Urban Farming etablieren, sondern auch als Bildungs- und Forschungsort für Kinder und Jugendliche oder als Arbeitsort für die berufliche Re-Integration.

Antje Rausch, Geschäftsführerin der Delphin Projekte gGmbH

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So verwundert es nicht, dass es auch den Chemnitzer Aquaponik-Pionieren schwerfällt, ihre geplante Anlage zu finanzieren. Sie sitzen im Karree49 auf dem Sonnenberg. Ein Altbau-Eckhaus befindet sich in der Endphase der Sanierung – hier entsteht hofseitig eine der größten Indoor-Aquaponik-Anlagen Deutschlands: „Im Durchschnitt versorgen 450 Kilogramm Fisch unterschiedlicher Arten unsere Gemüs- und Kräuterpflanzen auf vier Etagen des Hauses mit Nährstoffen“, erläutert Antje Rausch, die das Projekt für die Delphin Projekte gGmbH vorantreibt. Seit 2015 wurden mehrere Versuchsanlagen in kleineren Formaten errichtet, punktuell begleitet durch das Sächsische Textilforschungsinstitut sowie Studierende und Wissenschaftler der TU Chemnitz. Als es an die Finanzierung ging, war die grundständige Sanierung des Eckhauses kein Problem, weil hier auch Wohnungen oder Praxisräume entstehen sollen. Auch der Glasturm für den Gemüseanbau wurde in den Kreditanträgen genehmigt. Doch das Geld für die Anlage selbst – etwa 712.000 Euro für Wasserbecken, Pumpen, Filter, das Bewässerungssystem und die Pflanzschalen – muss zum Großteil derzeit noch gefunden werden: „Wir haben es schon an vielen Stellen versucht, ob über die SAB oder Stiftungen“, erklärt Rausch: „Doch die tun sich schwer mit solch einem innovativem Projekt.“ Die Hoffnung ist, in naher Zukunft einen oder mehrere Stifter vom Gesamtkonzept zu überzeugen: „Wir wollen unsere Anlage – Aquaponik49 – nicht nur fürs Urban Farming etablieren, sondern auch als Bildungs- und Forschungsort für Kinder und Jugendliche oder als Arbeitsort für die berufliche Re-Integration. Insofern sind nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Aspekte im Fokus“, sagt Rausch. Falls es mit einer Gesamtfinanzierung vorerst nicht klappt, werde man Aquaponik49 schrittweise umsetzen.

Neue Verbindungen zwischen Erzeugern und Verbrauchern

Bis es soweit ist, müssen sich regional ambitionierte Städter wohl weiterhin mit Nahrungsmitteln aus dem Umland beliefern lassen. In mehreren Kommunen der Region haben sich dafür „Marktschwärmer“ zusammengefunden. Das Konzept stammt aus Frankreich, wo 2011 die erste Marktschwärmerei entstand: Regionale Erzeuger versammeln sich auf einem Online-Bauernmarkt, wo Kunden ihre Produkte bestellen können. Einmal wöchentlich gibt es dann den Marktschwärmer-Tag: Die Erzeuger kommen an einem festen Ort zusammen, die Kunden können ihre bestellten Sachen abholen. 1.276 Erzeuger – nicht nur Bauern, auch Imker oder Handwerker – haben sich deutschlandweit registriert, 108.000 Nutzer kaufen regelmäßig bei ihnen. In den vergangenen Monaten konnten verschiedene Schwärmereien mehr Kunden verzeichnen, so auch die im erzgebirgischen Lugau: „Im Schnitt gibt es pro Woche rund 40 Bestellungen, durch Corona hat sich die Zahl in etwa verdoppelt“, erzählt Jens Kaltofen, der die Schwärmerei in Lugau mit aufgebaut hat. Dadurch können die teilnehmenden regionalen Händler trotz der andauernden Krise ihren Umsatz ein wenig steigern. Während andere Schwärmereien ihren Betrieb coronabedingt zwischenzeitlich eingestellt haben, verwandelten die Erzgebirger ihren Bauernmarkt in einen Drive-in: Die Online-Bestellungen wurden in Tüten verpackt und direkt an die Kunden ins Auto gereicht.

Systemverändernder funktioniert die Idee der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi). Der „Hof zur bunten Kuh“ in Frankenberg vor den Toren von Chemnitz verfolgt das Konzept. „Wir haben 2012 zwanzig Hektar Land übernommen – und mussten uns überlegen, wie wir es bewirtschaften“, berichtet Ina Hoyer, promovierte Maschinenbauerin. Konventionelle Landwirtschaft kam nicht in Frage, aufs Abenteuer eines herkömmlichen Bio-Bauernhofs wollte sie sich aber auch nicht einlassen.

Stattdessen also SoLaWi: Hier zahlt der Kunde nicht für den Erwerb eines bestimmten Produkts wie zwei Kilo Kartoffeln oder fünf Zwiebeln – sondern er übernimmt „Ernteanteile“. Mit festen Beiträgen – bei der Bunten Kuh 50 Euro monatlich für einen halben, 100 Euro für einen ganzen Ernteanteil – finanziert er den Betrieb des Hofes und bekommt dafür seinen Teil von allem, was geerntet wird. „Unser Ziel ist es, dass man als Ernteteiler wenig oder gar kein Gemüse mehr im Supermarkt zukaufen muss“, erläutert Hoyer. Der Hof stellt die Grundversorgung mit regionalem Gemüse sicher, garantiert saisonal, garantiert frisch und von Demeter auch mit Bio-Garantie versehen. Die Ernte wird nach Chemnitz oder Freiberg geliefert oder kann am Hof in Frankenberg abgeholt werden. Die Transparenz gegenüber den Ernteteilern ist groß: Jährlich wird ihnen ein Wirtschaftsplan vorgelegt, sie dürfen darüber abstimmen, welches Gemüse angebaut werden soll.

Es ist eine Risiko-Teilung zwischen Erzeuger und Kunde, wie sie die Zukunft sein könnte: In guten Jahren gibt es viel Salat, Mangold oder Lagergemüse wie Kohl und Kartoffeln, in schlechten Jahren etwas weniger – und trotzdem überleben sowohl Kunde als auch Erzeuger. „Die Motivation unserer Ernteteiler ist überwiegend, den Landwirt vor Ort zu unterstützen, ohne dabei in die herkömmliche industrielle Landwirtschaft zu investieren“, hat Hoyer beobachtet. Im Gegenzug versucht der Hof sich in der Zucht seltener Arten oder fast vergessener Lebensmittel, investiert aber auch in die Dürrevorsorge: Alljährlich bauen die Frankenberger das Bewässerungssystem aus.

Mit 20 Ernteteilern ist die Bunte Kuh 2012 gestartet, inzwischen sind es etwa 100 Menschen, die 70 Ernteanteile finanzieren: „In den letzten Wochen sind es mehr geworden“, sagt Ina Hoyer: „Ob das an Corona lag oder an Werbung, weiß ich aber nicht.“ Doch in einem Punkt war die Krise ganz sicher ausschlaggebend: Als der „Hof zur bunten Kuh“ Ende März seine Ernteteiler zum Helfereinsatz aufrief, kamen so viele wie nie zuvor zum Unkrautjäten oder Zwiebelsetzen. Als „Miteigentümer“ und Helfer in der Landwirtschaft mit „Arbeitgebernachweis“ hatte man schließlich das Recht, trotz aller Beschränkungen nicht nur die eigene Wohnung, sondern sogar den eigenen Landkreis zu verlassen. vtz (mit gud)