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Dezember 2025

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Lebensart

Biskaya statt Chemnitz, Chemnitz statt Minsk

#WILLKOMMEN UND ABSCHIED

2 Frauen, 2 Geschichten

Liebe, Arbeit, günstiger Wohnraum? Studium, politische Umstände, Familie? Wieso zieht man nach Chemnitz? Wie kommt man hier an? Und wieso geht man womöglich wieder weg?

Chemnitz Inside hat zwei Frauen aus Chile und Belarus befragt. Die eine ist noch da. Die andere schon wieder weg. Spannend erzählen konnten beide.

Raus aus der Macho-Kultur

Micheel Munoz Estay hat ihre Entscheidung getroffen – sie hat Chemnitz vor drei Jahren Richtung San Sebastian, Küstenstadt am Golf von Kiskaya, verlassen. Munoz Estay ist 1984 im nordchilenischen Iquique geboren. Ihr Vater war während der Militärdiktatur in Chile nach Deutschland geflohen, hat sich im Hamburger Raum ein neues Leben aufgebaut. „Deshalb hatte ich immer den Traum, ihm irgendwann zu folgen. Hinzu kam, dass in Chile noch eine sehr traditionelle Macho-Kultur herrscht. Ich war mir immer sicher, dass ich anders, selbstbestimmter leben möchte.“

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2004, nach dem Abitur in Chile, war es soweit, Munoz Estay zog zu ihrem Vater nach Hamburg. Um in Deutschland leben zu können, lernte sie die Sprache, absolvierte Prüfungen zur Anerkennung ihres Schulabschlusses, absolvierte Praktika, nahm schließlich ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Bochum auf: „Ich hatte auch Interesse an Sozialpädagogik oder Psychologie. Aus Bochum hatte ich schnell eine Zusage – und es gab die Chance, einen deutsch-spanischen Doppelabschluss zu machen.“ Die nutzte sie, inklusive Praktikum in Barcelona und bei einem einjährigen Studienaufenthalt in Vigo. Ihr Masterstudium – Lieferkettenmanagement mit Spezialisierung auf Logistik – führte sie schließlich nach Chemnitz. Hatte der Vater sie anfangs finanziell unterstützt, hieß es nun, vollständig auf eigenen Beinen zu stehen. Also kellnerte Munoz Estay neben dem Studium, jobbte als Spanischlehrerin an der Volkshochschule und am Seniorenkolleg der Uni, wirkte als Mitarbeiterin in einem deutsch-chilenischen Projekt der IHK Chemnitz mit: „Da war ich auch das letzte Mal in Chile. Flüge über den Atlantik sind ziemlich teuer“, berichtet sie.

Nebenbei begann sie, sich mit asiatischen Entspannungstechniken zu beschäftigen, lernte Shiatsu-Massagen und Quigong-Übungen. „In dieser Richtung beruflich weiterzumachen, war aber nicht möglich: Als nicht-europäische Uni-Absolventin darf ich nur in Deutschland bleiben, wenn ich im studierten Beruf arbeite.“ Also suchte sie nach dem Abschluss Arbeit, fand diese bei einer Maschinenbaufirma in Mittweida. „Das war am Anfang wirklich anstrengend. Ich war die junge, ausländische, studierte, weibliche Kraft, die den langjährigen Mitarbeitenden erklären sollte, was sie künftig anders machen müssten. Da gab es aus der Belegschaft wenig Unterstützung.“ Das änderte sich erst, als sie nach einem halbjährigen Sabbatical, das sie für eine Fahrradtour durch halb Europa nutzte, in die Firma zurückkehrte: „Da wurde mir wirklich herzlich der rote Teppich ausgerollt“, blickt sie zurück.

Doch war da der Entschluss schon gefallen: „Meine Tour habe ich auch genutzt, um zu schauen, wo ich künftig leben möchte. Vor allem in Spanien habe ich mich umgeschaut. Ich bin nach San Sebastian gekommen – und die Mischung aus Natur, Meer und auch die gute Anbindung nach Europa haben mich überzeugt.“ Also habe sie die letzten Jahre in Chemnitz, in denen sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hatte, dazu benutzt, ihre Auswanderung zu planen. Heißt: Geld ansparen, sich in den Entspannungstechniken weiterbilden, um selbst Kurse geben zu können, erste Kontakte knüpfen, irgendwann eine Wohnung finden. Und dann hieß es: „Wieder eine neue Stadt, zum x-ten Mal. Wieder eine Stadt, wo ich niemanden kannte und an jede Tür geklopft habe, um Fuß zu fassen.“

"Als nicht-europäische Uni-Absolventin darf ich nur in Deutschland bleiben, wenn ich im studierten Beruf arbeite."

Micheel Muñoz Estay, Quigong-Trainerin on San Sebastian

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Das Leben, das sich auf der Straße, in Kneipen, am Strand abspielt, das schätzt auch Micheel Munoz Estay an San Sebastian. „Dafür vermisse ich es, jeden Tag in der Woche bei verschiedenen Freunden zuhause gemeinsam zu kochen und zu essen, wie ich es in Chemnitz oft gemacht habe. Andere daheim zu besuchen, gehört hier in San Sebastian einfach nicht zur Kultur.“ Dafür fällt sie mit ihren chilenischen Spanischkenntnissen und dem südamerikanischen Temperament nicht doll auf – anders als in Deutschland. „Es gab schon einige Situationen in Chemnitz, wo ich offen angefeindet wurde – und noch mehr, in denen ich mich nicht willkommen gefühlt habe.“

Doch vor allem genießt sie, dass sie jetzt beruflich das machen kann, worauf sie wirklich Lust hat – Quigong-Training für Unternehmer*innen, für Uni-Mitarbeitende und für eine riesige Instagram-Followerschaft in Südamerika, Theaterspielen oder Einsätze als Klinik-Clown: „Als nächstes möchte ich ein Buch schreiben – Quigong für Kinder.“ Kontakt zu Chemnitz hält sie nur mehr über Freund*innen und ehemalige Schüler*innen ihrer Spanisch-Kurse „Eine Familie aus dem Erzgebirge unterrichte ich sogar heute noch per Online-Videositzung“, erzählt sie. In die Stadt zurückzukommen, klappt höchstens, wenn sie ohnehin in Deutschland ist, um sich fortzubilden.

Rein in die Kunst-Szene

Kristina Spakovskaja stammt aus dem Süden von Belarus. Früh in der Kindheit entdeckte sie das Malen für sich: „Natur, Menschen – das war das, was uns die russische und weißrussische Kunst an Motiven vorgab“, erzählt sie. „Als ich mit 15 das erste Mal in der Hauptstadt Minsk eine Ausstellung mit Werken von Dali und Picasso gesehen habe, hat mich das sehr beeindruckt: Wie kann man etwas malen, was man gar nicht sehen kann?“ Für mehrere Jahre legte sie die Stifte und Pinsel zur Seite – es fehlten ihr die Ideen, mit der neuen Kunsterfahrung umzugehen: „Erst mit 19 habe ich wieder angefangen“, erzählt sie.

Nach dem Abitur studierte sie Wirtschaftswissenschaften in Minsk, lernte einen deutschen Mann kennen. 2014, als 20-Jährige, kam sie erstmals für einen Deutschkurs für ein paar Wochen nach Sachsen – in Glauchau besuchte sie einen Sommer-Sprachkurs, erkundete nebenbei Chemnitz. Sie lebte eine Weile in Zentralasien, wieder in Belarus. Die Niederschlagung der Proteste gegen die – wohl gefälschte – Wiederwahl des Präsidenten Alexander Lukaschenko in ihrem Heimatland 2020/21 schockierten sie politisch das erste Mal. Als mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 auch immer häufiger auf den Straßen von Minsk lange Kolonnen russischer Panzer rollten, stand vor dreieinhalb Jahren der Entschluss fest, dauerhaft nach Deutschland zu gehen – nach Chemnitz.

Ihr Studium half ihr, hier beruflich Fuß zu fassen. Eine Arbeitsstelle im kaufmännischen Bereich des Maschinenbauers Niles Simmons sorgt heute für Kristina Spakovskajas Lebensunterhalt. Nebenbei baut sie ihre künstlerische Arbeit aus. Vor drei Jahren sah sie gemeinsam mit einer künstlerisch aktiven Freundin im Hotel Chemnitzer Hof eine Ausstellung – und die beiden fragten einfach, ob sie ihre Arbeiten auch einmal zeigen dürften: „Die Vernissage war die erste Veranstaltung, die ich organisiert habe. Das hat richtig Spaß gemacht und mich beflügelt, mit der Kunst weiterzumachen.“

Inzwischen hat sie ihren Stil gefunden: Mit kräftigen Farben – „um Aufmerksamkeit zu erregen“ – malt sie surrealistische, mit Symbolik aufgeladen Motive, die zur Interpretation einladen. „Ich mache mir viele Gedanken, bevor ich loslege“, berichtet sie. Und weil die großformatigen Bilder Platz brauchen, begab sie sich gemeinsam mit der ebenfalls aus Weißrussland stammenden Künstlerin Elena Shichko und dem Chemnitzer Fotografen und Digital Artist Eric Jens Landrock auf Raumsuche.

"Für uns ist es wichtig, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenzubringen."

Kristina Spakovskaja, Künstlerin in Chemnitz

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Fündig wurde das Künstlertrio im Rahmen der Kreativachse am Chemnitzer Brühl – an der Ecke Karl-Liebknecht-/Elisenstraße. Der französisch klingende Name „LEKRiER“ ist einfach aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen der Gründer*innen geformt. Die selbst hergerichteten, anfangs vom städtischen Raumbelebungsprogramm geförderten Ladenflächen sind seit 9. März 2025 Atelier, Galerie, Lesebühne, Workshop-Raum. Immer wieder laden die Künstler*innen Gäste ein, nicht nur zum Gespräch über Kunst: Es gab schon einen Abend der usbekischen Küche, Anfang Dezember wurden Plätzchen gebacken. „Für uns ist es wichtig, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenzubringen, die sich sonst wohl nicht begegnen würden. Kunst oder Kulinarik bieten dafür gute Anlässe.“

Doch weiterhin geht’s auch raus aus dem Atelier, in dem man Spakovskaja fast jeden Abend bei der Arbeit treffen kann. Gemeinsam mit Schriftsteller Bernhard Conrad hat sie die Ausstellung „Randlagen Chemnitz“ organisiert, die noch bis Jahresende in zwei Hallen im Garagencampus an der Zwickauer Straße zu sehen ist. Die Schau führt künstlerische Positionen jüngerer Generationen aus Chemnitz mit denen renommierter Künstler*innen aus den Randlagen dieser Welt zusammen – etwa von George Struikelblok aus Suriname oder Christian Holveck von der Ile de la Réuninon: „Ich habe den europäischen Part kuratiert, mit überwiegend ausländischen Künstler*innen, die in Chemnitz leben. Bernhard hat sich um die Künstler aus Südamerika, dem indischen Ozean gekümmert.“ Bürgermeister Thomas Kütter hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen, Spakovskajas Arbeitgeber gehört zu den Sponsoren. Für den Aufbau der Ausstellung hat sie ein paar Tage Urlaub genommen: „Das wäre anders gar nicht möglich gewesen.“

Mit all diesen Projekten bringt sie sich in die Stadt ein, die ihr Lebensmittelpunkt geworden ist. Sie fühlt sich angekommen. „Trotzdem verliert man nie das Gefühl, sich als Ausländerin doppelt beweisen zu müssen“, sagt sie. Und will sich nicht nur deshalb nicht festlegen, ihr Leben dauerhaft in Chemnitz zu gestalten: „Ich bin ja noch jung. Man weiß nie, was kommt und wohin die Gelegenheiten dich bringen.“ vtz

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