An diesem Frühlingsmorgen glitzert die aufgehende Sonne im Wasser der erzgebirgischen Talsperre Carlsfeld. Malerisch ist sie eingebettet in die Landschaft und fast versteckt ruht sie in der Nähe des Auersberg, der mit seinen 1018,2 Metern über NHN wie ein Bergfürst über der Landschaft thront. Angenehm frisch ist die Luft trotz der schon frühlingshaft warmen Temperaturen und man glaubt sofort, dass aus dem gestauten, sehr klaren Wasser, durch das kleine Flüsschen Wilzsch hineingetragen, einmal Trinkwasser wird.
Auch „Talsperre Weiterswiese“ oder „Wilzschtalsperre“ genannt, gehört die Talsperre Carlsfeld dennoch eher zu den kleineren Trinkwasserspeichern in Deutschland. Auf einer Höhe von 905 Metern über dem Meeresspiegel (Dammhöhe) gelegen, verfügt sie über einen Gesamtstauraum von lediglich rund 3,1 Millionen Kubikmetern. Nur der Schluchsee (auf rund 931 Metern über NHN) in Baden-Württemberg liegt in Deutschland ein wenig höher und ist weit größer. Und dient nicht der Trinkwasserversorgung. Damit ist Carlsfeld die am höchsten gelegene Trinkwassertalsperre der Bundesrepublik.
Gemessen an dieser Aufgabe ist die Bedeutung des auf dem Kamm des Erzgebirges gelegenen Stausees allerdings nicht zu unterschätzen. Wie ihre benachbarte und ungleich größere Schwester, die nur wenige Kilometer entfernte Talsperre Eibenstock, gehört sie neben weiteren derartigen Gewässern zu einem deutschlandweit einmaligen Netz aus 25 Trinkwasser-, 31 sogenannten Brauchwassertalsperren sowie 30 anderen Stauanlagen. Rund 40 Prozent des sächsischen Trinkwassers stammt aus den Trinkwasseranlagen im Freistaat. In der an Talsperren vergleichsweise reichen Region Chemnitz liegt dieser Anteil sogar bei rund 75 Prozent, für die Stadt selbst bei 100 Prozent.
Dieser absolute Wert hat einen Grund. Was viele nicht wissen: Die Industriemetropole hatte bis zum Ende des II. Weltkrieges sogar eine besondere Talsperren-Geschichte, beziehungsweise verfügte über eigene solcher Anlagen zur Sicherstellung der Versorgung mit Trinkwasser der schnell wachsenden Großstadt. Dazu gehörten vor allem die Talsperre Einsiedel vor ihren Toren, die Saidenbachtalsperre in der Nähe der Doppelgemeinde Pockau-Lengenfeld im Mittleren Erzgebirge und die Sperren Neunzehnhain I und II in der Nähe von Marienberg. Um die Versorgungssicherheit der Stadt dauerhaft zu sichern wurden diese Anlagen schon früh zum Verbund „Mittleres Erzgebirge“ zusammengeschlossen. Darin hat die Talsperre Einsiedel noch heute die zentrale Funktion eines Puffer- und Ausgleichspeichers und versorgt über ein Wasserwerk des Betriebsführungsunternehmens Südsachsen Wasser GmbH die Stadt mit weichem Trinkwasser von nachgewiesen hoher Qualität.
Nach dem Krieg wurden die Talsperren der Stadt Chemnitz im Zuge der Gründung der DDR und der damit einhergehenden politischen Entwicklungen zu Volkseigentum erklärt und von nun staatlichen Forst- oder Wasserwirtschaftsbetrieben kontrolliert. Auch nach der politischen Wende und der Wiedervereinigung erhielt die drittgrößte Stadt in Sachsen ihre Anlagen nicht zurück. Im Zuge der Gründung des Freistaates wurden sie 1992 an diesen übergeben. Seitdem ist die damals ebenfalls neugegründete Landestalsperrenverwaltung für ihren Betrieb zuständig.
Die Talsperren und das Hochwasser
Die Geschichte der Errichtung von Stauanlagen ist im Erzgebirge durch den Bergbau geprägt und reicht 500 Jahre weit zurück. Gewässer wie zum Beispiel der Geyrische Teich (im Volksmund auch „Erzgebirgisches Meer“ genannt) oberhalb der Ortschaft Ehrenfriedersdorf, der Filzteich nahe Schneeberg und auch die Galgenteiche bei Altenberg dienten wie unzählige weitere stehende oder fließende Gewässer der Wasserstandsregulierung in den Stollen oder zur Waschung der gewonnenen Erze und Mineralien. Künstlich angelegte Wassergräben wie der Röhrgraben, der die Zinngrube in Ehrenfriedersdorf mit Wasser versorgte, durchziehen das Erzgebirge. Kleinere Flüsse wurden genutzt, um das gewonnene Erz via Wasserkraft aus den Schächten zu holen oder in sogenannten Hammerwerken wie dem in Frohnau bei Annaberg-Buchholz das aus dem Erz gewonnene Eisen zu bearbeiten. Das Wasser war der Motor des erzgebirgischen Bergbaus. Nicht umsonst findet man mit der Aktiven Revierwasseranstalt in Freiberg und der Region das größte historische Wasserwirtschaftssystem Europas.
Erst ab dem 19. Jahrhundert und mit der Errichtung von modernen Talsperren rückten die Trinkwasserversorgung und der Hochwasserschutz in den Blick. Insbesondere das Hochwasser im Juli 1908, ausgelöst durch tagelange Regenfälle, die auf bereits vollgesogene Böden trafen, gilt als ein Inititial zur Errichtung von Hochwasserschutzanlagen und neuen Pegelmesstationen in der Region. Diese Naturkatastrophe betraf primär die östlichen Regionen von Sachsen. Rasch aber lenkte eine besondere Wetterlage hohe Niederschlagsmengen in das sächsisch-böhmische Grenzgebiet des Westerzgebirges, wo die Wassermassen in die engen Flusstäler stürzten und die eher kleinen Gebirgsflüsse keine Chance hatten, sie aufzunehmen. Die Folgen: verheerend. Zu den betroffenen Ortschaften gehörte auch das Dorf Carlsfeld. Das örtliche Flüsschen Wilzsch wurde zum reißenden Strom und zerstörte im damals schon berühmten Zentrum des europäischen Bandoneon-Baus mit brachialer Naturgewalt Brücken, Straßen und Gebäude. Die topologischen Gegebenheiten wurden zum Beschleuniger der Katastrophe: Steile und schroffe Kerbtäler bieten im oberen Erzgebirge Bächen und Flüssen wenig Ausbreitungsmöglichkeiten auf Wiesen und Auen. Die dadurch entstehende Geschwindigkeit führte deshalb bei Hochwasser zur enormen Kraft des herabstürzenden Wassers.
Die Konsequenz aus dieser Katastrophe war ein völliges Umdenken in Bezug auf den Hochwasserschutz in der Region. Im Ergebnis entwickelte sich das Erzgebirge nicht nur zu einem einzigartigen Trinkwasserspeicher- und Schutzgebiet, sondern erhielt auch ein ausgeklügeltes Hochwasserschutzsystem, in dessen Mittelpunkt die Errichtung von Stauanlagen stand. Noch im Katastrophenjahr 1908 gab es die ersten Überlegungen, 1915 werden für Sosa und Eibenstock Vorarbeiten für den Bau einer Tasperre angekündigt, die kriegsbedingt jedoch schnell wieder eingestellt werden. Hier geht’s erst 1949 richtig weiter. Mit dem Bau der Talsperre Carlsfeld wurde hingegen im Jahr 1926 begonnen. Zeitweilig arbeiteten rund 300 Menschen an der gebogenen Gewichtsstaumauer aus Bruchsteinen, die heute unter Denkmalschutz steht. Ihrem Bau fiel der kleine Weiher Weiterswiese zum Opfer, dessen Gebäude weitgehend abgebrochen und seine Bewohner in die nahen Gemeinden umgesiedelt wurden. Die Grundmauern der Gebäude versanken in den angestauten Fluten. Dieses Schicksal teilten im Zuge des Talsperren-Booms im Erzgebirge zahlreiche Siedlungen, einzelne Gehöfte oder auch Mühlen.
Kritik an diesem Verlust von Heimat gab es zu allen Zeiten, auch in der DDR. In der sozialistischen Rhetorik wurden Talsperrenprojekte daher ideologisch umgeformt. So entstand im Ort Sosa die „Talsperre des Friedens“ oder „Jugendtalsperre“ – heute einfach als Talsperre Sosa bekannt. Für deren Bau, den federführend der DDR-Jugendverband FDJ organisierte, wurden junge Erwachsene aus der ganzen DDR in das kleine Dorf nahe Eibenstock gebracht.
Wasser als Energieträger
Wirft man einen Blick in die Welt, fallen einem sofort die Bilder vom Hoover Damm zwischen Nevada und Arizona oder der gewaltigen Drei-Schluchten-Talsperre ein, die in der chinesischen Provinz Hubei die Wassermassen des Jangtsekiang über eine Länge von 663 Kilometer staut. Damit ist dieser Stausee aktuell der größte der Welt. Das in der gigantischen Staumauer verbaute Wasserkraftwerk gilt zudem weltweit ebenfalls als eines der leistungsfähigsten.
Nun, ganz so gigantisch sind die sächsischen Verhältnisse naturgemäß nicht, obwohl mit der Energieleistung des Jangtse-Wasserwerks der sächsische Energiebedarf auf einen Schlag mehr als gedeckt wäre. Aber auch hierzulande gehört die Energiewirtschaft durch Wasserkraft seit jeher zu den Aufgaben der Talsperren. Und nicht zuletzt des Pumpspeicherwerks im erzgebirgischen Markersbach.
Laut Betreiber, dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall, der in Deutschland mit den Pumspeicherwerken Bleiloch und Goldisthal in Thüringen sowie Geesthacht bei Hamburg weitere derartige Anlagen betreibt, gehört Markersbach zu den wichtigsten Bausteinen der Energiewende. Durch seine bemerkenswerte Einschaltgeschwindigkeit von zwei Minuten von Stillstand auf Volllast trägt es zur Netzstabilität in der Energieversorgung bei, da es schnell auf Schwankungen bei der Einspeisung von regenerativen Energien reagieren kann. Sein Oberbecken fasst rund 6,6 Millionen Kubikmeter sogenanntes Arbeitswasser, das für vier Stunden Volllastbetrieb der Turbinen sorgen kann. Dann muss es mit preiswertem Nachtstrom wieder aus dem Unterbecken hochgepumpt werden, in dem sich das Flüsschen Mittweida staut.
Seit 1981 arbeiten sechs Maschinensätze in dem Bergmassiv nahe der Doppelgemeinde Raschau-Markersbach, in das auch die Rohre verlegt wurden. Sie leisten, einmal in Betrieb, insgesamt rund 1050 Megawatt. Dabei schießt das Wasser aus einer Fallhöhe von 288 Metern durch die Turbinen, von denen jede einen Durchfluss von 70 Kubikmetern pro Sekunde bewältigen kann. Das Pumpspeicherwerk in Markersbach gilt, und damit sind wir wieder bei Superlativen, als eine der größten Anlagen dieser Art in Europa und ist das zweitgrößte in Deutschland.
Insgesamt ist die Stromerzeugung via Wasserkraft in Sachsen allerdings von eher untergeordneter Bedeutung. Die aktuell 433 Wasserkraftanlagen im Freistaat, unterteilt in Laufwasserwerke an Flüssen und Talsperren (das Pumpspeicherwerk in Markersbach gehört nicht dazu) erwirtschaften laut Klima-Dashboard Sachsen und Sächsischer Energieagentur (SAENA) jährlich eine Gesamtstrommenge von rund 270 bis 320 Gigawattstunden erneuerbarer Energie. Dass diese Werte schwanken, liegt zunehmend auch an den Auswirkungen des Klimawandels und der sich in dem Zuge verringernden Durchflussmengen der Flüsse sowie der damit schwankenden Wasserstände in den sächsischen Sperren. Die erwirtschaftete Strommenge trägt so mit nur 0,85 Prozent zum Gesamtstrom in Sachsen bei, da trotz des Kohleausstiegs immer noch Strom durch Braunkohle oder auch Gasturbinen erzeugt wird (rund 20 Terrawattstunden). In der Ökoabrechnung, also der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien, zu denen weiterhin stark wachsend auch Windkraft- und Photovoltaikanlagen gehören, beträgt der Anteil der Wasserkraft an der Gesamtmenge allerdings schon 4,5 bis 5 Prozent. Daran wird sich zukünftig allerdings wenig ändern, da der Zubau von Wasserkraftanlagen aktuell stagniert.
... und nun zum Zustand
Grundsätzlich bescheinigt das Bundesgesundheitsministerium in seinem letzten Qualitätsbericht aus dem Jahr 2023 dem sächsischen Trinkwasser eine exzellente Qualität. Regelmäßig durchgeführte Tests würden ergeben, dass über 99 Prozent der im Freistaat entnommenen Wasserproben alle Vorgaben der Trinkwasserverordnung „lückenlos erfüllen“ und „keinerlei gesundheitsschädliche Beslastungen“ auswiesen, so der Bericht. Besonders aus dem Erzgebirge und der Region um Dresden weist das Trinkwasser durch naturnahe und vor allem gründliche Aufbereitungsverfahren eine besonders reine Qualität auf, bestätigt auch das auf Umweltanalytik spezialisierte Portal checknatura.de.
Die Landestalsperrenverwaltung Sachsen (LTV) erklärt, man leiste viel Aufwand, um das Rohwasser aus den Talsperren in bestmöglicher Qualität sowohl als Trinkwasser an die Haushalte als auch als Brauchwasser an Unternehmen abgeben zu können. Trinkwasser sei das am besten kontrollierte Lebensmittel in Sachsen, so die LTV.
Aber es gibt auch in diesem Fall eine Kehrseite. So warnte erst im März 2026 anlässlich des Weltwassertages der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in einer Pressemitteilung, dass nur rund sieben Prozent der sächsischen Fließgewässer in einem guten Zustand seien. Zugleich forderte der BUND, dass der Freistaat jetzt den Gewässer- und Wasserschutz im nächsten Doppelhaushalt absichern müsse, um Gewässerentwicklung, Renaturierung und Flächensicherung zur Qualitätssicherung des Wassers gewährleisten zu können. Zugleich erwartet der Umweltschutzverband, dass die kommunale Umsetzung dieser Maßnahmen dauerhaft und auskömmlich finanziert werden müsse.
„Wasserresilienz ist für Sachsen mehr als ein Umweltthema.“
Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt,
BUND Sachsen
„Wasserresilienz ist für Sachsen weit mehr als ein Umweltthema. Sie entscheidet mit darüber, wie gut wir uns an Dürren, Hochwasser und Nutzungskonflikten anpassen können, wie zukunftsfähig unsere Kommunen sind und wie attraktiv Sachsen als Lebensund Wirtschaftsraum bleibt“, erklärte BUNDChef Felix Ekardt. Dabei hatte der Freistaat in seinem 2024 vorgestellten Handlungsprogramm „Zukunft Wasser für Sachsen“ bereits selbst einen Investitionsbedarf von rund 1,6 Milliarden Euro errechnet, um die Gewässerentwicklung in Sachsen weiter voranzutreiben. Allerdings, so der BUND Sachsen, fehle es am politischen Umsetzungsdruck. Hier müsse mehr geschehen.
Dieser Handlungsdruck ist an der Talsperre Carlsfeld allerdings nicht zu ahnen. Viele Wanderwege und im Winter auch gespurte Loipen führen aus verschiedenen Richtungen und dem benachbarten Vogtland zu ihr und um sie herum. Dennoch muss auch hier ein spezieller Aufwand betrieben werden, um die Qualität des aus ihr gewonnenen Wassers zu sichern. Sogenannte Huminstoffe, die in den Mooren und Wäldern in der Region entstehen, werden von „ihrem“ Fluss Wilzsch in sie eingetragen und müssen im unterhalb der Staumauer gelegenen Wasserwerk herausgefiltert werden.
Mit einer Wasserhärte von nur 0,5 Grad dH (zum Vergleich: sogenanntes „weiches“ Wasser beginnt ab einem Messwert von 7 Grad dH; °dH – Grad deutscher Härte) gehört sie zudem wie ihre Schwesteranlagen im Erzgebirge zu den Talsperren mit dem weichesten Wasser in Deutschland. Trotz der an diesem Morgen gefühlten Klarheit ihres Wassers beträgt ihre Sichttiefe im Jahresmittel außerdem nur rund 100 Zentimeter – der Eintrag natürlicher Stoffe aus ihrem Umfeld verhindert den Tiefenblick.