Zu Jahresanfang ging es Knall auf Fall: Erst wurde am 18. Januar das Chemnitzer Jahr als Kulturhauptstadt Europas offiziell eingeläutet. Einen Tag später eröffnete das Makerhub EscheLab in Limbach- Oberfrohna. Und zwei Wochen danach auch das NETZ-Werk Neukirchen – ebenfalls ein Makerhub.
Acht bis neun solcher Treffpunkte für Macher*innen soll es in der Kulturregion künftig geben – je nachdem, ob man den Garagencampus am ehemaligen Straßenbahnbetriebshof an der Zwickauer Straße mitzählt. Sie sollen nicht nur als überdimensionale Bastelkeller fungieren – sondern zu Orten der Begegnung zwischen Künstler*innen, Kreativen und der Wirtschaft werden. Chemnitz Inside hat an zwei Standorten nachgefragt, wie das funktioniert.
Anlaufpunkt für Textil-Fans: Das EscheLab
Das Esche-Museum in Limbach-Oberfrohna ist eng mit der Industriegeschichte des Ortes verwoben, geht sein Name doch auf eine große Limbacher Industriellenfamilie zurück: Bereits 1991 hatte der Stadtrat der Kommune vor den Toren von Chemnitz einen Beschluss zur „Vorbereitung und Errichtung eines städtischen Museums“ gefasst, für das die ehemalige Strumpffabrik Reinhold Esche die Heimat werden sollte. 20 Jahre dauerte es bis zur Eröffnung, mehrmals gab es Neukonzeptionen und unterschiedliche Namensvorschläge: Strumpfmuseum. Deutsches Wirkereimuseum. Industriemuseum Limbach. Es wurde dann das Esche-Museum. Reinhold ist nur einer aus der Familie, an die mit dem Namen erinnert wird. Hier wird gleich eine ganze Dynastie von Unternehmern geehrt, die mit Johann Esche um 1700 startete und Spuren nicht nur in Limbach, sondern auch in Chemnitz hinterließ. Sie legten den Grundstein für Limbach als Standort der Textilindustrie, deren Produktpalette weit über Strümpfe hinausging: Vor allem für Handschuhe und Trikotagen wurde Limbach im Fortgang der Geschichte berühmt. Und fürs Nähwirkverfahren Malimo, ein Markenname, der nicht nur den Erfinder Heinrich Mauersberger verewigt, sondern auch den Ort der Erfindung: Limbach-Oberfrohna.
Entsprechend textilgeschichtlich ist das Museum heute angelegt mit zahlreichen historischen Maschinen und Informationen zu den Machern dahinter. Doch es weist auch in die Gegenwart. Im Eingangsbereich findet sich etwa derzeit eine kleine Präsentation von in Limbach hergestellter Arbeitskleidung. Und in den Museumsräumen gibt es einen Ausstellungsbereich mit aktuellen Berufsbildern in der Textilindustrie. „Das soll vor allem den Nachwuchs ansprechen“, erklärt Barbara Wiegand-Stempel, die das Museum leitet.
Sie erarbeitet gerade eine neue Museumskonzeption mit erweitertem museumspädagogischem Angebot. Teil dessen ist auch das EscheLab, das am 19. Januar 2025 offiziell eröffnet wurde. „Die Idee zu einem stärker interaktiven Bereich war bei uns schon länger da“, sagt Wiegand-Stempel. „Der Aufruf aus der Kulturhauptstadt hat die Idee dann reifen lassen.“
Die Macher * innen der Programmlinie „Makers, Business & Art“ (MBA), eines der Flaggschiff-Projekte der Kulturhauptstadt, hatten in der Vorbereitungsphase Initiativen in der Kulturregion aufgerufen, Ideen für Makerhubs einzubringen, die neben der Stadtwirtschaft und dem Garagencampus in Chemnitz etabliert werden könnten. Acht wurden ausgewählt (siehe Kasten auf Seite 10), darunter das EscheLab, das als Werkstatt für kreatives textiles Arbeiten entstehen sollte. „Natürlich wollten wir eine Kreativwerkstatt auf Basis unseres Museumsbestands einrichten – also alles rund um die Verfahren der Maschenbildung Strickerei, Wirkerei und Stickerei.“ Der Raum im Dachgeschoss der früheren Strumpffabrik stand zur Verfügung, das Konzept war schnell entwickelt – und das Label Makerhub nach Limbach vergeben.
„Weil es allerdings keine große Finanzierung von der Kulturhauptstadt gab, mussten wir anderweitig fündig werden“, sagt die Museumsleiterin. Die Stadt bewarb sich um Mittel aus dem bundesweiten Projekt „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ und war erfolgreich – damit standen Investivmittel für die Einrichtung des EscheLab zur Verfügung.
„Wir haben knapp 100.000 Euro verbauen und eine Reihe von Maschinen erwerben können.“
Dr. Barbara Wiegand-Stempel,
Leiterin Städtische Museen Limbach-Oberfrohna
„Wir haben knapp 100.000 Euro verbauen und eine Reihe von Maschinen erwerben können“, führt Wiegand-Stempel aus. Zu denen gehörte neben einer Reihe von Näh- und Strickmaschinen für den Hausgebrauch auch eine Kniterate, eine semiprofessionelle Strickmaschine im Wert eines Kleinwagens. Sie steht nicht im Lab, sondern im Museumsbereich – weil sie einfach zu groß ist: „Unsere Kniterate soll vor allem für textile künstlerische Experimente genutzt werden – und zugleich im Museum Aufmerksamkeit auf das Lab lenken“, hofft sie.
Insgesamt richte sich das EscheLab an alle Zielgruppen. Da stehen zuerst Schulklassen und Handarbeit-Fans, die mit Nähkursen und Workshops bedient werden. Man könne die Arbeitsplätze im EscheLab auch stunden- oder tageweise als Coworking-Platz mieten. Vor allem Studierende und Absolvent* innen von Kunst- und Designhochschulen will Wiegang-Stempel ansprechen – zunächst mit Spring und Summer Schools, aber auch, um hier an Prototypen und Entwurfsgestaltungen zu arbeiten. Mitte März waren die ersten Gäste aus Designstudiengängen von Burg Giebichenstein und der Designfakultät Schneeberg zum Kurs „Maschinen merken sich nichts“ für mehrere Tage vor Ort und auch am „Makers in Residence“-Programm der Kulturhauptstadt nimmt das EscheLab teil.
Die lokale Industrie ist noch nicht übermäßig stark in das Projekt eingebunden, sagt die Museumsleiterin. Dafür gibt es eine bereits seit mehreren Jahren andauernde erfolgreiche Kooperation mit dem Sächsischen Textilforschungsinstitut. Hier könnten Gäste des EscheLab ihre Ideen auch mal in größerem Maßstab ausprobieren, außerdem bereite man aktuell eine gemeinsame Ausstellung zu Künstlerischen Positionen im Medium Textil vor. Zudem warb man gemeinsam Fördermittel beim SIMUL+-Wettbewerb ein. Die sollen nun dazu dienen, ein langfristig tragfähiges Betreiberkonzept für den neuen Makerhub zu entwickeln – an dem fehlt es derzeit nämlich noch.
Das geht einigen der neu entstehenden Makerhubs so, weiß Josephine Hage, Leiterin des Programms Makers, Business & Art bei der Kulturhauptstadt. „Im ersten Schritt galt es, die Ideen für die Hubs auszuarbeiten und sie auch räumlich in die Tat umzusetzen. In 2025 werden wir uns intensiv damit beschäftigen, die Projekte zu etablieren und in die Zukunft zu führen.“
Teil eines Ökosystems: Die Werkbank32
Zumindest in Mittweida ist man jedoch schon einen Schritt weiter. Hier arbeitet seit 2021 das Projekt Werkbank32. Deren Geschichte nahm ihren Anfang durch einen Immobilienkauf der Volksbank Mittweida. Die erwarb ein größeres Areal in Mittweida rund um eine alte Wäscherei, inklusive Altbauvilla und Werkstatt. Ursprünglich sollte das Objekt wieder verkauft werden, doch schließlich entschied sich die Volksbank, es selbst zu sanieren – und als Innovationsquartier zu etablieren. Da sei zunächst vor allem an Coworking-Spaces und Räume für Start-ups gedacht worden, die Corona-Pandemie machte das Konzept aber zumindest teilweise zunichte.
„Coworking war wegen der behördlichen Bestimmungen schwierig, deswegen haben wir das Konzept noch einmal überarbeitet“, erklärt Julia Breßler. Sie arbeitet für die TeleskopEffekt GmbH, eine hundertprozentige Tochter der Volksbank, die das Innovationsquartier heute betreibt. „Stattdessen verstehen wir die Werkbank32 als Hauptquartier der TeleskopEffekt sowie als Anlaufpunkt für den regionalen Mittelstand, Start-ups, Kommunen und andere Regionalbanken.“ Man wolle Anziehungspunkt für Menschen mit Technikvisionen und sozialen Innovationen sein – und biete dafür die infrastrukturellen Voraussetzungen.
Dabei hat das Innovationsquartier mehrere feste Mieter – neben der TeleskopEffekt selbst mit ihren 15 Mitarbeitenden etwa das Blockchain- Kompetenz-Zentrum der Hochschule Mittweida und drei Start-ups.
„Unsere Idee ist: Wenn man bei uns zur Kaffeemaschine geht, trifft man bestimmt jemanden, der einem weiterhelfen kann.“ Dafür sorgen auch
über 470 Veranstaltungen, die allein 2023 in der Werkbank32 stattgefunden haben – davon etwa 90 Prozent als externe Einmietungen.
„Wir hatten 2023 knapp 5.200 Gäste aus sieben verschiedenen Ländern. Beinahe täglich begrüßen wir unterschiedliche Unternehmen, Branchen, Investoren – da kommt es auch mal zum einen oder anderen spontanen Pitch“, so Breßler. Dies komme den Mietern ebenso zugute wie den Besucher* innen der Werkbank32.
Obwohl das Projekt sich bereits etablieren konnte, hat man sich doch um eine Aufnahme als Makerhub der Kulturhauptstadt beworben. „Wir nehmen aus dem Programm zwei Dinge mit“, erläutert Breßler den Schritt:
„Einerseits versprechen wir uns davon, Mittweida als Stadt und der Werkbank32 zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.“ Schließlich sei Mittweida oft selbst für Chemnitzer* innen ein unbeschriebenes Blatt, wenn sie nicht gerade zu Arbeit oder Studium dahin pendelten. „Und andererseits profitieren wir vom Austausch im MBA-Programm und mit den anderen Makerhubs.“ So habe eine gemeinsame Reise nach Manchester dazu geführt, dass in der Werkbank32 ein Escape-Room eingerichtet wurde. Den nutzen vor allem Unternehmen für Team-Events, die die TeleskopEffekt fachlich begleitet: „KMU, die demnächst vor einer Unternehmensübergabe stehen, können hier zum Beispiel unter Beobachtung testen, ob und wie leitende Mitarbeitende ihre Kolleg* innen führen“, erläutert Breßler.
„Wir pflegen den Ökosystem-Ansatz.“
Dr. Julia Breßler,
TeleskopEffekt GmbH
Auch die Ansprache von Kindern und Jugendlichen und deren Heranführung an naturwissenschaftlich-technische Berufswege sei ein gemeinsames Thema der meisten Makerhubs: „Hier können wir viel voneinander lernen und Dinge in Zukunft auch gemeinsam gestalten“, erhofft sich Breßler.
Dieses „gemeinsam“ ist auch der Ansatz der TeleskopEffekt GmbH und der Werkbank32. „In vielen Bereichen verstehen wir uns als Partner, der etwas ‚gemeinsam mit…‘ macht. Wir pflegen da den Ökosystem-Ansatz.“ So sei man Teil des Hightech-Gründerfond oder auch Co-Veranstalterin der Chemnitzer Innovation Night, die jüngst in Die Fabrik veranstaltet wurde. Auch Breßler selbst lebt diese Idee – indem sie ihr Wissen teilt: Als promovierte Innovationsforscherin und diplomierte Wirtschaftspädagogin gestaltet sie seit vier Jahren den Podcast der TeleskopEffekt GmbH. Da geht’s unter anderem um Cross-Innovation, positive Veränderungen und Spaß am Unbekannten. Der Name des Podcasts: MutOffensive. vtz
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