Chemnitz hat sie. Der Erzgebirgskreis. Mittelsachsen. Beim Umgang mit dem demografischen Wandel und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel setzen Kommunen und Landkreise auf eigene Fachkräftebörsen. Eine ganz spezielle Zielgruppe: die „Rückkehrer“.
Chemnitz Inside hat nachgefragt, warum Menschen in die Region zurückkommen und wie sie dabei unterstützt werden.
So bevölkerungsreich wie in den 1950er Jahren wird Sachsen wohl auf absehbare Zeit nie wieder werden. 5,68 Millionen Menschen zählte die offizielle Statistik 1950. Von nun an ging’s bergab. 1979 waren es noch 5,42 Millionen in den sächsischen Bezirken Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt, 1989 knapp über 5 Millionen. Dann kam die Wende, doch aus Sicht der Bevölkerungsentwicklung keine zum Guten. Stattdessen begann der große Aderlass. Schon Ende 1990 hatte eine Viertelmillion Menschen den frisch gegründeten Freistaat verlassen. Am 31. Dezember 2018 zählte Sachsen fast eine Million Einwohner*innen weniger als Ende 1989: 4,08 Millionen.
Nicht alle waren Weggegangene, ein Teil des Rückgangs beruht auch an der sinkenden Zahl an Geburten und dem deutlichen Sterbeüberschuss. Doch eine erhebliche Zahl von Weggezogenen Sachsen bleibt: „Von 1990 bis 2018 betrugen die Wanderungsverluste in das frühere Bundesgebiet (also die „alten“ Bundesländer, vtz) 439.523 Personen“, weiß die Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen und fährt fort: „Das Wanderungsverhalten in diesen Jahren ist besonders von jungen Menschen im Alter von 18 bis 35 Jahren geprägt – sie machen circa 57 Prozent der Menschen aus, die entweder zu- oder wegziehen.“
Erst in den vergangenen Jahren erholten sich die Zahlen etwas, weist Sachsen sogar ein positives Wanderungssaldo aus: 2023 standen 86.067 Fortzügen 122.298 Zuzüge gegenüber, ein Plus von 36.231 Personen. 2024 lag die Bilanz bei 85.044 Fortzügen aus Sachsen zu 105.680 Zuzügen – plus 20.636 Personen, meldet das Statistische Landesamt. Dabei profitieren, das zeigen die 2023er Zahlen, keineswegs nur die drei Großstädte Leipzig, Dresden und Chemnitz. Auch sämtliche Landkreise verzeichneten ein Wanderungsplus, die südwestsächsischen zwischen 2.824 (Landkreis Zwickau) und 1.578 Personen (Erzgebirgskreis). Doch speisen sich diese Zahlen eher aus internationalen Migrationsbewegungen sowie dem Zuzug von Menschen im Studien- und Ausbildungsalter als aus massiven Rückkehrer-Wellen. Genaue Zahlen dazu fehlen aber: Die Einwohnermeldeämter können schon aus Datenschutzgründen nur schwer erfassen, ob jemand einfach nur aus dem Westen zuzieht oder ob er tatsächlich ein*e Rückkehrer*in ist.
Rückkehr zu Omi
Vor allem die frühen Auswandererjahrgänge dürften für den sächsischen Arbeitsmarkt aber als weitestgehend verloren anzusehen sein. Wer 1990 und in den Folgejahren ging, sei es als Wochenendpendler oder ganz, hat sich inzwischen oft ein Leben andernorts aufgebaut, mit Karriere, Eigenheim und Kindern. „Eine Chance auf Rückkehr haben wir vor allem bei Menschen, die vor sieben bis zwölf Jahren aus Sachsen weggegangen sind“, weiß Katrin Bothe. Sie hat – noch für die inzwischen abgewickelte Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft – einst das Fachkräfteportal Chemnitz-zieht-an mitentwickelt, seit Sommer 2025 betreibt sie es mit ihrer Kollegin Laura Thieme in der privatwirtschaftlichen Kollegtiv GmbH weiter. Aus diesem Erfahrungsschatz hat sie vor allem drei Gründe identifiziert, die Menschen zur Rückkehr bewegen.
Der erste: „Wir werden an unserem neuen Wohnort einfach nicht heimisch.“ Vor allem in den ersten Nachwendejahren sind viele Sächsinnen und Sachsen in die südlichen Bundesländer, nach Bayer und Baden-Württemberg, abgewandert. Später verteilte sich dies stärker auf Städte mit ohnehin großer Anziehungskraft wie Hamburg, Berlin oder die Metropolen an Rhein und Ruhr. „Vor allem im Süden scheint das Ankommen in den lokalen Communities besonders schwer zu fallen“, sagt Bothe. „Auf jeden Fall beobachten wir hier größere Rückkehrbestrebungen als an anderen Standorten.“
Der zweite Rückkehrgrund: „Am neuen Wohnort fehlt uns das Umfeld, um unsere Kinder gut versorgt aufzuziehen.“ Wer abwanderte, tat dies zumeist, weil er in Sachsen recht ungebunden war. Mit dem Wunsch nach Familiengründung orientiert man sich womöglich wieder zurück: „Vor allem im ländlichen Raum fehlt in Westdeutschland häufig die Kita-Infrastruktur oder die Betreuungszeiten passen nicht zum Vollerwerbsarbeitsleben – und in den Ballungsräumen ist Kinderbetreuung sehr teuer“, erklärt Katrin Bothe. Findet man im Osten – beispielsweise in Berlin und Brandenburg – beitragsfreie Betreuung für Kinder jedes Alters, gibt es die kostenlose Betreuung in westlichen Bundesländern oft erst ab zwei oder drei Jahre vor Schuleintritt. So kann es andernorts schnell ins Geld gehen: Von bis zu 1.220 Euro monatlichen Kita-Kosten für wohlhabende Eltern spricht das Portal pro-kita.com – gültig in Bergisch-Gladbach. Fehlen zudem die Großeltern oder andere Verwandte, die ein Kind mal zur Kita bringen, es abholen oder auch mal abends für ein paar Stunden abnehmen, wird Kinderbetreuung schnell zur logistischen und finanziellen Großaufgabe – die sich durch einen Rückzug in heimatliche familiäre Gefilde erleichtern lässt.
Auch der dritte maßgebliche Grund für eine Rückkehr nach Sachsen ist familiärer Art, betrifft aber die Eltern der Abgewanderten: „In den vergangenen Jahren beobachten wir gehäuft, dass Menschen wegen pflegebedürftigen Angehörigen in die Region zurückkommen“, so Katrin Bothe. Vor allem die stark gestiegenen Kosten von Pflegeeinrichtungen machen dies nötig. Und selbst, wenn die Verwandtschaft noch rüstig ist, verlockt die Aussicht auf ein paar letzte gute gemeinsame Jahre mit den Eltern zur Rückkehr.
Rechnen lohnt sich
Vor allem in den Jahren 2023/24 gab es einen größeren Andrang Rückkehrwilliger an der Hotline von Chemnitz-zieht-an, erinnert sich Katrin Bothe. „Da habe ich jede Woche zwei, drei entsprechende Telefonate geführt.“ Dabei habe durchaus auch der Titel als Europäische Kulturhauptstadt für Chemnitz und die Region geholfen. „Das hat die Stadt in den Fokus gerückt und bei so manchem Denkprozesse ausgelöst, ob sich eine Rückkehr lohnt.“
Denn bei allen emotionalen oder familiären Gründen – wer sich auf den Weg zurück in die alte Heimat begibt, rechnet auch. Zwar hätten vor allem ausgebildete Fachkräfte eine gute Chance, ähnlich gut bezahlte Jobs in der Region zu finden. „Viele Unternehmen zahlen inzwischen gute Löhne“, weiß Katrin Bothe. Und dennoch muss man mit mal kleineren, mal größeren Abschlägen kalkulieren.
Dem stehen allerdings deutlich günstigere Lebenshaltungskosten gegenüber – nicht nur bei der Kinderbetreuung. Vor allem die Mieten in Südwestsachsen sind weiterhin beeindruckend niedrig – die Quadratmeterkosten liegen in Chemnitz bei 75 Prozent des bundesweiten Durchschnitts. Im Gegensatz dazu zahlt man in München 180 Prozent des Durchschnitts – da gibt’s für Rückkehrer also durchaus Einsparpotenzial, das im ländlichen Raum noch einmal größer ist.
„Von einer Wohnungsmiete in Frankfurt am Main kann ich im Erzgebirge ein ganzes Haus mieten“, zitiert das Fachkräfteportal Erzgebirge den Apotheker Andreas Schädlich, der aus der Pharmaindustrie in der Main-Metropole zur Führung der elterlichen Apotheke nach Schneeberg zurückkehrte.
Auch in Bezug auf die Lebenshaltungskosten insgesamt hat der Osten zumeist Vorteile, vor allem im Vergleich zu den westdeutschen Metropolregionen, wie das Institut der deutschen Wirtschaft regelmäßig ausrechnet. Mit Ausnahme von Potsdam, Berlin und Jena lebt es sich fast überall in Deutschlands Osten – selbst in Dresden und Leipzig – günstiger als im gesamtdeutschen Durchschnitt. Der südwestsächsische Vogtlandkreis gehörte 2023 (neben dem Kreis Greiz in Thüringen und dem Kreis Görlitz in Ostsachsen) gar zu den drei Regionen mit den niedrigsten Lebenshaltungskosten deutschlandweit.
So bleibt oft trotz Abschlägen beim Gehalt ein kleines Plus nach dem Umzug übrig. Das steckt man am besten in private Altersvorsorge – schließlich wirkt sich ein geringerer Lohn auch auf die Rentenpunkte der Zukunft aus.
Emotionen beim Vorglühen
Mit den finanziellen Pluspunkten, mit Emotionen und den guten Lebensbedingungen vor Ort versuchen die regionalen Wirtschaftsförderer in ihren Fachkräfteportalen zu werben: „Die klein- und mittelständisch geprägte Wirtschaft ermöglicht individuelle Entfaltungsmöglichkeiten und eigene Verantwortungsbereiche in flachen Hierarchien. Gleichzeitig lädt die Landschaft ein, direkt nach der Arbeit Energie zu tanken“, heißt es etwa im Fachkräfteportal Erzgebirge. Chemnitz-zieht-an wirbt mit „5 guten Gründen, warum du nach Chemnitz zurückkommen musst!“. In den Welcome Centern der Region – auch für die Anwerbung und Betreuung ausländischer Arbeitskräfte etabliert – können sich auch Zurückkehrende Unterstützung bei der Re-Integration holen. Mittelsachsen hat schon 2015 eine „Nestbau-Zentrale“ eingerichtet, die das „(Wieder-)Ankommen im Landkreis“ erleichtern soll: „Das können Rückkehrer, Zuzügler und Bleibewillige sein, die in allen Fragen rund um den Bau des eigenen Nests unterstützt werden. Zum Beispiel im Hinblick auf die Sanierung eines alten Hauses, zum Kitaplatz, der passenden Arbeitsstelle etc.“
Allerdings sind die Zeiten vorbei, als große Kampagnen potenziell Rückkehrwillige mit überregionalen Zeitungsanzeigen umwarben, sie in den Zügen in die Region mit Flyern und Gummibärchen überfielen und an den Autobahnraststätten echt-sächsische Eierschecke für Berufspendler spendierten. „Das hat anfangs viel Aufmerksamkeit erzeugt und auch den einen oder anderen Erfolg gebracht“, erklärt Katrin Bothe: „Aber es gab auch große Streuverluste.“ Heute setze man eher darauf, Freunde und Familien in Chemnitz anzusprechen und sie als Absatzmittler zu aktivieren: Auf dass steter Tropfen den Stein höhlen möge.
Weiterhin sei im Umfeld von Feiertagen wie Weihnachten und Jahreswechsel oder Ostern die beste Gelegenheit, um potenzielle Rückkehrer anzusprechen. „Wenn die beim Familien- und Heimatbesuch sehen, was sich in der Region in den vergangenen Jahren und erst recht 2025 getan hat, dann packt den einen oder anderen schon das Heimweh“, ist Bothe sicher. Um ein bisschen nachzuhelfen, gibt es von Chemnitz-zieht-an in diesem Jahr am 27. Dezember eine Party im Veranstaltungszentrum Kraftverkehr: Bevor DJ Dirk Duske zur Original-Videoclip-Disko auflegt, sind Rückkehrende, Freundeskreise, Familien oder Kolleg*innen zum entspannten Vorglühen eingeladen. Die Wirtschaftsförderung Erzgebirge hingegen setzt erneut auf die Jobmesse für Rückkehrwillige (und alle anderen), die sich 2023 aus dem einstigen „Pendleraktionstag“ entwickelt hat: Am 29. Dezember kann man zwischen 10.00 und 14.00 Uhr im GDZ Annaberg informieren, welche Karrierechancen die (alte) Heimat bietet. vtz
„Eine Chance auf Rückkehr haben wir vor allem bei Menschen, die vor sieben bis zwölf Jahren aus Sachsen weggegangen sind.“
Katrin Bothe, Geschäftsführerin der Kollegtiv GmbH
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