Lydia Thomas als Geheimtipp zu bezeichnen, wäre vielleicht etwas untertrieben. Sie hat sich schon einen Namen gemacht als vielleicht aufregendste unter den Chemnitzer Künstler*innen der Nachwendegeneration.
Rund um die Kulturhauptstadt-Bewegung sieht man ihre Arbeiten nun auch häufiger im Chemnitzer Stadtbild. Ein Zufall? Chemnitz Inside hat versucht, das bei einem Besuch herauszufinden.
Am sichersten trifft man Lydia Thomas in der Galerie von Bernd Weise auf der Inneren Klosterstraße. Dem Galeristen ist die Künstlerin eng verbunden. „Zur Kunst habe ich über Bernd gefunden“, erzählt sie. 2006 hatte sie eine Ausbildung als Gestaltungsbildnerische Assistentin bei der FORTIS-Akademie begonnen, Praktika führten sie in die Galerie. Sie blieb hier hängen, Weise wurde Mentor, Förderer, Freund. Es ist eine Beziehung, die auf Gegenseitigkeit beruht.
Während des Besuchs baut der Galerist seine aktuelle Ausstellung mit Arbeiten von Jürgen Henker und Manfred Pietsch auf. Davor und danach hilft Lydia Thomas ihm. „Manche Dinge funktionieren besser zu zweit – zum Beispiel Bilder aufhängen“, erklärt sie mit einem Schmunzeln.
1987 war Lydia Thomas in Karl- Marx-Stadt geboren worden. 1989, da war sie zwei, flüchteten ihre Eltern über die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag nach Bayern. In einem kleinen Ort in Oberbayern, am Chiemsee, wuchs sie auf. Nach der Wende war es ihr Vater, der als erstes nach Chemnitz zurückkehrte. Thomas folgte ihm 2004 in die für sie gar nicht mal so bekannte Geburtsstadt. „Ich bin in die 10. Klasse an der Mittelschule eingestiegen, um hier meinen Abschluss zu machen. Die Umgewöhnung war damals schon recht hart, aber auch spannend“, erzählt sie. In der damaligen Zeit gingen junge Menschen eher den umgekehrten Weg – von Ost nach West. Aber das hatte Thomas ja schon hinter sich. Trotz Jahren in Bayern: Sie fühle sich stärker ostdeutsch sozialisiert. In der Schule sei sie schon mit Kunst in Verbindung gebracht worden, berichtet sie. „Ich hatte aber keine besonders guten Noten, weil ich im Unterricht lieber gemacht habe, was ich wollte.“ Die Affinität zur Kunst muss aber schon früher dagewesen sein.
„Das hat fast etwas Alchimistisches.
Man spürt die Energie des Vorgangs.“
Lydia Thomas,
Künstlerin
„Mit Buntstiften konnte man mich als Kind stundenlang ruhigstellen. Ich hatte eigentlich immer Buntstifte im Gesicht.“ Spätestens während der Praktika in der Galerie Weise sei dann auch klar gewesen, dass sie Malerei studieren wollte. Schon mit Abitur ist es eher schwierig, einen Studienplatz zu ergattern, mit einem Realschulabschluss erst recht nicht einfach – aber möglich. „An der Akademie der Bildenden Künste München bewirbt man sich mit Arbeiten bei einem Professor. Ich hatte mich schnell für Anke Doberauer entschieden.“ Die Malerin und Professorin ist für ihre großformatigen Darstellungen von Männern bekannt, ihre Figuren sind androgyne, verletzliche, aber auch begehrenswerte Wesen.
Es ist ein sehr emanzipierter Blick, der das jahrhundertelange, nicht nur in der Kunst zu beobachtende Geschlechterverhältnis zwischen Begehrendem und Begehrter umkehrt. Zumindest dem Großformat ihrer Professorin hat sich Lydia Thomas im Studium angenähert. Großformatige Wandgemälde aus der Studienzeit kommen ins Goethe-Institut in München und in die Cafeteria der Akademie der Bildenden Künste ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt. An die sechs Jahre dauerte ihr Studium von 2009 an, unterbrochen von Auslands- und Atelierstipendien, ab 2014 war sie Meisterschülerin von Anke Doberauer. Lydia Thomas pendelte in dieser Zeit zwischen Chemnitz und München, hielt die Beziehungen in ihre Heimatstadt aufrecht und kehrte nach dem Studium zurück.
Die „Punk-Künstlerin“
„Seitdem arbeite ich als selbstständige Künstlerin.“ Das gehe mal besser, mal schlechter: „Was ein wenig fehlt, ist die Kontinuität“, findet sie. Man hangele sich durch, zwischendrin brauche es auch mal Aushilfsjobs. „Punk-Künstlerin“ nennt sie die Freie Presse. Es sei ein Attribut, mit dem sie gut leben könne, erklärt Thomas. Auch wenn sich das wohl eher auf ihr Äußeres als auf ihre Arbeit bezieht.
Im Studium hat sie zu ihrem Stil gefunden. „Was mich interessiert, ist der abstrakte Realismus, die Arbeit an der Grenze zwischen Realem und Abstraktion.“ Ein fast zwei Meter großes, kreisrundes Gemälde verdeut-licht, was sie damit meint. Es zeigt eine Bowlingkugel – doch eben so sehr ins Riesenhafte vergrößert, dass man das Spielgerät nicht zwingend auf den ersten Blick erkennt. Genauso gut kann man darin einen Blick ins Universum entdecken – oder in eine Esse. „Ich möchte den Betrachter mit meinen Arbeiten nicht in fertige Denkmuster zwingen, sondern Raum für Interpretationen lassen“, erklärt sie.
Wie die Bowlingkugel greift sie in ihren Motiven häufig auf Dinge zurück, die ihr im Alltag begegnen – es können Baumpilze in kaum A4- Blatt-großen Bildern sein oder ein auf 20 Quadratmeter großgezogener Beichtstuhl, Feuerlöscher oder Räuchermännchen. Das hebt sie in überschäumendem Farbeinsatz aus dem natürlichen Kontext heraus, formt es um – „um das für mich Relevante hervorzuheben“.
Doch auch Menschen finden sich in den Arbeiten von Lydia Thomas. „Ingrid Mössinger hat Lydia mehrfach für ihr besonderes Talent gelobt, Figuren auf der Leinwand so zu positionieren, dass sie eine beeindruckende Räumlichkeit erhalten“, zitiert Galerist Weise die ehemalige Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz. Die Protagonisten von Thomas‘ Gemälden sind Menschen aus ihrer direkten Nähe, die sie kennt und mag. Der Vater, die Mutter, Freunde, Kolleg * innen.
Oder auch mal Bauarbeiter in einer Straßenszene. Feuerwehrfrauen. Menschen wie du und ich, die in Thomas‘ Bildern dazu einladen, ihre Geschichten zu entdecken. Auch das gerät gelegentlich kolossal, so wie ihre Studienabschlussarbeit „Communication Breakdown“, die heute sinnhaft auf 4x5 Metern den Frühstückssaal des Forsthaus Grüna, eines Tagungshotels, schmückt.
Positive Vibes
Noch zwei weitere Arbeiten sind in Chemnitz derzeit zu sehen – oder ist es nur eine? Zwei Plastiken haben es in den Skulpturenpark an der restaurierten Hartmannfabrik, Welcome-Center der Kulturhauptstadt Chemnitz, geschafft: GRAVITATION heißt die aus zwei Plastiken bestehende Arbeit, Anziehungskraft. Eine davon, eine lebens- große Gestalt, ist als „Cyberfaun“ tituliert, die andere, ebenso große Skulptur schwebt als „Guardian“ am Giebel des Gebäudes. Sie erinnern an alte, mystische Gestalten und entstammen wie etwa der mit VR-Brille ausgestattete Guardian doch eindeutig der Jetzt- Zeit. Wie sehr sind sie einander zugewandt?
Für Thomas sind es Ausflüge ins Plastische. Der stehende Cyberfaun entstand zunächst als kleine Plastik aus organischen Materialien – Kletten formen das Gesicht, Zweige die Hörner, vertrocknete Blätter bilden das Gewand. Sammler Udo Pfeifer entschied sich, den Bronzeguss der Figur in Menschengröße zu finanzieren. „Für mich war es aufregend, mal so einem Gussvorgang beizuwohnen“, ist Lydia Thomas noch heute von der Arbeit in der Kunstgießerei Gebrüder Ehrle in Dresden begeistert: „Das hat fast etwas Alchimistisches. Man spürt die Energie des Vorgangs.“ Es ist eine Energie, die sich auch auf die fertige Skulptur übertragen hat.
Nicht nur diese Arbeit verbindet sie direkt mit der Kulturhauptstadt – sie hat auch gemeinsam mit dem Künstlerkollegen Florian Merkel, einem Fotografen, ihr eigenes Chemnitz 2025-Projekt entworfen. „Changer“ heißt es und besteht aus zwei Umkleidekabinen, die in der Chemnitzer Innenstadt aufgestellt werden. Hier wird Kunst präsentiert – und die darf in wöchentlichem Rhythmus durch etwas Gleichwertiges ausgetauscht werden. Man nimmt das „alte“ Objekt mit und stellt ein neues aus.
2024 war das Projekt in einem ersten Durchlauf bereits zu erkunden. „Da hatten wir ein paar Anlaufschwierigkeiten, weil manche Nutzer die Idee hatten, ihre ungeliebten Blumenbilder gegen etwas Cooleres zu tauschen“, erinnert sich Lydia Thomas. Doch dann habe man am Projekt gearbeitet mit Praktikant* innen der Galerie Weise – und so schließlich ganz unterschiedliche Positionen zeigen können, die von Hobbykünstler* innen und Semi-Profis stammten, aber dann auch mal von etablierten Künstlern wie Osmar Osten, Holger John oder Boris Mikhailov. Sogar eine Performance von syrischen Künstlern gab es. Ab Mai 2025 sollen die „Changer“ eine Neuauflage erleben.
Wie die Inhalte der Umkleidekabinen habe sich auch Chemnitz in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert, findet die Künstlerin. „Man spürt, dass sich was tut, dass sich etwas entwickelt.“ Man sehe, dass sich alle Institutionen von ihrer besten Seite zeigen wollten. „Und selbst die Skeptiker merken, dass Kulturhauptstadt etwas ist, an dem sie nicht vorbeikommen und mit dem sie sich auseinandersetzen – müssen vielleicht. Dadurch ist der Vibe der Stadt etwas positiver geworden.“
Galerist Bernd Weise mischt sich da nochmal ins Gespräch ein: „Die Menschen werden kommen, um Chemnitz, um uns zu sehen. Da dürfen wir die Gäste mit unserer Arbeit nicht enttäuschen. Aber das machen wir auch nicht.“ vtz
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