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#WICHTELIG

Ab in die Mitte?

Dec. 13, 2021

Es könnte alles so schön sein: Die weihnachtliche Beleuchtung glänzt über gut gefüllten Einkaufsstraßen, über den Marktplätzen schwebt ein Dunst aus Glühweinduft und Bratenfett, die Pyramiden drehen sich und alle sind froh und glücklich: Händler*innen, Gastronomiebetriebe, Einwohner*innen, Gäste. Zu kaum einer Zeit sind die Innenstädte in Südwestsachsen so gut bevölkert wie in den vorweihnachtlichen Tagen – wenn kein Corona ist.

Die Pandemie mit ihren Masken-, 3G-, 2G- oder Schließmaßnahmen trübt beträchtlich die Stimmung. Sie verschärft damit ein Problem, das die Stadtzentren ohnehin seit beträchtlicher Zeit quält: Sie verlieren an Anziehungskraft bei Besucher*innen. Es ist ein Phänomen, das nicht nur in der Region zu besichtigen ist.

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Es war der Sommer 2020, als Galeria Karstadt Kaufhof deutschlandweit die Stadtverwaltungen erschreckte. 62 von 172 der konzerneigenen Kaufhäuser sollten geschlossen werden: Fünf von elf in Berlin, drei von acht in München, zwei von drei in Frankfurt am Main, beide Häuser in Essen, der einzige Kaufhof in Chemnitz unter anderem. Auch wenn der Konzern seit längerem in Schwierigkeiten und damit einhergehend in stetigen Umbaumaßnahmen ist, hatte niemand mit einem solchen Kahlschlag gerechnet. Allüberall formte sich Protest aus Belegschaften, Stadtverwaltungen, gelegentlich auch Kund*innen. In einigen wenigen Fällen erzielte der Konzern neue Mietvereinbarungen mit den Eigentümern seiner Kaufhäuser, sodass die Streichliste zusammengestrichen werden konnte – von 62 auf 50 Häuser. Die Chemnitzer Filiale in bester Zentrumslage wurde gerettet. Großes Aufatmen: „Ich freue mich aus tiefstem Herzen für die Stadt und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass die Galeria Kaufhof in Chemnitz eine Zukunft hat“, ließ sich die scheidende Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig angesichts der zurückgenommenen Entscheidung am 3. Juli 2020 zitieren – und schickte einen Dank an die Geschäftsführung des Konzerns hinterher, „dass der Standort Chemnitz wieder eine Chance hat.“

Im Kampf um den Kaufhof verwiesen der Betriebsrat, die Gewerkschaft Verdi und die Oberbürgermeisterin auf „ein Einzugsgebiet von rund einer halben Million Menschen aus Stadt und Region“, auf „eine stabile Kaufkraft und ein sehr klassisches, auch auf den stationären Einzelhandel ausgerichtetes Kaufverhalten.“ Sie untertrieben.

Steigende Kaufkraft – doch die wandert ab

Wie Norbert Lingen, Geschäftsführer der Markt- und Standort Beratungsgesellschaft mbH weiß, ist die Kaufkraft in Chemnitz in den vergangenen Jahren nicht nur stabil, sondern sogar stark gestiegen – von 1,295 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 1,523 Milliarden in 2020. Auch die Handelsumsätze sind in diesem Zeitraum gewachsen – allerdings in deutlich kleinerem Ausmaß: Das zusätzliche Geld, das die Chemnitzer*innen durch gestiegene Löhne oder höhere Renten in der Tasche haben, kommt zu immer kleineren Teilen beim regionalen Handel an: „Die steigende Kaufkraft kann nicht gebunden werden“, erklärte er im Rahmen einer Versammlung der IHK-Regionalkammer im Oktober in Chemnitz. Und erst recht leidet der Innenstadthandel: „Er steht immer in Konkurrenz zu den Einkaufszentren am Stadtrand und natürlich zum Online-Handel“, so Lingen.

Umfragen, die sein Unternehmen im Rahmen der Fortführung des Chemnitzer Einzelhandels- und Zentrenkonzepts durchgeführt hat, zeigen, wo die Chemnitzer*innen einkaufen. Für Unterhaltungselektronik gehen sie zu 40 Prozent in die Einkaufszentren, zu 34 Prozent in Online-Shops, nur zu 18 Prozent in die Innenstadt. Ein ähnliches Bild bei Schuhen: 41 Prozent suchen die Einkaufszentren auf, 24 Prozent suchen im Netz, 25 bevorzugt im Stadtzentrum. Für Lebensmitteln geht es zu 55 Prozent zu Nahversorgern, zu 36 Prozent in die Malls, nur zu sechs Prozent in die Stadt. Es gibt aber auch Sortimente, da kann die Innenstadt punkten: Bei Uhren/Schmuck und Optik ist das Zentrum bevorzugte Anlaufstelle für 38 Prozent der über 3.000 Umfrageteilnehmer*innen. Und dank dem Großanbieter Decathlon liegt sie auch im Bereich der Sportartikel mit 34 Prozent vor allen anderen Einkaufsmöglichkeiten – allerdings nur knapp vor dem Online-Handel.

Exklusivität ist also ein wichtiges Gut, wenn es darum geht, Menschen zum Weg in die City zu bewegen. Da sieht es für die Chemnitzer Innenstadt allerdings nicht besonders gut aus: So sind von den deutschlandweit 25 wichtigsten Markenshops für Bekleidung und Schuhe – von H&M bis Birkenstock – im Jahr 2021 nur noch 14 überhaupt im Chemnitzer Stadtgebiet vertreten. Exklusiv hat die City neben Decathlon noch die Galeria Kaufhof sowie Peek & Cloppenburg, dafür fehlen ihr S. Oliver (Sachsen Allee) oder TK Maxx (Sachsen Allee & Chemnitz Center), Takko (Altchemnitz Center) und im Unterschied zu 2015 inzwischen auch Esprit, Jack Wolfskin oder Zara (gibt es gar nicht mehr im Stadtgebiet). Chemnitz gingen seit 2015 insgesamt etwa 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche verloren. Und wie der Rückzug von Markengeschäften vor allem das Stadtzentrum betraf, trifft das auch auf die Verkaufsfläche zu: „Der Verlust ist nicht in den Einkaufszentren passiert, sondern in der Innenstadt“, weiß Lingen – damit habe die Stadt zumindest in punkto Kaufgelegenheiten an Zentralität verloren.

Exklusivität ist also ein wichtiges Gut, wenn es darum geht, Menschen zum Weg in die City zu bewegen. Da sieht es für die Chemnitzer Innenstadt allerdings nicht besonders gut aus: So sind von den deutschlandweit 25 wichtigsten Markenshops für Bekleidung und Schuhe – von H&M bis Birkenstock – im Jahr 2021 nur noch 14 überhaupt im Chemnitzer Stadtgebiet vertreten. Exklusiv hat die City neben Decathlon noch die Galeria Kaufhof sowie Peek & Cloppenburg, dafür fehlen ihr S. Oliver (Sachsen Allee) oder TK Maxx (Sachsen Allee & Chemnitz Center), Takko (Altchemnitz Center) und im Unterschied zu 2015 inzwischen auch Esprit, Jack Wolfskin oder Zara (gibt es gar nicht mehr im Stadtgebiet). Chemnitz gingen seit 2015 insgesamt etwa 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche verloren. Und wie der Rückzug von Markengeschäften vor allem das Stadtzentrum betraf, trifft das auch auf die Verkaufsfläche zu: „Der Verlust ist nicht in den Einkaufszentren passiert, sondern in der Innenstadt“, weiß Lingen – damit habe die Stadt zumindest in punkto Kaufgelegenheiten an Zentralität verloren.

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Anziehungskraft jenseits des Handels

Dabei frequentieren die Chemnitzer ihre Innenstadt durchaus, wie Lingens Umfrageergebnisse zeigen: 38 Prozent der Teilnehmer*innen hatten hier bestätigt, mindestens ein Mal pro Woche in der Innenstadt zu sein, sogar zwei Drittel gaben an, wenigstens ein Mal im Monat hier vorbeizuschauen. Der stationäre Innenstadthandel ist dabei nur ein Grund, hierher zu kommen: „Der Wochenmarkt ist für die Innenstadt genauso attraktiv wie Kaufhof“, hat Lingen festgestellt – kein Wunder also, dass dieser Sommers wie Winters durchgezogen wird. Durchaus könnte es sich also lohnen, über ein attraktives innerstädtisches Markthallenkonzept – dann auch mit Event-Food oder ähnlichen Angeboten – noch einmal ausführlicher nachzudenken.

Doch auch ohne dies hat das Zentrum Anziehungskraft: als Arbeitsort, zunehmend auch mit Gastronomie oder mit Kultureinrichtungen, Freizeitangeboten und Kulturereignissen. Allein etwa 750.000 Besucher*innen von innerstädtischen Kultur-, Bildungs- und Freizeitangeboten in den Monaten Mai bis September ergab eine Umfrage, die CHEMNITZ INSIDE im Jahr 2018 durchgeführt hatte. In den vergangenen Sommern mögen dies pandemiebedingt einige Zehntausend weniger gewesen sein – doch die Chemnitzer Innenstadt bietet auch abseits des Handels ihre Reize.

Dass Stadtzentren längst nicht nur wegen ihrer Einkaufsmöglichkeiten geschätzt werden, bestätigt auch eine Befragung von Passant*innen, die das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) regelmäßig bundesweit in deutschen Innenstädten durchführt, zuletzt im Herbst 2020. Vor allem Ältere streben der Studie zufolge hauptsächlich für einen Einkaufsbummel in die Städte, bei Menschen unter 25 Jahren sind dies aber nur mehr 50 Prozent. Stattdessen suchen jüngere Zielgruppen häufiger gastronomische Einrichtungen auf (28 Prozent), besuchen Behörden oder Ärzte (23 Prozent) oder wollen das Freizeit- und Kulturangebot nutzen (13 Prozent, Mehrfachantworten möglich). Jürgen Block, Geschäftsführer der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e.V., resümierte: Wenn unsere Innenstädte attraktiv bleiben sollen, muss Stadtentwicklung von den Bedürfnissen der Menschen aus gedacht werden. Die möchten sich in der Stadt versorgen, aber gerade die jüngeren Befragten möchten vor allem auch etwas erleben und sich begegnen.“ Und auch der Beirat Innenstadt des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat stellte im Sommer 2021 fest: „Zukunftsperspektiven für Innenstädte entstehen durch Nutzungsmischung und hohe Aufenthaltsqualitäten.“

Mehr Nutzungsarten, mehr Qualität

Die südwestsächsischen Städte reagieren auf solche Ergebnisse (auch wenn lediglich Freiberg regelmäßig an der IFH-Befragung teilnimmt und sich entsprechend Rückmeldung zur eigenen Innenstadt-Attraktivität holt). Vielerorts gibt es Initiativen, die die Aufenthalts- und Erlebnisqualität der Kernstädte steigern oder durch besondere Angebote und Events Menschen in die Innenstadt locken wollen. Dies beweist die Vielzahl erfolgreich eingereichter Konzepte beim Wettbewerb „Ab in die Mitte!“. Auerbach im Vogtland sicherte sich hier im Jahr 2021 den zweiten Preis und 20.000 Euro für die Umsetzung des Konzepts „AUERBACHerLEBEN“, die Städte Flöha und Stollberg sicherten sich dritte Preise für einen Event-Garten im Stadtzentrum (Flöha) oder die Umwandlung eines Parkplatze in einen Marktplatz (Stollberg). Anerkennungs- und Sonderpreise gingen nach Burgstädt, Oederan, Augustusburg oder Ehrenfriedersdorf.

„Die hohe Anzahl an Teilnehmern ist Beleg dafür, dass die Bedeutung der Innenstädte noch weiter ins Bewusstsein der Verantwortlichen in den Städten und Gemeinden gerückt ist“, findet IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich: „Gerade die weitreichenden Einschränkungen durch Corona erfordern es, mit kreativen Projekten die Ortzentren für Einwohner und Gäste noch attraktiver zu gestalten.“ Dank einer Sonderausschüttung des sächsischen Landtags profitierten in diesem Jahr neben den Preisträgern noch zahlreiche weitere Kommunen von ihrer Teilnahme am Wettbewerb – darunter Chemnitz, Aue, Freiberg, Marienberg oder Mittweida. So kann Chemnitz das ohnehin mit der Chemnitzer Siedlungsgemeinschaft für den kommenden Februar vereinbarte Projekt einer (Kunststoff-)Eisbahn im Stadtzentrum erweitern – etwa durch eine zusätzliche Eisstockbahn. „Das hilft auch den dort ansässigen Unternehmen, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern oder zu stabilisieren“, weiß Wunderlich.

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Weniger Handel, weniger Miete

Ob sich mit den Projekten, von denen viele auf lediglich auf temporäre Belebungen ausgelegt sind, die Schwäche des regionalen Einzelhandels bekämpfen lässt, darf freilich nicht als gesichert gelten. Das IFH Köln nennt eine Summe von bundesweit mindestens 500 Millionen Euro jährlich für die nächsten fünf Jahre, die Städte zur Rettung ihrer Zentren zur Verfügung haben sollten – insgesamt also 2,5 Milliarden Euro. Da sind „Ab in die Mitte“-Preisgelder eher ein Tropfen auf den heißen Stein.

Stattdessen wird sich vielerorts im Stillen fortsetzen, was mit den Schließungsdrohungen und Schließungen des Galerie Karstadt Kaufhof-Konzerns 2020 öffentlichkeitswirksam begonnen hat: radikale Kämpfe um die Mietpreise für Gewerbe- und Handelsflächen in Innenstädten. „Die immobilienwirtschaftlichen Veränderungen in den Innenstädten sind teilweise sehr groß“, hat der Expertenbeirat des Bundesinnenministeriums festgestellt. Viele Eigentümer*innen seien davon betroffen – sie büßen Mieteinnahmen ein, ihre Immobilien verlieren an Wert.

Trotzdem sind sie oftmals nicht offen für neue Nutzungskonzepte – weil diese nicht ausreichend Rendite brächten: „Aktuell sind die anfallenden Kosten zur Nutzung von Gebäuden oder Grundstücken in Innenstädten für weniger umsatzstarke Betriebe, Bildungseinrichtungen, gemeinwohlorientierte Einrichtungen oder Start-ups des Kultur- und Kreativhandwerks zumeist zu hoch bzw. Flächenangebote unzureichend oder wenig geeignet“, stellt der Innenstadtbeirat des BMI fest.

Dabei hätten viele Menschen viele Ideen für neue Nutzungen von Innenstadt-Immobilien: Als die Schließung des Chemnitzer Kaufhofs drohte, entwickelten Nutzer der Online-Plattform Facebook gleich gut zwei Dutzend Nachnutzungsideen – vom Umbau zu einem neuen Schauspielhaus bis zur Einrichtung eines Urban-Food-Markets. vtz

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