Wirtschaft, Lebensart & Kultur für Netzwerker
Cover: Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe

Dezember 2025

Jetzt lesen
Serie

Transformation als Motor.

Serie: Industriekultur

Oder: Wo beginnt Industriekultur?

Die vielbeschworene und im Zentrum der touristischen Vermarktung von Chemnitz stehende Industriekultur ist weit mehr als Richard Hartmann oder Louis Ferdinand Schönherr. Sie ist auch kein fest stehendes Denkmal in der Erzählung der Chemnitzer Geschichte. Und sie ist nicht in einen Epochen-Begriff einzuordnen, obwohl die verschiedenen Epochen in der Chemnitzer Industriegeschichte und -kultur ihren Ausdruck gefunden haben.

Aber wie definiert sich „Industriekultur“ überhaupt? Fakt ist, und auch das ist zunächst nicht überraschend, sie lässt sich gar nicht so genau festlegen, wie der Kulturbegriff insgesamt nicht. Für die einen ist Industriekultur in fest abgegrenzten Räumen hinterlegt, wie zum Beispiel in den Zechengebieten des Ruhrgebietes. Andere wehren sich dagegen, „Industriekultur“ als das anzusehen, was von großen Konzeren wie BMW oder der Deutschen Telekom im Rahmen ihrer Kultursponsoring-Strategien gefördert wird. Es ist also nicht ausschließlich das Mäzenatentum, dessen Ergebnisse in vielen Museen oder Ausstellungen zu finden sind. Und die nächsten? Na ja, sie wenden sich eben dem Epochenbegriff zu und meinen, „Industriekultur“ beginne chronologisch da und ende dort.

Vielleicht ist an allem etwas dran. Blickt man aber nach Chemnitz, der Stadt der Macher, der Tüftelnden, der Ingenieur*innen und Entrepreure, dann ist „Industriekultur“ vor allem in der Weiterentwicklung zu suchen. Denn in dieser Stadt der wechselnden Identitäten war es vor allem und immer wieder die industrielle Veränderung, die neue Impulse in Sächsisch-Manchester setzte. Transformation als Motor sozusagen.

Und so beginnt Chemnitzer Industriegeschichte, und mit ihr auch deren Kultur, weit vor Ruß-Chamtz. Etwas flapsig formuliert entsteht sie sogar auf den grünen Wiesen an der Chemnitz, als Markgraf Friedrich der III. 1357 der gleichnamigen Stadt des Bleichprivileg verleiht. Dieses Bleichprivileg war die Voraussetzung dafür, dass an den Ufern der Chemnitz eine Landesbleiche errichtet werden konnte. Das heißt, dass für die Markgrafschaft Meißen dadurch, nördlich vor der Stadt, auf einem Wiesengrundstück von etwa drei bis vier Hektar, eine Bleiche eingerichtet worden war, die die Voraussetzungen bot, im System von Textilproduktion und -handel eine Zentralstellung einzunehmen. Und so entstand, wenn man so will, die Grundlage zunächst für ein überregionales Zentrum der Textilverarbeitung, dann der Textilproduktion im 16. Jahrhundert und des Textilhandels.

Eine weitere wesentliche Transformation hin zur bedeutenden Industriestadt erlebte Chemnitz nachdem sie 1776 mazedonsichen Textilhändlern erlaubt hatte, hier mit ihren Baumwollstoffen zu handeln. Dies entsprach auch der damals schon vorhandenen Innovationskultur, ohne die, chemnitz-spezifisch, Industriekultur nicht zu denken ist.

Aus der relativ kurzen Epoche der Mazedonier entwickelte sich dann, kurz gefasst, das was man den Aufstieg von Chemnitz zur Industriemetropole nennen kann. Mit industriekulturellen Räumen in der ganzen Stadt, umfangreichem Mäzenatentum, von denen insbesondere die Staatlichen Kunstsammlungen bis heute erzählen können, und nicht zuletzt die Einordnung in eine Epoche, deren Beginn nicht erst im Industriemuseum zu suchen ist.

Leseempfehlungen

Weitere Seiten, die Sie interessieren könnten.