Wasserstoff – das ist momentan die Antwort auf viele Fragen. In der Theorie lassen sich 75 Prozent des aktuellen Energiebedarfs der Menschen durch Wasserstoff substituieren – doch nicht jede Anwendung ist wirtschaftlich sinnvoll. Wasserstoff soll Kohle als Brennstoff in der Stahlindustrie oder in Gießereien ersetzen. Wasserstoff ist Grundstoff für die Herstellung von Ammoniak, Düngemitteln oder Methanol in der Chemieindustrie. Wasserstoff soll in Kraftwerken für die Strom- und Wärmeerzeugung eingesetzt werden, womöglich aber auch jeden privaten Haushalt versorgen, der heute noch an Gas angeschlossen ist. Durch Elektrolyse gewonnener Wasserstoff kann die überschüssige Energie aus Solar- und Windkraftanlagen aufnehmen und so als Energiespeicher dienen. Und mit Wasserstoff kann man eben E-Fuels herstellen – bevor die allerdings in privaten PKWs verbrannt werden, melden erstmal Schifffahrt und Luftfahrt und danach der Öffentliche Personenverkehr Bedarfe an, die alle auch CO2-neutral werden wollen. Wasserstoff – das ist momentan zwar oft die Antwort, doch zugleich Ausgangspunkt für viele weitere Fragen. Woher kommt er? Kann er in den notwendigen Mengen geliefert werden? Wohin stellt man die Speicher? Wie sichert man sie? Wie wird der Wasserstoff transportiert? Nach welchen Kriterien wird er verteilt? Welche Nutzungsideen sind wirtschaftlich sinnvoll? Wie lassen sich Nutzungsgrade verbessern?
Anschluss ans Kernnetz
Es sind mal große, mal kleine Fragen, auf die an vielen Orten mal große, mal kleine Antworten gesucht werden – weltweit, europaweit und auch in der Region. Nicht immer passen die Antworten zusammen, wie ein Beispiel aus der Region zeigt: Da bekommt Chemnitz von der – damals erst schwarz-roten – Bundesregierung einen von vier Standorten eines deutschen Wasserstoffkompetenzzentrums zugesprochen. Das später liberal geführte Bundesverkehrsministerium der Folgeregierung bestätigt dies. Doch als das in dieser Zeit grüne Bundeswirtschaftsministerium seinen Plan für ein zu errichtendes Wasserstoff-Kernnetz vorlegt, führt dieses an Chemnitz kilometerweit vorbei, obwohl es zusätzlich zum Forschungszentrum auch einen großen, aus den Unternehmen der Region angemeldeten Wasserstoffbedarf gibt. Verständlich? Wohl kaum.
Doch das Problem kann natürlich gelöst werden. In Chemnitz gründete man dafür im Jahr 2024 ein Wasserstoffbündnis aus regionalem Akteur*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen. Dessen Ziel vor allem: die infrastrukturellen Grundlagen für eine Wasserstoffwirtschaft zu entwickeln, also die Anbindung ans Kernnetz herzustellen.
Im dritten Jahr des Bündnisses kann zumindest theoretisch Vollzug gemeldet werden: Der Energieversorger eins/inetz wird die fehlende Lücke zwischen Kernnetz und Stadt Chemnitz selbst schließen, wie Pascal Gödicke, der Projektverantwortliche des Unternehmens, im Rahmen des Bündnis-Jahrestreffens Ende August in Chemnitz erklärte. Anknüpfungspunkt für das regionale Verbundnetz soll die Kernnetz- Leitung OPAL Süd sein, die durch Mittelsachsen verläuft. Östlich von Freiberg, bei Niederschöna, soll der Anschluss erfolgen.
Eine 26 Kilometer lange Trasse wird bis zum Oederander Ortsteil Hartha neu gebaut, für die letzten 14 Kilometer bis nach Euba am Chemnitzer Stadtrand sollen bestehende Rohrleitungen für den Wasserstofftransport umgerüstet werden. Zusätzlich müssen zwei Regelanlagen errichtet werden. Derzeit laufen Trassensicherung und Genehmigungsplanung „Insgesamt müssen wir dafür Genehmigungen von 20 Behörden und Trägern öffentlicher Belange einholen“, verdeutlichte Gödicke vor den Mitgliedern des Wasserstoffbündnisses. Zudem muss man sich 180 Flurstücke sichern, Kreuzungen mit einer Bahnstrecke, acht Gewässern und mehreren Schutzgebieten koordinieren. Das braucht seine Zeit, doch ab 2027 soll gebaut werden. Die Inbetriebnahme dieses Wasserstoffzubringers ist dann für 2029 geplant. Auf 29,6 Millionen Euro beziffert die eins die erwarteten Kosten dafür. 20,6 Millionen bekommt sie durch den Just Transition Fund der Europäischen Union gefördert, der Rest sind Eigenmittel. Doch mit dem stetigen Fluss des Wasserstoffs in die Region ist es noch nicht getan. Soll der Rohstoff nicht nur im längst umgerüsteten Heizkraftwerk der eins verfeuert werden (Sagt man das bei Wasserstoff?), sondern ebenso Haushalten und Unternehmen zugutekommen, muss er auch verteilt werden. Bisher erkenne er dafür keinen planbaren praktischen Business-Case, sagte eins-Vorstand Roland Warner, der beim Jahrestreffen des Wasserstoffbündnisses ebenfalls anwesend war. Schließlich müsse man dafür das aktuelle Gasnetz auf den Wasserstofftransport umstellen, denn zwei parallele Netze könne man weder errichten noch betreiben. Ein paar Sorgen bereitet es schon, wenn ein Mann wie Warner die Frage in den Raum stellt: „Wann funktioniert das praktisch?“.
Roland Warner, Geschäftsführer eins energie in sachsen
„Wir können nicht zwei Netze parallel betreiben.“
Keine H2-Tankstelle in Südwestsachsen
Ganz ähnliche Fragen treiben auch Felix Herrmann um. Der Ingenieur hat für seinen Arbeitgeber, die FES GmbH Fahrzeug-Entwicklung Sachsen in Zwickau mit der FEScell ein kompaktes Brennstoffzellensystem und einen darauf basierenden emissionsfreien Wasserstoff-LKW entwickelt. Die Brennstoffzelle ist bereits seit 2021 im Serieneinsatz, etwa in autonomen Intralogistikfahrzeugen im BMW-Werk in Leipzig. Im LKW, im Juli 2024 vorgestellt, hingegen nicht. Dabei liefert der Antrieb bis zu 380 oder gar 420 PS und bietet eine Reichweite von 500 Kilometern.
„Wenn ich zu potenziellen Kunden zum Beispiel in der Logistik-Branche komme, sind die momentan maximal mies gelaunt“, berichtet Herrmann beim Jahrestreffen im August. Aktuelle Spritpreise und die LKW-Maut belasteten ohnehin. Zudem fiel die KsNI-Förderung von klimaschonenden Nutzfahrzeugen und dazugehöriger Infrastruktur, die im Klima- und Transformationsfonds von der Ampel-Regierung ausgereicht wurde, dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Verfassungswidrigkeit dieses Fonds zum Opfer. Obwohl der Verkehrssektor (und damit auch die Logistik) wesentlich zum CO2-Ausstoß in Deutschland beitragen, wurde diese Förderung mangels anderer verfügbarer Mittel auch nicht neu aufgelegt. Verständlich?
So fehlt die Unterstützung zur Anschaffung umweltverträglicher LKWs ebenso wie die zum Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur für den Verkehrssektor. 18 öffentlich zugängliche Wasserstofftankstellen verteilen sich auf die Schweiz. Würde man diese Zahl auf die Fläche Deutschlands hochrechnen, käme man auf 155. In der Realität sind es mit 53 ziemlich genau ein Drittel. In Südwestsachsen gibt es momentan keine – man müsste nach Leipzig, Dresden oder Berg bei Hof fahren, um einmal H2 vollzutanken.
Insofern sei es nicht verwunderlich, wenn Logistiker sich schwertun mit dem Umstieg auf Brennstoffzellen-Antriebe: Sie müssten nicht nur die teureren LKW finanzieren, sondern am besten gleich noch eine eigene Wasserstofftankstelle errichten. Zwar rechnet sich der Umstieg irgendwann – doch das dauert. Dass es funktionieren könne, beweise der Einzelhandelsriese Migros in der Schweiz, so Herrmann: Der bewältige mit Brennstoffzellenfahrzeugen jeden Tag um die 160 Liefertouren über 17.400 Kilometer – trotz Bergen.
Industriebau in Pilotprojekten
Auch in Sachsen gibt es Beispiele für den Umstieg auf die Wasserstoffwirtschaft, wie Marcus Wiersig weiß. Insbesondere als Brenngas könne Wasserstoff bisherige Gase verhältnismäßig leicht ersetzen – gerade in Industriebetrieben: „Es gibt ein paar Herausforderungen, doch die sind beherrschbar“, sagt der Fachgebietsleiter Gasanwendung der DBI Gas- und Umwelttechnik GmbH in Leipzig: „In Industrieanlagen muss im Regelfall gerade mal ein einstelliger Prozentsatz von Komponenten ersetzt werden.“
Dies erforsche man derzeit zum Beispiel in einem Gießerei- und Umformwerk in Großenhain (Landkreis Meißen). Ziel sei es, Erdgas als Brennstoff in den Prozessketten komplett zu substituieren. Das Schmiedewerk im nahen Gröditz stellt ebenfalls um: Zwei Schmiedeöfen sind hier bereits auf eine reine Wasserstoff-Befeuerung vorbereitet, im November soll ein zweiwöchiger Probebetrieb im industriellen Maßstab durchgeführt werden. Und auch die BMW-Group in Leipzig plant mithilfe von DBI die Umstellung auf den Wasserstoffbetrieb – neben dem Einsatz autonomer Brennstoffzellen-Fahrzeuge in der Intralogistik (siehe oben) will man künftig auch die Lackierei in der Trocknung auf wasserstoffbetriebene Brenner umrüsten. Die Projekte ähneln einander mehr als man zunächst denkt – allen dreien ist gemeinsam, dass eine dauerhafte Versorgung mit Wasserstoff noch in den Kinderschuhen steckt: Bei BMW und in Gröditz wartet man auf den Anschluss ans Wasserstoff-Kernnetz, aktuell wird man noch über Trailer versorgt. Und im Großenhainer Forschungsprojekt besteht eine der Schwerpunktaufgaben darin, die Wasserstoffversorgung sicherzustellen.
Immerhin – vor diesem Problem steht das künftige Wasserstoffkompetenzzentrum in Chemnitz (HIC) wohl nicht. Nachdem das Wettrennen um den Standortzuschlag erfolgreich be- und auch das langwierige Ringen um den Fördermittelbescheid überstanden wurde, können sich der Chemnitzer HZwo e. V. und seine 100-prozentige Tochter, die HIC gGmbH, voll der Planung und dem Bau des Wasserstoffkompetenzzentrums zuwenden (siehe auch die folgenden Seiten). In den vergangenen Jahren hat sich der Zuschnitt des künftigen Zentrums etwas erweitert: War ursprünglich vor allem Forschung und Entwicklung an der Brennstoffzellentechnologie vorgesehen, plant man nun auch Aktivitäten im Bereich der Wasserstofferzeugung und wird dafür eigene Elektrolyse-Teststände zur Verfügung stellen. „Die Politik hat diese Ausweitung unseres Vorhabens glücklicherweise mitgetragen“, sagt HIC-Geschäftsführer Nico Keller. „Einen wesentlichen Teil des für die Forschung notwendigen Wasserstoffs werden wir deshalb wohl selbst erzeugen können“, denkt er. Zur Wasserstoffversorgung der Region werde dies aber nicht beitragen – dafür sei das HIC zu sehr auf die Technologieentwicklung und zu wenig auf kontinuierliche Produktion ausgelegt. Wann und wie also Wasserstoff künftig in südwestsächsische Gasthermen, Verbrenneröfen und Autotanks fließen wird, muss anderweitig geklärt werden. vtz
„Einen wesentlichen Teil des für die Forschung notwendigen Wasserstoffs werden wir selbst erzeugen.“
Nico Keller, Geschäftsführer HIC gGmbH