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Business mit gutem Gewissen

30. September 2021

Ethisches Wirtschaften, verbunden mit sozialem Engagement, transparenten Lieferketten und Umweltschutz – ein Ding der Unmöglichkeit im Neoliberalismus? Nein, sagen zwei Unternehmer, die sich das Konzept der Gemeinwohlökonomie auf die Fahnen geschrieben haben und es schon jetzt umsetzen. Ein Wissenschaftler bleibt kritisch und fordert die Einbeziehung hiesiger Denker.

Dass Geiz nicht geil sein muss und der Markt vermutlich doch nicht alles regeln wird, wird vielen Menschen spätestens in Anbetracht von Erderwärmung, Bankenkrisen und zunehmender Vermögensungleichheit bewusst. „Komplexe Gesellschaften wie die unsrigen sind hochempfindlich. Die Beziehungen sind abstrakt, jeder Eingriff zeitigt unvorhersehbare Wirkungen. Umso wichtiger ist eine konkrete Gemeinwohlorientierung. Die Wiederentdeckung des gesunden Menschenverstandes weist den Weg“, schreibt der Psychologe und promovierte Wirtschaftswissenschaftler Timo Meynhardt in einem Essay. Doch welche Alternativen haben Geschäftstreibende heute konkret? Da sie in einer global vernetzten Welt agieren und darin konkurrenzfähig sein müssen, sind sie einer ganzen Reihe von Regeln unterworfen. Doch immer mehr Menschen und vor allem Unternehmer*innen, suchen nach Alternativen zur Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskraft.

Eine dieser Alternativen ist die sogenannte Gemeinwohlökonomie. Dabei handelt es sich um eine 2010 im Alpenraum gestartete Wirtschaftsreformbewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Wirtschaft an Werten wie Gemeinwohl und Nachhaltigkeit auszurichten. Basis der Gemeinwohlökonomie ist das gleichnamige Buch des Österreichers Christian Felber. Darin verankert ist unter anderem die Grundlage der sogenannten „Gemeinwohl-Bilanz“ niedergeschrieben, ein Messwerkzeug für Firmen, Unternehmen, aber auch Kommunen, an der sie ablesen können, wie stark sie sich ihren Werten angenähert haben.

Ein Baum für jeden Azubi - Gerüstbauer schreitet voran

Ein Unternehmen, welches sich dieser Bilanz unterzogen hat, ist die Gemeinhardt Service GmbH mit Stammsitz im mittelsächsischen Roßwein. Angehende Gerüstbauer*innen und Bürofachkräfte bekommen bei Gemeinhardt Service einen Baum spendiert. Den pflanzt der Firmennachwuchs selbst auf der unternehmenseigenen Streuobstwiese. Sogar eine Bewerbung bei der Firma lohnt sich für die Natur. „Für jede Bewerbung lassen wir einen Baum pflanzen, allerdings in Mexiko“, erklärt Walter Stuber, Geschäftsführender Gesellschafter der Gemeinhardt Service GmbH. Mehr Bäume auf deutschem Boden wären ihm zwar lieber, da sei aber der bürokratische Aufwand und die Landsuche recht fordernd – und jeder Baum komme dem Klima zugute, egal wo.

„Wir müssen Vorreiter sein, wir müssen machen“, sagt Walter Stuber. Nicht nur die Obstbäume der Auszubildenden stehen auf der Agenda des Unternehmens, sondern auch seltene Baumsorten auf dem Firmengelände – auf dem übrigens auch seit einiger Zeit Bienen fleißig Honig produzieren. Insgesamt versucht die sächsische Spezialgerüstbaufirma mit Niederlassungen in Braunschweig und Frankfurt auch Elemente der Gemeinwohlökonomie aufzugreifen, veröffentlichte dafür sogar eine Gemeinwohlbilanz. „Wir haben aktuell 377 von 1000 Punkten. Da geht noch mehr“, sagt Walter Stuber. Wie er erklärt, müsse sein Unternehmen für die Bilanz alle Prozesse gut belegen können, von Lieferketten bis hin zu Partnern, Aktionen in Sachen Nachhaltigkeit und Umgang mit Mitarbeitenden. Sogar das Essen in der Kantine kommt auf den Prüfstand, ebenso die Herkunft der verkochten Zutaten. Die Bilanz umfasst sämtliche Bereiche des Unternehmens „Es wird nicht nur geschaut, was alles für die Gemeinwohlökonomie getan wird, sondern auch, wie es auf der Baustelle aussieht. Menschenwürde am Arbeitsplatz ist ein wichtiges Thema“, erklärt Stuber. Er und seine Kolleg*innen entschieden sich für das Modell der Gemeinwohlökonomie, wie der Geschäftsführende Gesellschafter sagt, vor allem, weil es ein systematisches Themenfeld sei, das sich gut abarbeiten lässt.

Stuber wünscht sich, dass sich nicht nur weitere Unternehmen der Wirtschaftsreformbewegung anschließen, sondern auch Kommunen. Denn nur dann könne sich das System vollends entfalten. Michael Claus kann dem nur zustimmen und leistet dahingehend seit einigen Jahren Aufklärungsarbeit, speziell in der Region Chemnitz.

Zwischen Festival und Verein – Michael Claus spinnt Netze

„Wir öffnen Türen, schaffen Bewusstsein“, erklärt Michael Claus. Der Festivalleiter der Filmnächte Chemnitz auf dem Theaterplatz ist gleichzeitig auch Initiator der Regionalgruppe Gemeinwohlökonomie in Chemnitz und macht sich stark für das Thema. Auch mit der Kommunalpolitik steht er in Kontakt, stößt immer wieder auf Interesse – aber auch Zögern. „Viele Ziele der Gemeinwohlökonomie sind deckungsgleich mit der Agenda 2030, den Zielen der Stadtentwicklung“, sagt der Unternehmer – die Gemeinwohlbilanz könnte seiner Ansicht nach sogar ein gutes Messinstrument für die Umsetzung sein. Eine Zusage erhielt er noch nicht.

Er selbst stellt sich schon seit vielen Jahren als Unternehmer und Privatperson die Frage, wie sich wirtschaftliche Prozesse anders aufstellen lassen. „Die Wirtschaft muss vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden. Derzeit ist der Finanzgewinn der Zweck – aber das sollte die Gemeinschaft sein, und der Finanzgewinn nur das Mittel“, sagt Michael Claus.

Diese Gedanken trieben ihn schon länger um, 2016 wurde ihm das Buch von Christian Felber empfohlen. Kurz darauf suchte der Unternehmer den Kontakt zur Regionalgruppe Gemeinwohlökonomie in Dresden, eine regionale Vereinigung, wie es sie mittlerweile deutschland- und weltweit gibt, in denen sich Gleichgesinnte treffen, austauschen und das Thema voranbringen. Michael Claus suchte zudem Möglichkeiten, Gemeinwohlökonomie auch ins eigene Berufsleben zu integrieren.

Eine Art Initialzündung vollzog er im Spätsommer 2018 in Chemnitz. „Wir haben bei den Filmnächten eine Podiumsdiskussion mit Christian Felber organisiert“, erklärt er. Themen seien das Leben von Morgen, Bedingungsloses Grundeinkommen und eben auch die Gemeinwohlökonomie gewesen. „Am Ende des Abends hatten wir etwa 30 Kontaktdaten von Interessierten gesammelt. Das war der Start der Regionalgruppe Chemnitz“, erinnert sich Claus. Im Folgejahr kam es zu einem ersten Treffen, zugegen war eine bunte Mischung aus Arbeitnehmer*innen, Studierenden, Selbstständigen und Lehrkräften. Seit Corona jedoch schliefen die Gruppenaktivitäten ein – sollen jedoch langsam revitalisiert werden.

Die Wirtschaft muss vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden.

Michael Claus, Festivalleiter der Filmnächte Chemnitz

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Auch die Filmnächte sollen Schritt für Schritt hin zur Gemeinwohlökonomie ausgerichtet werden. Schon 2017 wurde für die Filmnächte Chemnitz sowie die dazu gehörende Agentur Meisterwerke Neo eine Einstiegsbilanz erstellt. „Die positiven Unternehmungen und die alten, nach Gemeinwohl schwierigen Muster haben sich in etwa die Waage gehalten“, so Michael Claus. Nun befinden sich die Filmnächte, wie deren Leiter erklärt, seit Jahren in einem Prozess der Umsetzung. Lieferketten werden untersucht, es wird Wert auf fairen Handel und Bezahlung, auf Transparenz gelegt, selbst im Programm der Filmnächte Chemnitz schlage sich das nieder. Etwa in der Programmreihe „TERRA“, die sich Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen widmet.

Und wie geht es in ganz Chemnitz weiter? Laut Michael Claus hat es sich die Regionalgruppe Chemnitz zur Aufgabe gemacht, in die eigenen Blasen zu gehen, dort mit Menschen ins Gespräch zu kommen und zu eruieren, wo Verbesserungen möglich sind – gleichzeitig wollen sie sich aber zunehmend auch an die Öffentlichkeit richten. „Gemeinwohlökonomie sollte keine Utopie sein, sondern Normalität. Wir brauchen eine Ökonomie, die für den Menschen da ist“, sagt Michael Claus. Der Weg müsse nicht zwangsweise die Idee von Christian Felber sein.

Wirtschaften für Gemeinwohl ja - aber ohne Dogma

Zur Idee der Gemeinwohlökonomie forscht auch Timo Meynhardt. Der Wissenschaftler sieht Christian Felbers Auslegung jedoch nur als eine von vielen Möglichkeiten. „Natürlich braucht es eine Rückbesinnung auf Gemeinwohlvorstellungen – die auch schon in der sozialen Marktwirtschaft verankert ist. Wir brauchen dringend eine sozialökologische Transformation“, sagt der Inhaber des Dr. Arend Oetker Lehrstuhl für Wirtschaftspsychologie und Führung an der Handelshochschule Leipzig. Seiner Ansicht nach ist die Gemeinwohlökonomie nach Christian Felber, die aus der Protestbewegung ATTAC in Österreich entstand, nur ein Ansatz von vielen – den er nicht ganz unkritisch sieht. „Die Gemeinwohlökonomie nach Felber ist ideologisch sehr eng. Das attraktive daran ist, dass sie auf den Punkt kommt – sie spricht damit aber vor allem Grüne an“, so Meynhardt.

Dabei sei Gemeinwohl im eigentlichen Sinne aber eine Aufgabe, die alle angeht, seien es nun konservative, liberale oder progressive Kräfte. Die Gemeinwohlbilanz biete ein klares Regelwerk – allerdings würden viele Menschen diese als zu dogmatisch betrachten und ablehnen. Etwa, wenn es Plus- oder Minuspunkte gibt, je nachdem, ob in einer Kantine Fleisch gereicht wird oder nicht. Das sei für viele Privatsache und zu viel Vorschrift. Ein weiteres Manko: „Die Gemeinwohlökonomie spielt in der Wissenschaft kaum eine Rolle, sie ist eher ein Patentprogramm“, so Meynhardt. Er könne sich, wie er sagt, vorstellen, dass das Programm als politische Agenda verstanden wird und ein Vertreter dieser Bewegung irgendwann als Bürgermeister für eine Gemeinde antritt.

Wir brauchen keinen West-Import, der uns erzählt, was Gemeinwohlökonomie ist. Wir haben eigene Denker

Prof. Timo Meynhardt, HTWK Leipzig

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Meynhardt selbst plädiert für ein offeneres Herangehen an das Thema Gemeinwohl und deren Umsetzung in der Wirtschaft. Die Debatte solle möglichst viele Menschen einschließen, schließlich gelte es nicht nur im kleinen Kreis Lösungen zu finden. Zudem gebe es gerade in Ostdeutschland einige kluge Köpfe, die Orientierung bieten könnten. „Wir brauchen keinen West-Import, der uns erzählt, was Gemeinwohlökonomie ist. Wir haben eigene Denker“, sagt er. Dabei meint er vor allem den Sozialökologen Rudolf Bahro, der mit seinem Buch „Die Alternative“ bekannt wurde, in dem er den Staatssozialismus der DDR kritisierte und gleichzeitig auch ökonomische Alternativansätze nannte. Auch ein Befassen mit den Gedanken und Schriften des kürzlich verstorbenen Politikers Kurt Biedenkopf würde sich lohnen, um neue Ideen und Lösungen zu finden, so Meynhardt. Der Wissenschaftler sieht die Region Ostdeutschland als prädestiniert für Versuche in Sachen Gemeinwohlökonomie. „Die Region kann ein Vorbild sein für Zukunftsentwicklung in Zeiten von Krisen“, sagt er – schließlich habe die dortige Bevölkerung durch die Wende einen Erfahrungsvorsprung, da man sich schon einmal mit Erfolg auf ein neues System eingestellt habe. sah