Am 5. März 2025 jährten sich die verheerenden Bombenangriffe auf Chemnitz zum 80. Mal. Vom 6. Februar bis 11. April 1945 flogen alliierte Einheiten aus Großbritannien, Kanada und den USA zehn Luftangriffe auf die Stadt. Chemnitz galt ihnen seit 1941 unter dem Decknamen „Blackfin“ als Angriffsziel, da hier einerseits in größerem Maßstab Rüstungsindustrie angesiedelt war und sich die Stadt andererseits ob ihrer Größe in die Strategie des „morale bombing“ einbinden ließ. Diese zielte darauf ab, mittels Flächenbombardements die Abwehrmoral der Bevölkerung zu brechen und deren Unterstützung fürs Hitler-Regime zu verringern. In den Angriffen auf Chemnitz kamen circa 4.000 Menschen ums Leben, davon in der Nacht vom 5. auf den 6. März 1945 allein 2.100.
Die Stadt erinnerte auch am 5. März 2025 mit ihrem Friedenstag an die Ereignisse. Chemnitz Inside schließt sich diesem Gedenken mit Porträts und Stimmen von Zeitzeugen an, die die Fotografin Franziska Kurz gesammelt hat.
Christiane Schumann, geboren am 8. April 1927 in Chemnitz
Der Angriff früh am 5. März, der war ziemlich heftig auch in der Stadt zu spüren. Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass bei uns was passiert ist, und bin nach meinem Dienst schnell nach Hause. Und als ich bei der Schillerpost – wir wohnten auf der Straße der Nationen, also Schillerstraße – als ich da ankam, kamen mir schon die Leute aus dem Haus entgegen und sagten: Erschrick nicht, bei uns ist alles weg. Es waren alle unversehrt, keiner hatte einen Schaden, aber eben alles weg. Es war ein Schneetag, wir haben alles auf einen Handwagen geladen und sind nach Rottluff – dort waren unsere Verwandten.
Und dann waren wir nun da draußen und abends ging dann wieder das Heulen los. Meine Schwester war in Dresden, die studierte dort, hatte am 14. Februar diesen furchtbaren Angriff mitgemacht und war seitdem also nicht mehr zur Ruhe zu bringen. Die sagte, wir müssen irgendwie hier raus. Das Haus war nicht unterkellert. Das war ein kleineres Zweifamilienhaus. Und da sind wir in die Felsendome hochgegangen. Als wir da oben ankamen, da hat es gar nicht lange gedauert, da setzten sie diese Tannenbäume. Da wurde ja festgehalten, wo die Bomben abgeworfen werden sollten. Und haben wir gesehen, dass das böse wird. Als wir dann aus den Felsendomen rauskamen – das werde ich mein Leben nicht vergessen – war das ein einziges Feuer in der Stadt. Das war keine gute Zeit!
Eberhard Preuß, geboren am 1. Dezember 1929 in Chemnitz
Am 5. März war mein Vater durch Zufall zu Hause, da hat der ein paar Tage Urlaub gekriegt. Er war bei der Wehrmacht. Dadurch hat er den Großangriff miterlebt. Mittags war wieder Voralarm und dann wieder Hauptalarm, ganz schnell hintereinander. Und da rannten wir schon wie die Wilden los. Wir sind immer in die Diesterwegschule gerannt, weil da unten drin die Keller und die Öfenanlagen waren, die waren tief in der Erde drin, und dort haben wir uns sicher gefühlt. Wenn also Bombenangriffe bevorstanden, das war meistens in der Nacht, aber auch tagsüber; da kam durchs Radio ein „Kuckuck“. In dem Moment waren feindliche Flieger über deutsches Grenzgebiet weggeflogen. Je mehr die sich dann dem Ziel näherten, dann kam der Hauptalarm und dann rammelten wir in die Keller. Manchmal bogen die ab.
Und während wir dort saßen und erst einmal die ganzen Wellen vorbei waren - die kamen immer wellenweise an, die Flieger, also nicht alle paar hundert auf einmal, sondern immer so zwanzig Flieger und dann die nächsten vielleicht drei, vier Minuten später. Die Bomben fielen in unmittelbarer Nähe. Und als die letzte Welle vorbei war, da hieß es von vorne her, da rief einer: "Auf der Kreherstraße ist ein Haus kaputt!, das dritte Haus!" Ach, haben wir gesagt, „das ist doch unser Haus, das dritte Haus.“ Bloß gut, dass wir nicht in dem Keller waren, sondern in der Schule. Wenn wir in dem Keller gewesen wären, säßen wir jetzt nicht hier…
Günther Baumhauer, geboren am 2. Februar 1939 in Chemnitz
Der 5. März, ja, der war schon echt schlimm. Kurz nach acht ging‘s los, ich lag schon im Bett, da kam die Mutter und rief: „Los raus, anziehen, die Flieger kommen.“ Der Keller war ja abgestützt mit lauter Baumstämmen als Luftschutzkeller. Und wir waren immerhin acht Kinder in dem Keller und, ich weiß gar nicht, wie viel Erwachsene. Es war auch ein Kleiner dabei, der war geboren vier Wochen vorher und die Mutter lag noch auf der Trage. Der ging es gar nicht so gut nach der Entbindung. Wir waren also alle sehr schockiert, zumal damals dann noch, als die ersten Bomben fielen, da fielen ja auch die Rußdeckel, das waren solche Rußklappen im Keller. Und die hat dann der Luftdruck rausgehauen und dann kamen die ganzen Rußpartikel. Deshalb saßen wir alle unten mit nassen Handtüchern um den Mund. Die Panik ging los. Da hatte die Frau Steinbach zu meiner Schwester gesagt: „Mensch Edith, du kannst doch beten, nun bet‘ doch mal für uns, damit uns das hier heil überstehen lässt!“ Da hat meine Schwester das Vaterunser aber so laut gebetet, das haben sie in der Nachbarschaft vielleicht noch gehört. Aber das hat uns ein wenig beruhigt.
Aber die Bomben selber – es ist Wahnsinn, wie das knallt und kracht! Wir Kinder, wir haben damals trotzdem ganz schön geweint und gemacht. Als der Spuk vorbei war, sind wir dann bei uns hoch. Alle Mann in die Küche. Mein Vater hatte die Doppelfenster rausgenommen und auf den Hof gelegt, Decken drüber und da konnten wir wenigstens die Doppelfenster wieder reinnehmen. Bei einer Tasse Tee dann saß die Gemeinschaft zusammen und sah das feuerrote Chemnitz!
Renate Bergelt, geboren am 4. Mai 1935 in Leipzig
Als ich acht Monate war, sind meine Eltern berufsbedingt – bei Singer-Nähmaschinen war mein Vater Geschäftsführer – kurz bevor der Krieg losging, hier nach Chemnitz versetzt worden. Meine Mutter und ich waren schon fast unten im Keller und da kam die Frau Nachbarin und sagte zu meiner Mutter: „Na, Frau Werner, wollen Sie nicht mal mitgehen in die Andrékirche, sich mal den schönen Bunker angucken?“ Das taten wir. Da haben wir nun alle so gesessen. Dann war inzwischen direkter Alarm und dann hörte man schon von weitem das Gebrumme und dass eben die Flieger kamen. Das waren wir ja schon gewöhnt. Aber dann war es, als würden die alle zum Sturzflug ansetzen und dann hieß es nur noch, alle hinlegen! Und da lagen wir übereinander und du konntest dich nicht mehr rühren und du lagst wie eingepresst dort unten. Dann ging so das Pfeifen und Krachen, das war unheimlich. In die Kirche waren etliche Brandbomben rein. Dann hieß es: „Der Qualm kommt durch die Decke, alle raus.“ Jetzt stürmten natürlich alle los. Es war eine Panik. Wie wir dort rauskamen, brannte alles lichterloh – ringsrum alles nur Flammen. Die Bäume und alles brannte. Und ich hatte so einen Schreck und so eine Angst gekriegt. Eine Frau, das vergesse ich nie, kam gelaufen und hatte ihr totes Kind auf dem Arm – Arme und Beine, alles hing so runter. Blutende Leute, dreckige Leute und alles war furchtbar. Im nächsten Unterschlupf saß schon alles voll, aber wir sind auch noch mit rein. Da haben wir bis zu den Knien im eiskalten Wasser gestanden, weil alle Wasserrohre geplatzt waren. Wir haben Stunden dort drin gesessen. …
Ich habe jetzt noch Panikattacken. Wenn ich irgendwo nicht fort kann, das ist ganz schlimm. In enge Räume alleine kann ich nicht. Es ist vorbei und man hofft bloß, dass es nicht wieder kommt. Das ist mein einziger Gedanke immer gewesen: Bloß kein Krieg wieder!
Wolfgang Sandig, geboren am 3. August 1936 in Chemnitz
Meine Großeltern, eine Tante und ein Onkel wohnten gar nicht allzu weit weg von uns, auf der Rudolfstraße. An dem 5. März ist dort eine Luftmine reingeflogen; eine richtige Luftmine hat die ganze Villa zerrupft und von den 19 Personen, die drin waren, sind noch zwei schwer verletzt geborgen worden, darunter meine Tante. Meine Großeltern, mein Onkel und die Tante, die waren mit unter diesen Neunzehn. Und als wir dann dort vorbei- liefen, wollte mein Vater unbedingt in das Fabrikgebäude, was noch stand und was heute noch steht und genutzt wird. Und dort wollte mein Vater unbedingt hin, um dort eventuell nach meinen Großeltern zu suchen, nach seinen Eltern. ... Und da sah ich dort auf dem Gehweg Leichen liegen, ganz notdürftig zugedeckt mit ein paar zerrupften, zerfledderten Decken. Ich habe mich nicht getraut zu sagen: „Hier, Papa, guck mal hierher.“ Und dann habe ich mich doch mal getraut. Da sind wir dann hin und da sahen wir dann die 17 Toten nebeneinanderliegen und haben dann auch meine Großeltern identifizieren können und meinen toten Onkel. Bei fast allen abgerissene Gliedmaßen. Und das waren nur ein paar Fetzen, mit denen die zugedeckt waren. Das hat sich so eingeprägt, das Bild, das kann man sich gar nicht richtig vorstellen. Das war ganz hart. …
Ich gehe jedes Jahr an dem 5. März dorthin, verneige mich mal kurz und betrachte dort die Frühblüher – ganz bescheidene kleine Blümchen, so wie meine Großeltern auch waren. Tagsüber hat man ja seine Ablenkung. Aber nachts in den Träumen und so kommt das immer wieder, immer wieder in abgewandelter Form. Das war eine ganz schlimme Zeit. Ja, wirkt heute noch nach in mir. Das kann man dann gar nicht mehr so richtig ablegen. Das kommt immer wieder mal nachts, solche Nachwehen. Sind jetzt 70 Jahre vorbei und trotzdem. Das hat sich in das Gehirn „eingeschliffen“.
Gisela Zellmeier, geboren in Graupa an der Elbe
Meine Eltern haben sich hier in Chemnitz eine Großwäscherei gekauft. Meine Geschwister und ich, wir waren bei den Großeltern geblieben, bis wir in die Schule gekommen sind. Dann sind wir erst nach Chemnitz nachgekommen. Und dann kam der Krieg. Mein Vater wurde eingezogen und der Betrieb wurde zugemacht. Am 5. März fielen hier in Chemnitz die Bomben. Und da hat meine Mutti gesagt: Solange wir die Bomben hören, tun sie uns nichts; aber wenn es knallt, dann sind sie in der Nähe eingeschlagen.
Die Industriewaschmaschinen von meinen Eltern ihrer Wäscherei - das ist ja nun keine Haushaltmaschine, die sind ja riesig groß und kompakt. Nun war ja auch alles aus Eisen. Und wie die Bombe eingeschlagen hat, sind die schweren Waschmaschinen über unser Haus, über die Clausstraße, drüben über die Häuser und sind in dem Garten hinten gelandet. Kann man sich mal vorstellen, eine 5-Zentner-Bombe, was die für eine Kraft hat. Da haben wir nun im Keller gesessen. Der Schutt lag über der Haustür bis zur 2. Etage. Da mussten wir eben bis in die zweite Etage die Treppen hoch und mussten sehen, dass wir das Hausfenster freikriegten, dass wir rauskamen. Und da haben uns dann aus der Nachbarschaft die Leute mitgeholfen und dass wir erst mal einen schmalen Weg hatten, dass wir wenigstens am Haus lang runtergehen konnten. … Ich möchte so was nicht noch mal erleben. Und ich möchte das auch nicht, dass meine Kinder oder meine Enkel oder Urenkel, dass die das mal erleben. Man kann das nicht beschreiben, was das für ein Gefühl ist, wenn man dort sitzt und horcht – oh, hier fliegt wieder eine Bombe. Die pfeifen durch den Luftstrom. Und wenn man sie nicht mehr hört, dann knallt ’s. …
Über das Projekt
Franziska Kurz kam 2007 zum Studium der Medienkommunikation nach Chemnitz. Zuvor hatte sie in Dresden eine Ausbildung absolviert und in der Anstellung bei Fotograf Werner Lieberknecht ihren eigenen fotografischen Blick geschult. Heute arbeitet sie hauptberuflich im Service- und Veranstaltungsbereich in der „kleine schweiz“ im Chemnitztal. Die Fotografie dient ihr als Mittel zur Erkundung und Reflexion der Gesellschaft. Sie sagt selbst: „Fotografie ist für mich eine Begegnung von Menschen – miteinander lachen, Gedanken austauschen und sich wohlfühlen. Meine Absicht ist es den Charakter, die Individualität und die Stärken hervorzuheben. So entsteht ein gutes Portrait.“
Das Projekt ZEITZEUGEN 5. MÄRZ 45 – BEI EINTRITT DER DUNKELHEIT entstand 2020/21 im Ergebnis einer Ausschreibung der Stadt Chemnitz. Das Konzept beinhaltet eine Audiovisuelle Ausstellung, die bereits zweimal in Chemnitz zu sehen war: 2021 im Rathaus und 2024 im Open Space auf der Brückenstraße in Chemnitz. Noch bis zum 18. April 2025 sind Arbeiten von Franziska Kurz in der Lila Villa in Chemnitz, Kaßbergstraße 22, zu sehen.
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