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Sommer 2026

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Ruß-Zwigge

Serie: Industriekultur

Oder: Der Wettlauf um den besten schlechtesten Beinamen

Haben wir hier in Chemnitz etwas verpasst? Gut, im „Trends verschlafen“ macht uns hierzustadte keiner so schnell etwas vor. Nur, dass ausgerechnet die westsächsische Horch-Metropole Zwickau einmal versucht hat, Chemnitz den zweifelhaften „Ruß“-Titel streitig zu machen, hat schon eine besondere historische Qualität. Aber von vorn …

Eigentlich sind Namensgebungen wie „Ruß-Chamtz“ oder „Ruß-Zwigge“ ja auch nur Zuschreibungen von außen (meist von zänkischen benachbarten Bergvölkern). Der Titel „Ruß-Chamtz“ ist dabei wesentlich älter und im Grunde dem explosionsartigen Aufstieg von Chemnitz zur erfolgreichen Industriestadt im 19. Jahrhundert geschuldet. Dazu gehörten nun einmal rauchende, nicht Colts, sondern Schlote. Und Neid natürlich auch.

Bei „Ruß-Zwigge“ liegen die historischen Fakten etwas anders. Auch hier geht der Begriff auf die industrielle Entwicklung der Stadt zurück, kam aber wesentlich später auf. Mit Beginn der Industrialisierung und vor allem ihrem Boom in der DDR, stieg auch der Energiebedarf sprunghaft an. Die Energieträger für den Aufschwung bekamen die Fabriken und Kohlekraftwerke der Stadt aus dem berühmten und leider auch berüchtigten Zwickauer Steinkohlerevier, welches damals als das älteste und bedeutendste Bergbaugebiet Deutschlands galt. Es kam, wie es kommen musste: Der Ruß, der durch das Verbrennen in den massenhaften Öfen entstand und ungefiltert in die Atmosphäre gepustet wurde, legte sich nur wenig später wieder auf die Fassaden der Stadt und die Lungen der Menschen. Der damals als Beschimpfung gedachte Beiname war geboren: „Ruß-Zwigge“.

Wie allerdings anderswo auch, hat sich später König Fußball dieser Sache angenommen und darin das Potenzial zur Indentitätsstiftung erkannt. Die Fans entwarfen 2020 eine große Choreografie, die an die Steinkohle-Tradition der Stadt erinnerte – endlich mal Gelegenheit, für ordentlich Rauch im Stadion zu sorgen. Wie bei vielen Umdeutungen tragen auch Reimform und Noten dazu bei, die Tradition fest im gesellschaftlichen Bewusstsein und im Stadion zu verankern. So kommen gegnerische Fans des westsächsischen Fußballklubs gar nicht daran vorbei, sich „Ruß-Zwigge“ im Stadionliedgut zu widmen.

Mit der Fanszene des Regionalligisten FSV Zwickau haben später auch die Einwohner der Stadt den früheren Schimpfbegriff aufgenommen und umgedeutet. Sie wollten sich damit bewusst von vermeintlich schickeren oder moderneren Städten abgrenzen und stolz auf ihre Herkunft aus einer Arbeiter- und Bergbaustadt verweisen. Insofern können beide Titel auch konkurrenzlos nebeneinander bestehen: Aus „Ruß-Chamtz“ wurde im Jahr 2025 die Europäische Kulturhauptstadt Chemnitz und aus „Ruß-Zwigge“, nun ja, die stolze Stadt Zwickau.

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