Die „Industrialisierung“ spielt in der Chemnitzer Geschichtserzählung und der Tourismusvermarktung, neben der berühmten Karl-Marx-Büste freilich, eine zentrale Rolle. Aber gehören vielgepriesene Wirtschaftskapitäne wie Richard Har tmann oder seine Kollegen wie der Erfinder und Textilmaschinenproduzent Louis Ferdinand Schönherr wirklich zu deren Gründungsvätern?
Antworten darauf findet man im Chemnitzer Schloßbergmuseum oder besser in sechs Bildnissen mazedonischer Kaufleute, die dort, vom öffentlichen Bewusstsein etwas vergessen, ausgestellt sind. Namentlich nicht direkt zuzuordnen, stellen sie jedoch Vertreter jener Gruppe dar, die gemeinsam mit dem Chemnitzer Textilunternehmer Johann Georg Siegert das eigentliche Initial zum Aufstieg der sächsischen Stadt zu einer der reichsten Großstädte Deutschlands vor dem 2. Weltkrieg lieferten.
Der 1710 geborene Kaufmann Siegert zählte zu den einflussreichsten Bürgern der Stadt Chemnitz. Er galt als umsichtiger und kluger Händler, ausgestattet mit dem Mut des Neugierigen. Im Jahr 1764 traf er gemeinsam mit dem damaligen Chemnitzer Amtmann, den drei Obermeistern des Leineweberhandwerks sowie dem Stadtrat die Entscheidung, mazedonischen Textilhändlern zu erlauben, Baumwolle aus ihren Anbaugebieten im Osmanischen Reich direkt nach Chemnitz zu liefern. Vorbei an der Leipziger Börse, was natürlich auch den Unmut der Leipziger Händler nach sich ziehen würde. Siegert sah aber vor allem Chancen für Chemnitz, zumal die ausländischen Lieferanten nicht nur den Rohstoff für Textilprodukte liefern, sondern auch Fertigprodukte abkaufen würden.
Schließlich siedelten sich bis ca. 1830 insgesamt 31 Kaufleute aus dem heutigen Mazedonien in Chemnitz an. Der sich anschließende Aufschwung war beispiellos: Es entstanden weiterverarbeitende Textilgewerbe wie Spinnereien und Webereien, Strumpf- oder überhaupt Kleidungsproduktionen. Mit dem Bau erster und einfacher Handspinnmaschinen kam es zum beginnenden Textilmaschinen- und im Ergebnis auch zum Werkzeug- und Werkzeugmaschinenbau.
Letztlich führte die Entscheidung Siegerts, des Chemnitzer Amtmanns, der Obermeister und des Stadtrates zu dem, was heute als Chemnitzer Industriegeschichte im Tourismus vermarktet wird. Auch der Erfolg Hartmanns oder Schönherrs lässt sich ohne die historisch relativ kurze Episode der mazedonischen Kaufleute nicht denken.
Dennoch verließen sie 1830 die Stadt wieder. Der Chemnitzer Historiker und stellvertretende Leiter des Schloßbergmuseums Peer Ehmke sieht vor allem technische Veränderungen im Verarbeitungsprozess und das steigende Angebot – vor allem verursacht durch die noch jungen Anbaugebiete in Amerika – mit gleichzeitig sinkenden Preisen als Gründe für das Ende dieser Ära. Trotzdem sollten sie Chemnitzer Geschichte prägen, die bis heute auch einen Teil ihrer Identität aus dieser Epoche ableiten kann. Und Siegert kann so als einer der ersten Chemnitzer Macher gelten.
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