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Dezember 2025

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Sozial ist, was Gesellschaft stiftet

Serie: Industriekultur

Die Bedeutung des Chemnitzer Mäzenatentums

Chemnitz hat viele Titel getragen – Sächsisches Manchester, Karl-Marx-Stadt, Stadt der Moderne, Europäische Kulturhauptstadt 2025. Aber eines zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte: Ohne Mäzene wäre die Stadt kulturell ärmer, grauer, ja vielleicht sogar ein bisschen humorloser.

Schon im 19. Jahrhundert verstanden findige Unternehmer, dass die industrielle Blüte nicht allein an Fabrikschloten gemessen wird. 1860 gründeten Bürger die Kunsthütte, einen Kunstverein, der mit privater Leidenschaft und öffentlichem Anspruch die Basis für die heutigen Kunstsammlungen legte. Bald darauf folgte der Textilunternehmer Heinrich Wimmer, der der Stadt seine Sammlung niederländischer Malerei vermachte, und nicht viel später beteiligte sich auch der Maschinenfabrikant Richard Hartmann, dessen Name sonst für Lokomotiven stand, am Aufbau kultureller Werte.

Wer damals Geld hatte, spendete Bilder, Skulpturen oder wenigstens einen stattlichen Teppich für die Gemäldegalerie. Sozial war eben, wer Gesellschaft stiftete – oder zumindest Sitzmöbel für den Ausstellungsraum.

Mit der Jahrhundertwende gewann dieses bürgerliche Engagement an Kontur. Die Familie Vogel legte 1899 die Grundlage für die international bedeutende Sammlung koptischer Textilien, ein Musterbeispiel dafür, wie Unternehmerleidenschaft zu musealer Expertise werden konnte. Um 1900 machte die Textilunternehmerfamilie Esche von sich reden, die Henry van de Velde nach Chemnitz holte und mit dem Wirken des aufstrebenden Architekten nicht nur ihr eigenes Wohnhaus, sondern auch das Kulturleben der Stadt veredelten. 1926 erweiterte der Industrielle Erich Goeritz mit über 1.100 Lithografien von Honoré Daumier den Bestand der Kunstsammlungen – ein Schatz, der bis heute Maßstäbe setzt.

Die Nachkriegszeit brachte Brüche, Verluste und Neubeginn, doch das Mäzenatentum blieb präsent. In den 2000er Jahren übergab der Münchner Kunsthändler Alfred Gunzenhauser seine Sammlung von rund 2.500 Werken, darunter zahlreiche Ikonen der Klassischen Moderne, an die Stadt – ein Geschenk, das 2007 zur Eröffnung des Museums Gunzenhauser führte, des ersten Sammlermuseums in Ostdeutschland.

Kurz darauf kam die Stiftung der Familie Loebermann hinzu, die die Kunstsammlungen mit rund 300 Grafiken von Lyonel Feininger bereicherte. Und ab 2009 folgte die umfangreiche Schenkung des Sammlers Hartmut Koch, der mit den gesamten druckgrafischen Arbeiten von Wolfgang Mattheuer das Profil der Chemnitzer Kunstsammlungen entscheidend mitprägte.

Heute, im Zeitalter von Kulturhauptstadt und mehr oder weniger diskretem Sponsoring, tritt das eigentliche Mäzenatentum weniger laut auf. Unternehmen, Freundeskreise, anonyme Stifter*innen und Institutionen tragen dazu bei, dass neue Werke erworben, Projekte realisiert und Ausstellungen ermöglicht werden. Ironischerweise gilt noch immer: Kultur ist selten selbsttragend und Gesellschaft wird da gestiftet, wo jemand Sinn in einer Investition sieht.

Chemnitz darf sich 2025 feiern lassen, aber ohne die Mäzene von damals und heute stünde die Stadt nicht da, wo sie jetzt steht: mit Kunstsammlungen und Kunstverständnis, weit über die Region hinaus bekannt und berühmt. Man könnte also sagen – ein Bild, eine Skulptur oder ein symbolischer Scheck haben hier schon öfter Gesellschaft gestiftet, als es große, warme Worte je vermocht hätten. Wobei letztere zu jeder Scheckübergabe dazu gehören. Oder, wie es ein anonymer Mäzen der Kunsthütte einst trocken formulierte: „Die Kunst kann uns nicht ernähren – aber sie hält uns im Gespräch.“ – Und was wollte man in Chemnitz je mehr?

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