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Blaue Stunde

Dec. 16, 2022

Eine Pastorale von Arna Aley

Für sechs Monate hat Chemnitz seine erste Literaturstipendiatin: Seit Anfang Oktober erkundet Arna Aley, im litauischen Panevėžys, in Berlin lebende Autorin, Dramaturgin und Übersetzerin, die Stadt. Chemnitz Inside hat sie zu einer Entdeckungsreise in Sachen Textile Kultur gebeten.

Wo fängt man an, wenn man über das Thema Textil schreiben möchte? Eigentlich wie bei jedem anderen Thema auch: Man setzt am Anfang an und geht vorwärts oder man beginnt am Ende und bewegt sich rückwärts. Mit meiner Recherche setze ich am Ende an, indem ich zuerst die 1898 gegründete Städtische Vorbildersammlung, die heute zu den Kunstsammlungen Chemnitz gehört, besuche – den geistigen Höhepunkt der Geschichte der Chemnitzer Textilindustrie. Als Studien- und Informationszentrum angelegt, konzentriert sich die Vorbildersammlung vorrangig auf textile Objekte und berücksichtigt folglich Textilien aus allen Zeiten, Ländern und Regionen – japanische Färberschablonen (Katagamis), ägyptische Grabtücher, Dekorations- und Möbelstoffe des Jugendstils und selbstverständlich Strümpfe. Ich hatte das Privileg, einen Blick auf die sonst „unsichtbaren“, in Depots verschlossenen Objekte zu werfen. Glücklicherweise hatte ich einen Fotografen an meiner Seite – so können die Eindrücke hier in Form von Bildern präsentiert werden. In einer „öffentlichen Situation“ gelingt es mir nie, einen persönlichen Zugang zu einem Objekt, einem Musikstück oder einem Menschen herzustellen. Um ehrlich zu sein, ergeht es mir beim Anblick ehrwürdiger Schätze ähnlich wie auf einer Beerdigung, wenn der Verstand vor lauter Ernsthaftigkeit und Ehrfurcht rasch ermüdet und auf die kleinste Fluchtmöglichkeit oder ein Ventil lauert, so dass letztlich jede beliebige Bewegung eines Zeigefingers einen unkontrollierten Lachkrampf auslösen kann. Zu einem solchen Ventil wurde für mich in dieser Situation der „Red Star“-Strumpf, eine Marke, die seit 1895 in der Strumpffabrik „Moritz Samuel Esche“ produziert wurde und die eher der Ästhetik der 1980-er entsprungen zu sein scheint als dem kultivierten Kunstgeschmack des 19. Jahrhunderts. Später habe ich bei Esche viel edlere Strumpfmarken entdeckt, die auch aus einem viel hochwertigeren Material als Baumwolle oder gar Wolle gefertigt wurden und ausschließlich der Oberschicht vorbehalten waren – die seidenen Damenstrümpfe namens „Gloria“ und „Nirwana“.

In der Villa Esche, einem beispielhaften Ergebnis des auf gegenseitiger Befruchtung beruhenden Zusammenwirkens von Industrie und Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, suchte ich vergeblich den Geist des Gesamtkunstwerkes einzufangen, indem ich die von van de Velde entworfenen goldolivfarbenen und taubenblauen Wandbespannungen – wenn auch nur als originalgetreue Kopie – auf mich wirken ließ, vielmehr auf mich wirken lassen wollte, dabei aber andauernd von einer sehr netten und sehr kundenorientierten Museumsmitarbeiterin davon abgehalten wurde, die sich jedes Mal, sobald ich stehen blieb, vor mir aufbaute mit einem Tablet vor der Brust, aus dem die nachgeahmte Stimme der viel zu früh verstorbenen Hausherrin erklang, die nach ihrem Tod die Villa aufsucht und den gegenwärtigen Zustand des Gebäudes mit dem Originalzustand vergleicht und kommentiert und das noch dazu im Ton eines Kinderhörspiels. So viel zu niedrigschwelligen Angeboten. Da ich zur Zeit in einer nicht von mir selbst ausgestatteten Wohnung lebe, erhoffte ich mir von der von van de Velde eingerichteten Villa eine gewisse kunsttherapeutische Wirkung, durch die meine gegenwärtig stark dissonierenden Geschmacksrezeptoren wieder miteinander in Einklang gebracht würden. Im Idealfall hätte ich nach meinem Besuch der Villa eine Abhandlung verfasst mit dem Titel Runter mit der weißen Raufasertapete! Chiné, Epinglé, Frisé, Lamé – das ist die Zukunft! Gerne hätte ich mich dafür auch mit der Form-, Farb- und Kompositionslehre auseinandergesetzt, um die Wirkung dieser gestalterischen Elemente auf unsere Psyche anhand des Gesamtkunstwerkes von van de Velde zu erforschen. Nichts da. Ich kaufte mir ein Buch über Gunta Stölzl, um nicht vollkommen leer auszugehen – Bauhaus geht ja immer –, und wartete auf die nächste Inspiration, die ich kaum noch zu finden glaubte. Von meinem selbstfestgelegten Recherche-Programm wollte ich trotzdem nicht abweichen. Also fuhr ich nach Limbach-Oberfrohna – und landete einen Volltreffer. Mit dem dortigen Esche-Museum fand ich einen Ort vor, an dem man sich sogar an einen Wirkstuhl setzen und unter fachlicher Anleitung seine eigene Geschicklichkeit bei der Maschenbildung auf die Probe stellen kann. Eine Tätigkeit, die laut Zunftrecht zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausschließlich Männern vorbehalten war.

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Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib. Zu dieser Ansicht gelangte man 200 Jahre später beim Bauhaus in Dessau und gründete eine Frauenklasse, in der solch hervorragende Textil-Visionärinnen wie Benita Otte und Gunta Stölzl wirkten und sich unermüdlich dafür einsetzten, die Bildwirkereien „aus ihrer Verbannung ins Kunstgewebe“ herauszuführen und sie als gleichrangige künstlerische Gestaltungen neben Gemälde und Skulpturen zu stellen – der klassischen Männerdomäne.

Solche Sorgen hatte man in Limbach zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht. 1703, also noch zehn Jahre bevor Johann Sebastian Bach seine Jagdkantate mir der berühmten Arie Schafe können sicher weiden anlässlich des 31. Geburtstages von Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels komponierte, hatte Johann Esche – ca. 100 Kilometer vom Weißenfelser Schloss Neu-Augustusburg entfernt – bereits die Vorzüge der Schafswolle entdeckt und wurde im Limbacher Kirchenbuch erstmals als „Strumpfwirker“ bezeichnet. Eine Wirkmaschine für grobe Wolle muss also zu dieser Zeit bereits in Limbach vorhanden gewesen sein. 1737 ist Johann Esche laut Kirchenbucheintrag ein stolzer (oder auch nicht) „Strumpf-, Seide- und Wollen Fabricant“. Das erste Porträt von rechts in der Ahnengalerie der Villa Esche – das ist nicht etwa ein schlecht getroffener Bach, sondern der Begründer der Wirker-Dynastie Johann Esche. Neben dem gemeinsamen Vornamen und einer ähnlichen äußeren Erscheinung – vielleicht auch nur der epochenbedingten Perücke zu verdanken – teilten die beiden nicht nur die Liebe zu Schafen, sondern waren auch beruflich nicht so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag – Bach belieferte den Hofadel mit Musik, Esche mit Seidenstrümpfen. Würden Sie den Turm des neuen Rathauses von Chemnitz besteigen und sich dort das Carillon anschauen, das die Chemnitzer Stadtgesellschaft zwei Mal in der Woche mit seinem Glockenspiel erfreut, würde Ihnen die Ähnlichkeit zwischen einem Carillon und einem Wirkstuhl sofort ins Auge springen. Dass Bach neben seiner Kaffeekantate nicht auch eine Strumpfkantate komponierte, liegt einzig und allein daran, dass Johann Esche eine solche bei ihm nicht in Auftrag gegeben hat. Johann Esche, Strumpfwirkmeister, Obermeister, Fabricant, Formenstecher, Färber, Wirkstuhlmacher, Handelsmann, Pionier der sächsischen Strumpfwirkerei, Begründer der Seidenwirkerei in Limbach, hinterließ nach seinem Tod ein mickriges Vermögen von lediglich etwa 200 Talern. Die Liste der Tätigkeitsbereiche der Nachfolger Johann Esches wurde zunehmend kürzer, doch ihr Vermögen wuchs, und der Ruf der Firma, die zuletzt den Namen „Moritz Samuel Esche“ trug und in Chemnitz ansässig war, breitete sich weit über Deutschlands Grenzen hinaus aus.

Der unaufhaltsame Aufstieg von „Gloria“, „Nirwana“ & Co. endete so, wie er auch angefangen hatte: mit fünf Stricknadeln und einem Knäuel Wolle:

Die Nadeln klappern in der Hand,

Zwei rechts, zwei links, ein langer Rand,

Der Schaft dann glatt und nicht zu weit,

dann aber kommt die Schwierigkeit:

Die Ferse ist das Schmerzenskind,

weil da so krumme Sachen sind,

die Nähtchen, Käppchen, ach wie schwer,

wenn man doch erst darüber wär!

Wir stricken ohne Rast und Ruh

Und singen unser Lied dazu

Zur Liebesarbeit sind wir hier,

Soldatenstrümpfe stricken wir!

(Auszug aus einem Gedicht von November 1914, das auf die Rückseite einer Fotografie mit Soldatenstrümpfe strickenden jungen Frauen geschrieben war. Ein Exponat im Esche-Museum Limbach-Oberfrohna.)

Soldatenstrumpf_c_ArnaAley

Der wirtschaftliche Erfolg der zweiten und dritten Generation der Strumpfwirker-Dynastie, der zumindest bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges bahnbrechend war, eröffnete den Strumpffabrikanten die Möglichkeit, über das Unternehmen hinauszublicken. Das Gesamtkunstwerk Villa Esche und die acht dort entstandenen Gemälde von Edvard Munch sowie die textile Vorbildersammlung sind den wirtschaftlich erfolgreichen, international orientierten und kulturell interessierten Industriellen der Strumpfwirker-Dynastie Esche zu verdanken.

Schafe können sicher weiden,
Wo ein guter Hirte wacht.
Wo Regenten wohl regieren,
Kann man Ruh und Friede spüren
Und was Länder glücklich macht.

Jetzt habe ich die vorgegebene Zeichenzahl bereits aufgebraucht, ohne die eigentliche Geschichte erzählt zu haben, für die das bisher Niedergeschriebene nur den Rahmen bilden sollte. Darf ich noch ganz kurz? Wenn nicht, dann halt ein anderes Mal. Aber ich versuche mich kurzzufassen.

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Am Anfang war das Schaf.

Und das Schaf musste geschoren werden, denn Wolle wächst genauso wenig auf dem Baum wie Baumwolle. Das wusste ich schon als Kind aus eigener Erfahrung, die ich längst verdrängt hatte und die plötzlich wieder hochkam, als ich auf einer der Tafel im Esche-Museum die Abbildung eines halbgeschorenen Schafes sah, dessen Kopf zwischen den Knien des Schafscherers eingeklemmt war. Mit den Schritten der Textilproduktion war ich seit meiner Kindheit eng vertraut, und zwar angefangen bei der Schafzucht als „Rohstoff“ über das Spinnen, Waschen, Bleichen, Färben des Garns, die Herstellung von Haushaltstextilien bis hin zu den eher abstrakten als volkstümlichen Gobelins meiner Oma. Das Reich meines Großvaters, also die Männerdomäne, waren Bienen und Blumen. Den Rest erledigte meine Oma. Und der Rest, das war der ganze Bauernhof.

Schafe können sicher weiden,
Wo eine gute Hirtin wacht.

usw.

Vor eine Wohnzimmerwand, die als Flächenheizung diente und die mit Opas perspektivischer Landschaftsmalerei verziert war – einer blau-grünen Weide mit einem Birkenwäldchen –, hatte meine Oma einen Jutesack hingeworfen und darauf das Schaf gelegt, das nicht stillhalten wollte und immer wieder aufzustehen versuchte, dabei jedoch mit seinen Klauen fortwährend auf der glatten Lackoberfläche des Fußbodens ausrutschte. In einer Zimmerecke lief der Fernseher. Es muss Abend gewesen sein, denn tagsüber gab es kein Fernsehprogramm. Irgendwann hörten die Kratzgeräusche der Klauen auf. Das Schaf ergab sich seinem Schicksal und meine Oma setzte die Handschere an seinem Bauchfell an. Ab und zu rückte sie ihre Brille mit den ewig zersplitterten Gläsern zurecht, die immer wieder nach vorn rutschte. Wie meine Oma es schaffte, ein erwachsenes Schaf zu bändigen, ist mir bis heute ein Rätsel. Meine Oma trug einen „Zwiebellook“ aus mindestens fünf Schichten. Unter ihrem wadenlangen Rock zog sie mindestens drei Paar Strümpfe übereinander, die sie mit einem Gummibund über den Knien befestigte. Genauso machte es der männliche Hofadel des Barock und des Rokoko, wie ich im Esche-Museum erfuhr: „Der Adel glänzte mit in kostbare Seide gehüllten Beinen. Vornehmheit drückte sich neben dem Material auch in der Zahl der getragenen Strümpfe aus: Oft waren es bis zu drei Paar übereinander.“ Ich hörte das rhythmische Knirschen des Schaffells zwischen den Klingen der Handschere. Ein beruhigendes Geräusch, das mich, das Schaf und vielleicht auch meine Oma einschläferte. Plötzlich sprang das Schaf auf und rannte höllisch schreiend im Wohnzimmer herum. Ich sah die blutige Schere in den Händen meiner Oma. Sie sagte, ich solle lieber zu Opa gehen, der im Nebenzimmer an seiner Schreibmaschine saß und eine fiktive Dorfchronik verfasste. Später erzählte er mir, Oma hätte dem Schaf eine Zitze abgeschnitten. Ob Oma die Zitze tatsächlich ganz abgeschnitten oder sie nur verletzt hatte, das habe ich sie nie gefragt. Nach diesem Unfall verschwanden Omas Spinnrad und das restliche Webzubehör für immer und ewig auf dem Dachboden – mitsamt dem säuerlichen Farbgeruch und ebenso mit den schönsten Abenden meiner Kindheit, an denen ich meiner Oma gegenübersaß und mit auseinandergespreizten Armen einen Garnstrang spannte, den sie zu einem Knäuel aufwickelte. Den Lauf des Garnfadens musste ich ganz genau verfolgen, um rechtzeitig das Handgelenk abzuknicken, damit der Wickelfluss des Garnes ebenso wenig ins Stocken geriet wie Omas Erzählfluss und ihr wieder die Vielfresser und Wiederkäuer im Stall einfielen. Und sie schon wieder aufstehen und schon wieder rennen musste. Die blaue Stunde war vorbei.

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Zur Person:

Arna Aley, geboren in Panevėžys/Litauen, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin und Violoncello an der Akademie für Musik und Theater in Vilnius/Litauen. Sie arbeitete als Regieassistentin, Abendspielleitung und Bühnenmusikerin am Berliner Ensemble, unter anderem bei George Tabori und Claus Peymann. Arna Aleys Theaterstücke wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet und unter anderem am Berliner Ensemble uraufgeführt. 2009 wechselte sie zum Film und leitete unter anderem die Regieabteilung beim internationalen Multimediaprojekt „DAU“ (Regie: Ilya Khrzhanovsky). Sie übersetzt Theaterstücke aus dem Litauischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Litauische, darunter die Theaterstücke von Sibylle Berg. Arna Aley lebt in Berlin.

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